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Interview mit Wolfgang Müller – 60 Daten zum 60. Geburtstag – Teil 3

41.  1. Janaur 2000

Die Zahl 2000 sah extrem doof aus, wenn man etwa Zeichnungen damit signierte. Komisch unsinnlich. Die Zahl 2000 wirkt Pseudomodern. Das Kumpelnest 3000 war der Zeit also etwa tausend Jahre voraus.

42. 2000 (Elfen-Buchveröffentlichung „Ich hab’ sie geseh‘n!“)

Elfen sind eine Metapher für alles, was da ist, man aber nicht sieht, schmeckt, spürt oder hört. So begreife ich Kunst. Kunst ist Wahrnehmungsforschung, eine Art Wissenschaft ins Offene, die aber nicht wissenschaftlichen Regeln folgt, sondern andere Regelwerke finden kann. Ich selbst beschäftige mich gern mit existenten, aber unsichtbaren oder unhörbaren Phänomenen. 1989 habe ich zum Beispiel eine LP („BAT“) mit hörbar gemachten Ultraschallecholauten von Fledermäusen veröffentlicht. Die letzte der tausend Vinyl-LPs habe ich dann 2009, nach über zwanzig Jahren verkauft. Mir gefiel aber auch „Bad“ sehr gut, der 1987 erschienene Millionenseller von Michael Jackson. Heute wird für „Bad“ bei discogs allerdings viel weniger geboten als für ein Exemplar von „BAT“. Zum Ausgleich.

43. 2004 (Skandal um die Puppe Wollita von Françoise Cactus)

Das war zunächst ein Freundschaftsdienst. Françoise hat eine Wollpuppe ausgestellt, die sie Wollita nannte. Plötzlich rief sie mich an, war verzweifelt, da sie in der „BZ“ und „BILD“ tagelang als „Künstlerin“ einer Kinderporno-Show diffamiert wurde. Ich fand das unanständig. Es war schließlich eine Ausstellung des Kunstraum Kreuzberg Bethanien über die negativen Seiten von Sexualität, über Gewalt, Sexismus und Missbrauch. Die „taz“ hat dann leider einen hilflosen Praktikanten beauftragt, der das mit „Sex sells“ kommentierte. Ich veröffentlichte einen Artikel, in dem ich behauptete, dass Françoise Cactus „Wollita“ nach dem Vorbild einer gewerblichen Sexanzeige aus der „BZ“ gehäkelt habe: „Geile Wollmaus, blutjunge 18. Keine Tabus!“ Ich forderte in einer Unterschriftenliste, die über zweihundert Prominente unterzeichneten, die Verleihung des „BZ-Kulturpreis an Wollita (18)“, als Wiedergutmachung. Das half.

Françoise Cactus, Wolfgang Müller und Wollita

44. 2006 (Album: „Gehörlose Musik“)

Mit dem Thema Gebärdensprache kam ich 1979 durch Gunter Trube in Kontakt, einem Gehörlosenaktivisten. Gunter meinte mal zu mir: Warum lässt dieser Artur Zmijewski eigentlich Bachkantaten von Gehörlosen vor Hörenden singen? Weil es so schön exotisch für euch Hörende klingt? – wir haben längst eine eigene komplexe Gebärdenkultur, die ihr weder sehen könnt noch versteht. Aus Gunters Anregung hin entwickelte ich über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten das Projekt „Die Tödliche Doris in gebärdensprachlicher Gestaltung“, das er selbst noch begleitete vor seinem unerwarteten Tod 2008. Später habe ich dann mit der Kuratorin An Paenhuysen die Ausstellung „Gebärde Zeichen Kunst“ im Kunstraum Kreuzberg Bethanien realisiert, eine Gunter-Trube-Hommage. Von der Perspektive des Anderen aus zu denken, nicht auf ihn zu, sagte John Cage – das sei ergiebiger.

