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West-Berliner Subkultur der 80er-Jahre

Interview mit Maria Zastrow – Teil 2

Foto: Petra Gall

Sie haben mit ihrem Stil und ihrer Musik wiederum viele Musiker beeinflusst. Die Einstürzenden Neubauten haben ein Stück von Lee Hazlewood gecovert, Nick Cave hat in jener Zeit ein ganzes Album mit Coverversionen alter Songs aufgenommen. Geht das auf Sie und Ihre Tapes zurück?

Das könnte schon sein, teilweise zumindest. Vielleicht war aber einfach die Zeit reif dafür, sich mit den Ursprüngen zu beschäftigen. Nick habe ich sicherlich beeinflusst was seine Frisur angeht und ihn reichlich mit Klamotten versorgt. Stilistisch prägten wir uns gegenseitig. Ich habe ihm tolle Hemden mit kitschigen Mustern oder auch mal eins aus dreifarbiger Spitze geschenkt, das dann später leider durch die Waschmaschine seiner Freundin Elisabeth zerstört wurde. Country-Trash-Ästhetik war das Zauberwort, viel zu klein und eng und womöglich ein wenig zerrissen aber egal. Als „Kicking Against The Pricks“, sein Album mit Coverversionen erschien, war es womöglich schon so, dass er viele der Originalsongs zuerst im Risiko auf meinen Kassetten gehört hat. In Berlin kannte man das nämlich sonst nicht. Damals haben die Leute höchstens die Cramps gehört, die sich auch aus Songs der 50er und 60er bedient haben. Bela B. etwa war einer dieser Mega-Cramps-Fans, wir kannten uns noch aus dem Dschungel, aus der Zeit vor den Ärzten, und unterhalten uns noch heute gerne über Musik.

Da wir bei Die Ärzte sind: Sie kannten ja auch den späteren Ärzte-Bassisten und langjährigen tip-Musikredakteur Hagen Liebing, der sich damals auch im Umfeld des Risiko bewegt hat.

Klar, Hagen war toll. Er hat uns im Risiko oft aus der Patsche geholfen, wenn mal wieder kein Geld für die Getränkelieferung da war oder das Bier ausging. Er war ja einer der wenigen, die ein Auto hatten. Wir haben dann irgendwo mit ihm zusammen Schultheiß-Dosenbier aufgetrieben. Er hat wenig getrunken, nie Drogen genommen und konnte immer fahren – und obendrauf war er supernett. Schade, dass es ihn nicht mehr gibt. Wir mochten ihn alle sehr gerne.

Heute würde man gar nicht denken, dass die Einstürzenden Neubauten und Die Ärzte in denselben Bars verkehrten.

Bela B. und Farin gehörten genauso wie Jörg Buttgereit (Splatter-Regisseur, drehte u.a. „Nekromantik“, Anm. d. Red.) praktisch zum Interieur. Bela war zum Beispiel gut mit N.U. Unruh von den Neubauten befreundet, sie sind ja beide Schlagzeuger und mochten sich. Ich weiß allerdings nicht, wie das heute ist. Und Blixa war null arrogant, wirklich null. Er war der netteste von uns am Tresen, umgänglich, freundlich, sehr geduldig, er hatte richtig gute Umgangsformen ganz im Gegensatz zu mir (lacht). Bela B. hatte eine kanadische Freundin, Lysanne Tibodo, die damals Super-8-Filme drehte und einer der Filme, „Bad Blood For The Vampire“, spielte teilweise im Risiko. Ich weiß noch, wie Bela mal eines Abends kam und sagte: Wir haben jetzt endlich einen Namen für die Band: Die Ärzte. Da habe ich zu ihm gesagt, also mit dem Bandnamen, das wird nie was (lacht). Da habe ich mich wohl geirrt.

1986 hat das Risiko zugemacht. Die Bad Seeds und die Neubauten wurden bekannt, die Ärzte sowieso. Erinnern Sie sich an den Wandel in der Szene?

