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Installation

Ingo Mittelstaedt im Haus am Waldsee

Die Regeln der Ausstellung brechen: Fotokünstler Ingo Mittelstaedt macht aus Peter Raues ­Sammlung sprechende Bilder in acht Räumen

Foto: Bernd Borchardt

Ein wenig erinnert die aktuelle Schau im Haus am Waldsee an eine Wunderkammer. Auf einem meterlangen Podest hat der Kurator Ingo Mittelstaedt Gotthard Graubners „Kissenbild“ zusammen mit Beuys im wahrsten Wortsinne lapidaren Objekt „Ziegelstein“ arrangiert. Dazu die abstrakten Kopf-Plastiken von Rainer Kriester, sowie eine raffinierte Fotoarbeit des Universalgenies Wolf Kahlen. Mittelstaedt hat all diese Kunstwerke auf einem als „f“ bezeichneten Teppich gebettet. Dieser wurde dem 1978 geborenen Fotokünstler auf einem der zahllosen Basare Istanbuls angedreht.
Auf Mittelstaedts eigene Arbeiten wurde vor zwei Jahren Katja Blomberg, die Leiterin des Haus am Waldsee, aufmerksam.  Zum 70. Geburtstag der Institution in lauschiger Umgebung entwickelt Mittelstaedt nun für Katja Blomberg in der Ausstellung „Chinese Whispering“ eine Art artistisches Kuratoren-Verfahren, um die Sammlung des Anwalts und passionierten Sammlers Peter Raue zu präsentieren. Herausgekommen ist eine Hommage an Mr. MoMa, denn dessen hochkarätige Kollektion war bislang nicht öffentlich zu sehen. Raue gestattete dem Künstler eine Auswahl von rund 100 Werken, die bislang seine Privaträume zierten.

Wir alle kennen seit Kindertagen das Prinzip der „Stillen Post“, des Deutschen Pendants des „Chinese Wispering“, bei dem sattsam Bekanntes mal verschleiert oder verwässert, in jedem Fall aber verändert wird. Genau dies ist Mittelstaedt jetzt geglückt. In acht Räumen bricht der junge Künstler das bei Peter Raue vorgefunden „Material“ auf, indem er seine subjektive Auswahl der Privatsammlung collagiert und mit Fotoarbeiten sowie mit Fundstücken aus einem Atelier – etwa Plexiglasflaschen oder Verpackungskartons – in einen sinnreichen Dialog treten lässt. In diesem Parcours „unterläuft er die herkömmlichen Regeln der Ausstellungspraxis“, so Katja Blomberg.  Und außerdem die Hierarchien der Kunstgeschichte.

Den Ausgangspunkt dieses schöpferischen Ensembles bildet ein Langgedicht von Wallace Stevens aus dem Jahr 1937, das recht genau die Arbeitsweise Mittelstaedts formuliert: „Ich kriege die Welt nicht rund/ doch stückle ich sie so gut ich kann.“  Wie in einem digitalen Netzwerk geraten so Werke aus der Sammlung Raue in ein dichtes wie leises Gespräch. Bloß beim Herzstück der Schau folgte der Künstler der tatsächlichen Präsentation in Raues häuslichem Umfeld. Ein Bildersaal ist allein Rebecca Horn gewidmet, mit der Raue viele Jahre befreundet ist. Dieser ist zu beneiden, erhält er doch alljährlich gewitzte Glückwunschkarten von einer der produktivsten Künstlerinnen im Lande, die ebenfalls ausgestellt sind. Horns einmalige Verbindung des Poetischen mit dem Reflexiven charakterisiert Raues persönliche Vorlieben. Ein gelungeneres Fazit zum 70jährigen Bestehen des „Hauses an Waldsee“ ist kaum denkbar.

Haus am Waldsee Argentinische Allee 30, Zehlendorf, Di–So 11–18 Uhr, bis 28.8.

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