45. Juni 2006 Fußball-WM in Berlin

Fußball interessiert mich nicht so, aber in dieser Zeit besuchte mich gerade Akwiratékha Martin, ein Mohawk, den ich in Island kennenlernte und der wie ich ein großer Fan der Sängerin Nico ist. Als er dann in Berlin war, sind wir zu Nicos Grab auf dem Friedhof der Namenlosen im Grunewald geradelt, dort hat er dann „All Tomorrow’s Parties“ in die Kanien’keha:ka-Sprache übersetzt und gesungen. Durch Akwiratékha konnte ich das BR 2-Hörspiel „Learning Mohawk in 55 minutes“ realisieren, habe später auch Aufnahmen in Kahnawake, einem Mohawk-Territory in Kanada machen, wo er lebt. Wir fuhren mit dem Fahrrad an der Berliner Fan Meile vorbei, wo zwischen Menschenmassen Deutschlandfahnen flatterten und ich fragte ihn, ob er das mal näher ansehen wolle. Bestimmt nicht, meinte er. Doch zum Kreuzberger Transgenialen CSD wollte er gern.

46. 24. Oktober 2007 (50. Geburtstag)

Den Fünfzigsten habe ich zur Abwechslung mal gefeiert. Zu Besuch waren die beiden großartigen Darsteller aus dem Film Nói Albínói Tómas Lemarquis, die Künstlerin Elín Hansdóttir und die Nachbarin eines Freundes, Irma Reinhold, die war damals genau 100 Jahre alt, also doppelt so alt wie ich. Sie wurde 106.

47. 2008 (Album „Séance Vocibus Avium“)

Es begann auf Island. Der einzige in Europa 1844 ausgerottete Vogel war der dort lebende Riesenalk, über den ich bereits im Horrorfilm „Nekromantik 2“ rede. Nur wegen meines dortigen Monologs über den Riesenalk erkannte mich übrigens ein junger Splatterfan in einer Reykjavíker Kneipe. Er fragte ungläubig an der Bar: „Bist Du’s?“. Das Gekreische dieses Meeresvogels habe ich für ein BR2-Radiohörspiel rekonstruiert, anlässlich seines 150-jährigen Aussterbens. Für „Séance Vocibus Avium“ erweiterte ich das Projekt. Es ging nun darum, eine Platte mit den Gesängen zehn weiterer ausgestorbener Vogelarten zu machen, rekonstruiert von sehr unterschiedlichen Musikern wie Annette Humpe, Justus Köhncke oder Frieder Butzmann, aber so, dass sich das Resultat anhört wie eine Vogelstimmen-LP, nicht wie ein Popsong, Klangkunst oder Neue Musik.

Chris Dreier und Wolfgang Müller machen „Pausenmusik“ (mit Tulpen), Selfie/ Archiv Wolfgang Müller

48. 2010 (Buch: „Valeska Gert. Ästhetik der Präsenzen“)

Valeska Gert war eine sehr gute Erzählerin. Sie hat vier biografische Bücher verfasst. Dann konnte ich im Martin Schmitz-Verlag mein biographisches Valeska-Gert Buch „Ästhetik der Präsenzen“ herausbringen – in welchem sich auf gelben Papier gedruckt auch der Reprint ihres ersten Buchs befand: „Mein Weg“ von 1931. Und wer hat vier Jahre später ihr zweites Buch „Die Bettlerbar von New York“ von 1950 in seiner KL-Edition reprintet? Karl Lagerfeld.

