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Interview mit den Kuratoren der Pop-Kultur

In einem über drei Tage und Nächte ausufernden Programm dreht sich das „Pop-Kultur“-Festival in Neukölln vom 31. August bis 2. September ganz im Sinne seines Namens um sich selbst – und zwar in alle Richtungen mit Blick nach Außen. Wir haben mit den Kuratoren Katja Lucker, Martin Hossbach und Christian Morin über, nun ja, die Pop-Kultur gesprochen…

Hossbach Lucker Morin
Foto: Patrick Desbrosses

tip Der Musikkritiker Jens Balzer hat kürzlich in seinem Buch „Pop – Ein Panorama der Gegenwart“ ein ebensolches entworfen. Als Theorie zumindest. Ist das Festival Pop-Kultur in gewisser Weise die praxisnahe Manifestation einer »Pop-Gegenwart“?

Martin Hossbach Ja, es ist tatsächlich einer unserer Ansätze, Pop-Musik in all ihren Schattierungen abzubilden. Es bleiben immer Lücken, die versuchen wir dann im folgenden Jahr zu schließen.

Katja Lucker Insgesamt zeichnet unser sehr aufwendig gestaltetes Pop-Kultur Nachwuchs Programm ein sehr spannendes und diverses Bild der Musikbranche heutzutage: Vom Komponieren, Schreiben, Vermarkten, Rezensieren, bis hin zum Performen… Außerdem würde ich jetzt mal behaupten, dass derzeit kein anderes Festival so sehr darauf Wert legt, queere Künstler_Innen und Frauen mit großem Selbstverständnis zu präsentieren.

tip Sie setzen „zeitgemäße Diversität und Internationalität“ des Programms voraus. Internationalität ist soweit klar, doch wie äußert sich die „zeitgemäße Diversität“?

Katja Lucker Naja wie immer gucken wir auch dahin wo es besonders, oder anders oder eben auch unbequem ist: Was ist eigentlich zuerst da: die Depression oder die Kreativität, oder macht das Popbusiness zarte Seelen krank? Darüber kann man mehr erfahren bei unserem Talk „Pop und Depression“ z.B. Auch die Wahrnehmung von Behinderungen wird in vielerlei Hinsicht popkulturell. Neue Ausdrucksformen, Selbstermächtigung – Menschen sind nicht behindert. Sie werden behindert. Technologie und Stardom, Labor und Glamour, Futurismus und Transhumanismus: was es bedeutet es als Mensch mit Behinderund und gleichzeitig Künstler_In aktiv zu sein? Das lässt sich hören bei unserem Talk „Freaks, Cyborgs, Prototypes. Über Popkultur und Behinderung“.

tip Richard Hell und Thurston Moore, um zwei Beispiele zu nennen, gehören einer älteren Künstlergeneration an und sind dennoch im Programm. Ist Zeitgenossenschaft kein Privileg der Jugend?

Christian Morin Wir haben viele sehr junge Künstler_Innen im Programm, aber eben auch einige aus einer Generation, die selbst in der Vergangenheit große strukturelle und künstlerische Umbrüche mit geprägt haben. Die Erfahrungen dieser Menschen sind extrem wichtig für das Hier und Jetzt.

tip Wie wichtig sind Digitalisierung, Internet, technologischer Fortschritt, für die Ästhetik des zeitgemäßen Pop?

Martin Hossbach Man kann nicht von ›der‹ Ästhetik sprechen, wir sehen uns mit vielen verschiedenen Ästhetiken konfrontiert.

Christian Morin Neue Technologien schaffen immer auch neue Möglichkeiten und Formen künstlerischen Ausdrucks. Interessant wird es da, wo man Technologie spielerisch zweckentfremdet. Die verzerrte elektrische Gitarre entstand zum Beispiel dadurch, dass man die Übertragungsfehler eines elektronischen Bauteils (die Röhre) zum künstlerischen Stilmittel erklärte.

tip Inwieweit reflektieren solche Entwicklungen die Performances der diesjährigen Künstler?

Martin Hossbach Was den künstlerischen Ausdruck angeht sind die oben erwähnten Entwicklungen wichtig und unwichtig zugleich. Wir zeigen Musik, die ohne »Digitalisierung, Internet und technologischen Fortschritt« so nicht hätte entstehen können, ich nenne hier beispielhaft Fatima Al Qadiri…

Christian Morin … die mit digitalen Mitteln Aussagen über die Überwachungsgesellschaft trifft. Das tut sie sowohl als bildende Künstlerin als auch als Musikerin. Sie erschafft futuristisch bedrohliche akustische Klangwelten, die manchmal an die Soundtracks eines John Carpenter erinnern.