Mit dem Mauerfall endete diese Ära, aber bereits so ab 1986 bemerkte ich eine Veränderung. Viele wechselten vom Speed zum Heroin und starben entweder rasch oder nach und nach an den Spätfolgen, manche kehrten reuig zurück zu ihren Familien nach West-Deutschland, um sich zu erholen. Nick und Blixa waren ständig auf Tour. Kögler ging nach Malta. Es ging raus in die Welt. Ich hatte das Glück, in einer tollen Band namens Trap Door als Bassistin zu landen, wir haben zwei Touren als Vorband für Die Haut gemacht und spielten unser erstes Konzert auf dem legendären „Gift“-Konzert im Quartier Latin. Dann kam die Wende und zeitgleich der Techno. Damit konnte ich erst mal nicht viel anfangen, obwohl mich elektronische Musik immer interessiert hat, aber diese Massenaufläufe waren überhaupt nichts für mich.

Ost-Berlin direkt nach der Wende fanden Sie auch nicht spannend?

Ost-Berlin hat mir anfangs überhaupt nicht gefallen. Die illegalen Kneipen waren zugegebenermaßen sehr lustig, aber die Techno-Clubs fand ich öde, und die Ost-Straßen haben mich deprimiert. Das ging vielen aus der West-Berliner-Szene so. Das Ex’n’Pop war für die 80er-Jahre-Leute noch die letzte Bastion aber auch nichts für mich, ich langweilte mich dort, denn mir fehlte dort die frische Energie und vielleicht auch das Licht. Es war mir einfach zu dunkel. Und wo sollte man da noch hingehen? 1994 bin ich dann nach New York gezogen.

Hat Sie das New York der 90er an West-Berlin erinnert?

Da gab es schon Parallelen. Die Mars Bar auf der 2nd Avenue Ecke 2nd Street zum Beispiel hat mich stark an Berlin erinnert. In New York stand ich jedenfalls sofort wieder am Tresen, in der allerbesten Bar, dem Max Fish. Zum Job verholfen hat mir damals der Kritiker und Kurator Carlo McCormick, den mir Anita Lane, die Ex-Freundin von Nick Cave, vermittelt hatte. Carlo hatte dort die Aufgabe, VIPs an der Tür zu begrüßen und mit einem Drink gebührlich zu empfangen. Nick kam auch manchmal vorbei. Der großartige Gerard Malanga, Jon Spencer und Lary Seven beispielsweise waren Stammgäste. Das Fish war eine Anlaufstelle für Musiker und Künstler, ähnlich wie es damals das Risiko. Kurze Zeit später fing ich an, Grafik-Jobs zu machen und musste somit nicht mehr an der Bar stehen. Dieses West-Berlin-Gefühl gab es im New York der 90er-Jahre für mich schon hier und da, nur wurde es im Laufe der Jahre gründlich weggentrifiziert und somit auch der Spaß. Max Fish musste vor einigen Jahren wegen nicht zu bezahlender Miete dicht machen.

Sie spielten in New York auch wieder in einer Band.

The Gunga Din, da habe ich dann Farfisa-Orgel gespielt, unser Schlagzeuger war Jim Sclavunos, der ja seit fast 25 Jahren bei den Bad Seeds spielt. Chris Pravdica war der Bassist, der ist jetzt bei den Swans.

Wann sind sie wieder zurück nach Berlin gekommen?

Nach dem 11. September wurde es dort so schrecklich, da hatte ich gar keine Lust mehr auf New York. Ich lernte die reaktionäre Seite mancher meiner Freunde kennen und der Anti-Amerikanismus überkam mich. Ich zog also zurück nach Berlin, hatte meine Platten dabei, die ich in Kanada auf Plattenladen-Trips mit den Künstlern Gordon Monahan und Laura Kikauka gekauft habe. Die kannte ich noch sehr gut aus Berlin, wo sie das Glowing Pickle und den Schmalzwald betrieben, heute leben sie auf ihrer Funny Farm in Meaford, in der Nähe von Toronto. Es gab in Kanada die besten Platten für wenig Geld, und dann habe ich Mitte der 90er angefangen, erst in New York und später in Berlin in kleineren Läden Platten aufzulegen. Exotica, Lounge, Sixties, Glam, Latin und Moog Music. Heute mache ich das nicht mehr so oft, dafür habe ich auf reboot.fm meine monatliche Radiosendung „Egoiste Radio Show“ und bin wieder Teil einer Band, sie heißt Glen, witzigerweise mit den Leuten von Trap Door.