49. 2011 (Buch: „Kosmas“)

Beim Bahnfahren verschwimmt die Zeit, da beginnen meine Gedanken umherzuschweifen. Die 2010er Jahre waren die Zeit des Kunstbooms, der größte Mist wurde gigantisch aufgebläht und Typen, die zuvor Tropenhölzer verhökerten, spekulierten nun mit moderner Kunst. Im Kunstbetrieb geht es oft zu wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ – es gibt viele Bluffs und nur sehr vereinzelt Kritiker, die in der Lage sind laut zu sagen: „Der hat ja gar nichts an!“ Passte perfekt in das Programm des Verbrecher-Verlags. Mir hat es großen Spaß gemacht den ganzen Blödsinn des Betriebs mit all seinem sakralem Getue, seiner Dummheit und seiner Doppelmoral in einen grotesken, boshaften, Science-Fiction-Roman zu verwandeln. Ich bin nämlich ernsthaft von der heilenden Wirkung und der Schönheit der Kunst überzeugt. Ich glaube an die Kunst.

50. 2013 (Buch: „Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit“)

Das Buch ist einerseits für mich eine Art Resümee der Genialen Dilletanten von Merve und zugleich Pendant meines suhrkamp-Buchs „Neues von der Elfenfront – Die Wahrheit über Island“. Als Fremder betrete ich unbekannte Inseln. Im Grunde findet in „Neues von der Elfenfront – Die Wahrheit über Island“ dasselbe statt wie damals auf der Insel West-Berlin: In der Distanz und Nähe zwischen dem Subjekt und der Welt entstehen Welten. Das Projekt Tödliche Doris bot mir die Möglichkeit, sowohl aus ihrer Rezeption als auch aus den Situationen drum herum selbst Material für Kunst zu gewinnen. Einige für mich wichtige Protagonisten des Buchs sind leider inzwischen verstorben, wie Dagmar Stenschke alias Sunshine. Ich mochte sie sehr, ihre Meinung hätte mich interessiert. Andere haben sich – zu Recht – geärgert, weil sie sich selbst völlig anders wahrnehmen, als von mir beschrieben.

51. Mai 2015 (Mark Reeders Film „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989“)

Die „Zeit“, die mein „Subkultur Westberlin“ nicht rezensiert hat, schrieb drei Jahre später über „B-Movie“ aber, dass dieser Film so aussähe, als sei mein Buch das Drehbuch dieses Filmes gewesen. Na bitte! Ist ja auch eine Art Rezension.

52. Januar 2016 (Eröffnung der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ in Hamburg)

Als ich vor einigen Jahren die „Genialen Dilletanten“ in einem Artikel über das SO 36 kurz erwähnte, meinte der Redakteur: Streichen, die kennt doch heute keiner mehr. Und jetzt, seit der weltweiten Tourneeausstellung des Goethe-Instituts sind alle schlagartig Geniale Dilletanten. Es gefällt mir, dass der Druckfehler samt seiner Eigendynamiken in den kunsthistorischen Kanon hineingeflossen ist. Teilweise werden jetzt selbst Musiker, Autoren und Maler unter dem Begriff einsortiert, die sich damals vermutlich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hätten. Macht aber schon Sinn.

53. 2016 („Fleischers Blues“ von Volker Hauptvogel erscheint)

Volker Hauptvogel spielt lustvoll mit Realität und Fiktion. Es scheint mir gerade ein sehr günstiger Moment zu sein, solch eigenwilligen Stories aufzuschreiben.

54. Oktober 2015 (Erla Stefánsdóttir stirbt)

Ich habe Erla 1995 für die Frankfurter Rundschau interviewt und dabei für sie das Wort „Elfenbeauftragte“ erfunden. Der Begriff Elfenbeauftragte ist seitdem in meinem Werkverzeichnis Nummer 599. Anfangs dachten einige Isländer, ich würde sie veräppeln, inzwischen weiß eigentlich jeder, dass ich ernsthaft interessiert bin an der Verschiedenheit von Kultur und hoffe, dass ich dabei respektvoll genug mit den Menschen umgehe. Ich verarsche niemanden, dieses Gefühl hatte ich manchmal bei Schlingensief, den ich trotzdem sehr süß fand. Ich finde es toll und bin heilfroh, dass es immer wieder Menschen wie Erla Stefánsdóttir gibt. Menschen, die sagen, ich sehe was, was Du nicht siehst.

