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Ein Jahr #Metoo-Debatte

Margarete Stokowski: „Das Patriarchat ist eine alte, eklige Tradition“

Das Patriarchat fragt und Margarete Stokowski antwortet. Das neue Buch der Kolumnistin und Feministin heißt schließlich: „Die letzten Tage des Patriarchats“. Warum? Das wüsste dieses jetzt gern mal genauer.

Foto: Rosanna Graf

„Spiegel-Online“-Kolumnistin Margarete Stokowski: Seit 2015 schreibt sie dort wöchentlich Texte unter dem Titel „Oben und unten“. Ihr erstes Buch, „Untenrum frei“, erschien vor zwei Jahren. 1986 im polnischen Zabrze geboren, lebt sie seit 1988 in Berlin

Das Patriarchat fragt und Margarete Stokowski antwortet:

Das Patriarchat Frau Stokowski. Warum hassen Sie mich so?
Margarete Stokowski Auf meinen persönlichen Hass kommt es gar nicht so sehr an. Man soll ja auch nicht nachtreten, wenn jemand schon am Boden liegt. Ziemlich viele Leute haben mittlerweile verstanden, dass es für alle besser ist, wenn Rechte und Freiheiten nicht mehr davon abhängen, welches Geschlecht man hat oder woher man kommt, deswegen wird sich das Patriarchat auf die Dauer erledigen, auch wenn es zwischendurch mal nicht danach aussehen mag.

Das Patriarchat Ich habe mich mal dazu durchgerungen, Ihren Sammelband tatsächlich zu lesen. Gerade in Ihren frühen Kolumnen geht’s ganz schön viel ums Bumsen. Wenn unsereins mal einen sexistischen Witz macht, ist das Geschrei groß. Voll unfair, oder?
Margarete Stokowski Sex und Sexismus, ja das ist leicht zu verwechseln, nicht wahr? Ich dachte, als ich klein war, auch noch, „sexistisch“ wär ein Fremdwort für „was mit Sex“. Irgendwann hab ich dann gelernt, dass Sexismus bedeutet, Leute nach Geschlecht zu diskriminieren, ich glaube, da war ich vielleicht elf oder so. Sie sind jetzt um die 3.000 Jahre alt, aber okay, es ist nie zu spät zum Lernen..

Das Patriarchat Sie kommen in Ihren Kolumnen immer wieder darauf zu sprechen, dass alle unter mir leiden – also auch Männer. Häh? Was soll schlecht daran sein, das Sagen zu haben?
Margarete Stokowski Es ist ja nicht so, dass bei Ihnen im Patriarchat alle Männer das Sagen haben und Frauen nichts zu melden haben. Männer sterben früher, begehen öfter Suizid, sind häufiger obdachlos. Aber sie sitzen eben auch öfter ganz oben, haben mehr Geld und müssen sich nicht ständig anhören, dass sie mal lächeln sollten, weil sie dann viel süßer sind. Patriarchat heißt nicht, dass Männer automatisch mächtig sind, sondern es heißt, dass Machtpositionen im Normalfall von Männern besetzt sind, und das nicht durch Zufall, sondern weil es ihnen leichter gemacht wird, da hin zu kommen. Was aber gleichzeitig auch heißt, dass bestimmte Eigenschaften eher Männern und andere eher Frauen zugeschrieben werden. Durchsetzungskraft und Aktivität bei den einen, Einfühlsamkeit und Fürsorge bei den anderen, und so weiter. Und dann seien Sie mal ein schüchterner Mann, der versucht, eine Frau anzusprechen.

Das Patriarchat Im Kapitel „Bauch, Beine, Po“ beschweren Sie sich darüber, dass dicke Mädels keine Leggings tragen dürfen. Was haben solche Larifari-Forderungen mit Gleichberechtigung zu tun?
Margarete Stokowski Naja, ich beschwere mich nicht darüber, dass dicke Mädchen keine Leggings tragen dürfen, sondern dass Leute sich anmaßen, darüber zu urteilen, ob das gut aussieht oder nicht. Viele Frauen sind im Alltag ständig Kommentaren über ihren Körper ausgesetzt, egal ob sie Politik oder Sport machen oder gerade ein Kind zur Welt gebracht haben. Man kann das für Kleinkram halten, aber Frauen wurden in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder davon abgehalten, sich um wichtigere Dinge zu kümmern, indem man erklärte, irgendwas an ihrem Körper sei dafür verantwortlich, dass sie nicht richtig denken können oder keinen Sport treiben sollten oder nicht wählen sollten. Wenn man heute erklärt, eine Frau könne so und so – ungeschminkt, mit Übergewicht, whatever – ja wohl nicht aus dem Haus gehen, dann steht das in dieser alten, ekligen Tradition.

