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Herausragend: „Krankenzimmer Nr. 6“ im Deutschen Theater

Krankenzimmer_Nr.6Diese Aufführung ist ein Alptraum. Kein Wunder, dass die Insassen dieser weißen Hölle am Ende nur noch raus wollen. Die Kranken und ihr Arzt, die Depressiven und die Sehnsüchtigen, die Verstörten und in ihrem eigenen Kopf Eingesperrten, die eben noch verloren auf der leeren Bühne standen, merken, dass sich in ihrem Rücken langsam der letzte Ausgang schließt. Sie rennen nach hinten, in die Tiefe der Bühne, gegen den weißen Rundhorizont. Und natürlich schnappt die Falle zu, das hohe Rechteck in der Rück­wand schließt sich schnell, leise und endgültig, ein paar Sekunden, bevor sie es erreichen. Du musst nur die Laufrichtung ändern, scheint ihnen die verschlossene Wand, das Ende ihrer Welt, höhnisch zu sagen. Der Arzt, der längst selbst einer der Kranken ist, ein Bewohner dieses Asyls im Niemandsland, kann sich nur noch umdrehen, einen kurzen Ausfallschritt wagen, theatralisch die Arme in die Höhe reißen und schreien. Wenn es so etwas wie ein Echo gibt, das nicht nach, sondern vor einem Schrei zu hören und, in diesem Fall: zu sehen, ist, dann ist die gesamte Aufführung so ein Echo.

Dimiter Gotscheff hat am Deutschen Theater Anton Tsche­chows Erzählung „Krankenzimmer Nr. 6“ inszeniert. Aber weil er in die Selbstgespräche, Dialogbrocken und Traumgespinste der seelisch Kranken in dem russischen Provinzkrankenhaus lauter Textfetzen aus Tschechows Theaterstücken, aus dem „Kirschgarten“ und der „Möwe“, aus „Platonow“ und aus der depressiven Erzählung „Eine langweilige Geschichte“, montiert hat, ist daraus eine Art Röntgen­bild von Tschechows Werk geworden. Jetzt klingt es wie das Gemurmel von Insassen einer geschlossenen Anstalt. In den zwei ungemein dichten Stunden der Aufführung hört man das Echo, das Stimmengewirr aller Tschechow-Stücke. Dass Gotscheff Tschechows Figuren, zumindest das, was hier noch von ihnen übrig geblieben ist, in die Psychiatrie bittet, ist nicht anmaßend, sondern die konse­quen­te Fortsetzung des beängs­tigenden Gedankens, den Tschechow in seiner Erzählung durchspielt: Dass die Grenzen zwischen uns, den scheinbar mehr oder weniger Gesunden, und den seelisch Kranken, die an sich selbst und ihren nicht mehr steuerbaren Gefühlen zerbrechen, sehr dünn, zufällig, ja: willkürlich gesetzt und alles andere als stabil sind. In der Erzählung ist es ein Arzt, der die Welt der Normalen mit ihrer Biedermeier-Logik gegen die der Krankenzimmer-Insassen eintauscht. Wenn es so leicht ist, der Welt abhanden zu kommen, warum sollten dann ausgerechnet Tschechows Figuren, diese Empfindlichkeits-Artisten, auf der sicheren Seite und auf dem Boden der Tatsachen stehen.

Krankenzimmer_Nr.6Auch die Erzählweise der zerrissenen, bis zur Unverständ­lichkeit fragmentierten Dialogfetzen, Kleinstbruchstücke von Geschichten ist alles andere als willkürlich. Sie ist nichts als die Radikalisierung und Verdichtung von Tschechows Dramaturgie, die sich dem sich rundenden Plot verweigert, und in so genauen wie scheinbar ziellosen Skizzen leerlaufender Gespräche, verfehlter Begegnungen, stillgestellter Sehnsüchte das ungelebte Leben beobachtet. Was so in Gotscheffs Inszenierung entsteht, ist ein ziemlich verstörendes Palimpsest, das Tschechows Figuren aus dem 19. Jahrhundert mit Be­cketts Monaden überblendet. Plötzlich wirkt Tschechow, der in all den Artikeln, die zu seinem 150. Geburtstag erschienen sind, als guter alter Bekannter, als vertrauter Freund, als lieber Herzens­erwärmer auftauchte, sehr gespenstisch, fremd und radikal. Nach Jürgen Goschs eindringlichen Tschechow-Erkundungen ist das ein ganz anderer, aber ähnlich konsequenter, ungeschützter und – großes Wort: ehrlicher Zugriff, der wie Goschs Inszenierungen den Blick auf Tschechows Figuren von aller Samowar-Gemütlichkeit entschlackt.
Gotscheffs Inszenierung ist ein großes Kunstwerk, das davon erzählt, wie Menschen sich im Dickicht ihrer Gefühle, Verstörtheiten und Verletzungen verirren und aus ihm nicht mehr herausfinden. Wer an diesem Abend nicht ahnt, dass er, ein Minimum an Empfindsamkeit vorausgesetzt, in Situationen geraten kann, in denen er seinen Verstand verlieren könnte, hat keinen zu verlieren. Das ist so beunruhigend wie, im arroganzfreien Mitgefühl für die Zerbrochenen, zutiefst menschlich.

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Arno Declair

(tip-Bewertung: Herausragend)

Termine: Krankenzimmer Nr. 6
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