Vermissen Sie die 80er?

Nein. Allerdings vermisse ich an mir die jugendliche, angstlose Energie. Berlin und ich waren wie ein Schwamm, der alles aufgesogen hat, aber dann ist auch bei mir eine gewisse Sättigung eingetreten. Vielleicht kann man die Stadt damals gut mit einem schwarzen Loch vergleichen. Irgendwann verschluckt es alles um sich und gibt nichts mehr zurück. Diese Goldene-Käfig-Situation brachte aber auch Langeweile mit sich, die nur durch einen andauernden Ideenstrom überwunden werden konnte. Aber es stimmt schon: West-Berlin hatte einen extrem hohen Kreativ-Output ohne das leidige „Kreativstadt“-Label, das ja heute nur allzu gern benutzt wird.

Heute erscheinen Bücher und Filme über die 80er-Jahre Subkultur in West-Berlin. Wie stehen Sie zu der neuen Aufmerksamkeit?

Jeder hat seine eigene Geschichte und sie stimmt im Auge des Betrachters. Ob Mark Reeder, Wolfgang Müller oder jemand wie Volker Hauptvogel, der ein Buch über die 70er und 80er in West-Berlin geschrieben hat, das ich übrigens auch deshalb so gut fand, weil er seine Biografie in Romanform verarbeitete. Volker beschreibt darin seine linke Gesinnung und die damit verbundene Geschichte in den besetzten Häusern, die ja ganz im Gegensatz stand zu der hedonistischen Bar-Szene und ihren Künstlern. Ich selbst war zwar politisiert, aber ich wohnte in einer Wohnung am Paul-Lincke-Ufer mit Waschmaschine und Zentralheizung und habe brav die Miete bezahlt. Etwa 800 DM hatte ich im Monat, 400 DM kostete die Miete, gegessen habe ich nichts und Alkohol gab’s sowieso umsonst. Übrig blieb am Ende eigentlich nichts, aber ich erinnere mich nicht, dass das zum Problem wurde. Der Berlin-Mythos wird wohl überschätzt, aber ich war ja auch mittendrin und habe viel davon profitiert – man darf nicht vergessen, dass es auch mitunter harte Arbeit war. Amüsierstress eben. Mit einer Menge „Captagon“ und „Coffedrinol“ nur halb so schlimm.

Ein Mythos blendet ja harte Arbeit und Langeweile auch weg.

Genau. Das tolle an West-Berlin in den 80er-Jahren war, dass es das Ziel, richtig Geld zu verdienen, nicht gab, weil das Leben so günstig war. Man musste nicht reich werden, sondern konnte immer auf einem Minimum balancieren – und das reichte. Reich geworden ist aus der Zeit ja auch kaum einer, außer Nick Cave und Die Ärzte vielleicht. Heute ist die Stadt zu groß geworden, um eine so kleine Subkulturszene an einem Ort zu halten. Außerdem sind die Mieten viel höher und steigen stetig, Bars müssen auf Gewinn wirtschaften, damit sie die Miete reinbekommen, und diese Aufwärtsspirale macht am Ende jede Stadt zu einer x-beliebigen. Sie verwandelt sich nach und nach in eine Abwärtsspirale, die spontane Kreativität hemmt und Ideenreichtum geradezu ins Nichts verschluckt. Wäre das so in den 80er-Jahren gewesen, hätte es Orte wie das Risiko nicht gegeben. Heute bist du zum Profit verdammt, um überleben zu können, und es fehlt die Zeit zur Muße, eine Art mit seiner Zeit umzugehen, die man heute als wahren Luxus bezeichnen könnte. Davon gab es damals für die meisten mehr als genug.

Link zu der Radiosendung von Maria Zastrow auf reboot.fm

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