Das Patriarchat Nun aber nochmal von vorn: Warum sollen nun gleich noch meine letzten Tage gekommen sein? Ich fühl‘ mich eigentlich ganz prall, höhö. Immerhin gibt es genug Leute, die auf meiner Seite sind – das versammelte Personal der AfD zum Beispiel.
Margarete Stokowski Ja, deswegen kämpfen wir gegen die.

Das Patriarchat Im Vorwort Ihres Bands schreiben Sie: „Gute Zeiten, um nicht nur den Zerfall des Patriarchats zu beobachten, sondern auch sein letztes Aufbäumen.“ Was, bitteschön, meinen Sie mit „letztem Aufbäumen“? Wie soll dieses „letzte Aufbäumen“ aussehen?
Margarete Stokowski Ich meine den Backlash, also unter anderem die AfD. Ich meine all diejenigen, die sagen, es sei jetzt mal gut mit all den Freiheiten für Minderheiten. Es hieß ja auch in der #Metoo-Debatte häufiger, Feminismus schön und gut, aber das geht zu weit. Natürlich geht der Feminismus zu weit, das ist unsere Grundidee: über bestehende Verhältnisse hinauszugehen.

Das Patriarchat Zugegeben, seit dieser hysterischen #MeToo-Debatte habe ich schon auch Bedenken, meiner Sekretärin mal schön zuzuschnalzen. Habt ihr Feminazis jetzt bekommen, was ihr wollt? Könnt ihr euch endlich mal lockermachen?
Margarete Stokowski Ja, es ist angenehmer so, danke.

Das Patriarchat Was genau hat dieser #MeToo-Unsinn nun zum Besseren verändert? Wir dürfen keine Filme mehr von Harvey Weinstein gucken, zum Vögeln braucht man einen Vertrag und alle haben Angst vorm Flirten. Ist doch scheiße.
Margarete Stokowski Wer wegen der #Metoo-Debatte nicht mehr weiß, wie man flirten soll, der wusste es vorher auch schon nicht. Ja, es ist heute schwieriger geworden, sich eine Frau ins Hotelzimmer zu bestellen und sich dann im Bademantel auf sie draufzuwerfen, aber die charmante Art war das eh noch nie.

Das Patriarchat Unter uns: Haben Sie in Ihrem Alltag etwa gemerkt, wie mich die #MeToo-Debatte mitgenommen hat?
Margarete Stokowski Ja. Mal abgesehen von den offensichtlichen Brüchen durch Anklagen, Verhaftungen oder Gerichtsurteile. Die #Metoo-Debatte ist jetzt ein Jahr alt und immer noch nicht vorbei, ich würde sogar sagen, es hat gerade erst angefangen. Ich habe seit dem Beginn der Debatte viele Gespräche mit Männern geführt, die sich fragen, was ihre Rolle in diesen Geschichten ist. Ob sie sich auch schon mal schäbig verhalten haben oder ob sie dabei waren, als jemandem etwas passierte, und wie man sich verhalten sollte in einer solchen Situation. Und, ja, vielen ist dabei aufgefallen, dass sie viel mehr tun könnten, als ihnen bisher klar war. Indem sie Frauen zuhören und Arschlöcher nicht einfach machen lassen, zum Beispiel.

Das Patriarchat Irgendeine Idee, wie die Welt aussieht, wenn ich nicht mehr da bin?
Margarete Stokowski Ich glaube, wir haben alle keine Vorstellung. Was sicher ist: weniger Gewalt, gerechter verteiltes Geld. Väter, die die Geburtstage und Kleidergrößen ihrer Kinder auswendig wissen… und man wird als Frau auch nach Sonnenuntergang joggen gehen können, ohne für verrückt erklärt zu werden. Oder nachts um vier betrunken und halbnackt nach Hause laufen, je nachdem, was man mag. Es wird entspannt.

Die letzten Tage des Patriarchats von Margarete Stokowski, Rowohlt, 320 S., 20 €
Lesung: (mit Paula Irmschler): Galerie ErsterErster, Pappelallee 69, Prenzlauer Berg, Di 30.10., 20 Uhr, Eintritt 12 € (AK)

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