Martin Hossbach Und dann gibt es Bands wie Royal Comfort, ein Projekt des Berliner Chuckamuck-Sängers Oska Wald, bei denen diese Entwicklungen keine Rolle spielen – und trotzdem würde ich diese Gruppe als zeitgemäß bezeichnen.

tip Neben Konzerten gehört auch eine Diskurs-Ebene zum Programm. Warum muss eigentlich immerzu über Pop geredet, gedacht und geschrieben werden? Das ist eine eher neue Tendenz, die es so in Vergangenheit nicht gab und doch entstand auch früher, ohne den analytischen Überbau, aufregende Popmusik.

Christian Morin Reflexion über Kunst ist so alt wie die Kunst selbst. Das hat der Pop-Diskurs nicht erfunden. Gerade in einer Welt, in der man von Informationen geradezu überrannt wird, ist es wichtig inne zu halten, um Dinge einzuordnen und sich der Strukturen bewusst zu werden. Der Erfolg der Gesprächsformate im letzten Jahr hat gezeigt, dass es offensichtlich ein großes Bedürfnis nach diskursivem Austausch gibt.

tip Pop-Kultur versteht sich zudem als Branchen-Festival, wie steht es um den Pop-Standort Berlin, heute und in der Zukunft?

Katja Lucker Leider vermag ich nicht in die Zukunft zu schauen, nehme aber nach wie vor wahr, dass Künstler_Innen aus der ganzen Welt nach Berlin kommen, um hier zu leben und zu arbeiten, was uns nach wie vor sehr freut.
Um die 60% unserer geförderten Künstler_Innen sind internationaler Herkunft.
Wie setzen uns als Musicboard sehr stark dafür ein, dass es allen Akteuren jetzt und in Zukunft gut geht, z.B, indem wir das Clubkataster aufgesetzt haben, oder auch indem wir immer wieder als Moderatoren Clubs helfen, wenn es Probleme gibt.
International steht Berlin immer noch als eine der freiesten und weltoffensten Städte überhaupt dar und das spiegelt sich auch in unserer Club- und Musikkultur wieder.

Pop-Kultur – 31.08.16 – 2.09.16 / Neukölln (Schwuz u.a. Orte)

Alle Termine siehe Tagesprogramm oder www.pop-kultur.berlin

Katja Lucker –  Geschäftsführerin Musicboard Berlin GmbH
Die in Norddeutschland geborene Katja Lucker begann ihre Karriere 1990 in Berlin als Schauspielerin, bevor sie sich erfolgreich als Kulturmanagerin selbständig machte. Zu ihrem Portfolio gehören u.a. das Kesselhaus in der Kulturbrauerei, der Karneval der Kulturen, sowie Arbeiten am Haus der Berliner Festspiele u.a. mit Karlheinz Stockhausen. Von 2007 bis 2012 arbeitete sie als Projektleiterin „Kreativwirtschaft“ während der RUHR.2010. Daneben war Katja Lucker Mitglied verschiedener Musiknetzwerke in Berlin und Teil verschiedener Jurys der Berliner Musikförderung. Im Januar 2013 wurde sie zur Musikbeauftragten des Landes Berlin ernannt und leitet seit dem die Musicboard Berlin GmbH. Seit 2015 ist das Musicboard zudem für die Organisation des Pop-Kultur Festivals verantwortlich, das 2016 zum zweiten Mal vom 31. August bis 02. September stattfindet – diesmal in in Berlin Neukölln.

Martin Hossbach (*1975, Hamburg) ist Kurator des Musikfestivals »Pop-Kultur«. Zuvor arbeitete er als Kurator für »Foreign Affairs – Festival für performative Künste« im Haus der Berliner Festspiele. Als Musik-Berater betreut er vornehmlich Berliner Film-Regisseure wie Maren Ade (»Alle anderen«, »Toni Erdmann«), Ulrich Köhler (»Schlafkrankheit«) und Sonja Heiss (»Hedi Schneider steckt fest«). Hossbach betreibt das Musiklabel »Martin Hossbach«, wo er Singles und Alben von u.a. Rafael Horzon, Justus Köhncke und Dirk von Lowtzow veröffentlicht. Er ist Herausgeber von »Die Tocotronic Chroniken« (Blumenbar/ Aufbau) und als Journalist tätig für Spex, Monopol und Travel Almanac.

Christian Morin in Berlin seit 1988, war von 1991 – 1998 Mitbetreiber und Programmgestalter des legendären Künstlerhauses „Eimer“ am Rosenthaler Platz. 1997 gründete er die Agentur Headquarter Entertainment, die sich hauptsächlich dem internationalen Livebooking widmete, aber auch immer wieder Veranstaltungen und Reihen in Berlin durchführte. 2009 begann er als Musikkurator der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz seinem Bedürfnis nach stärkerer inhaltlicher Arbeit zu folgen. Er war Gründungsmitglied der Berlin Music Commission, deren Kuratorium er zeitweise leitete. 2015 entwickelte er das Konzept des Pop-Kultur Festivals mit, bei dem er seitdem zusammen mit Martin Hossbach und Katja Lucker im künstlerischen Leitungsteam aktiv ist.

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