Wolfgang Müller mit Gudrun Gut (beim Aufnehmen des Hörspiels „Intervallum-Hommage an die Pause“, 2017), Foto: Frieder Butzmann/ Archiv Wolfgang Müller

55. Januar 2017 (Einstürzende Neubauten spielen in der Elbphilharmonie)

Für einige klingt das sicher ähnlich grotesk wie die 2015 die Ausstellung „Geniale Dilletanten“ in Adolf Hitlers Münchener „Haus der Kunst“. Ich habe nie verstanden, wenn jemand sagte, er trete irgendwo nicht auf, weil ihm das Haus zu repräsentativ, zu bürgerlich oder zu etabliert sei. Ich trat auf der documenta 8 in Kassel auf und drei Monate später beim Punkfestival der Bierfront in Aachen, da gibt’s für mich gar keinen Widerspruch. Also, ich wäre total begeistert, wenn Blixa Bargeld zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker berufen würde – statt wie vorgesehen Kirill Petrenko. Hätte ich allerdings persönlich die Wahl, würde ich statt in der Hamburger Elbphilharmonie gern beim Richtfest des neuen Berliner Flughafens Willy Brandt auftreten. Könnte man da nicht prima alle Musikpausen meiner im November 2017 erscheinenden Vinyl-Maxi „Sprechpause“ vorstellen? Ob der Flughafen nun in drei oder dreißig Jahren eröffnet, wäre dann völlig egal.

56. 19. September 2017 (Tag des Interviews – Gegenwart)

Ich mache gerade „Pause“. Also, wie bereits gesagt eine Vinylscheibe, die „Sprechpause“ heißt, zusammen mit Chris Dreier. Sie war 1981 neben Tabea ein weiteres früheres Ensemblemitglied der Tödlichen Doris und komponiert seit vielen Jahren spannende Noise-Musik. Unsere Vinyl-Maxi wird auf dem schwedischen Noise-Label fangbomb erscheinen. Eine dieser Musikpausen führen wir im November bei der John-Cage-„4:33“-Gala im Haus der Kulturen der Welt auf.

57. 24. September 2017 (Bundestagswahl 2017)

Ich bekenne mich zu gar nichts und ich kann leider gar nichts rückhaltlos empfehlen.

58. 24. Oktober 2017 (60. Geburtstag)

Wünsche habe ich kaum. Manchmal muss ich mir selber bewusst machen, dass ich gewissermaßen im Luxus lebe, da ich seit über dreißig Jahren von meiner Kunst leben kann und dabei mit Menschen zusammen komme, die ich schätze und liebe. Das ist doch ein großes Privileg oder? Wichtig für mich wäre, dass ich nicht allzu sehr von irgendwas abhängig werde. Nur so kann auch meine Kunst weiterhin frei bleiben. Klar, alle Menschen sind extrem abhängig voneinander, auf unterschiedlichste Arten miteinander vernetzt und aufeinander angewiesen. Deshalb sind Gleichheit und Gerechtigkeit ja auch so wichtig. Sonderbar finde ich, wenn Menschen, die alles im Überfluss an materiellen Gütern haben und absolut keine Not leiden müssen, sich dann öffentlich selbst als leidendes Opfer inszenieren. Wird nämlich Leid strategisch eingesetzt, dann verwandelt es sich unversehens in berechnende Politik, während sich Empathie unbemerkt in pures Selbstmitleid verwandelt. Dann muss ich sofort an das Tödliche-Doris-Mitglied Tabea Blumenschein denken, die in den 1970ern mit Valeska Gert in einem Ulrike-Ottinger-Film spielte, selber ein Star war, der 1985 unter der Zeile „Frauen, die Frauen lieben“. bis auf das Titelbild des Sterns gelangte: Heute lebt Tabea recht zurückgezogen in einer bescheidenen Ein-Zimmer-Wohnung in Marzahn. Dort entsteht also heute ihre tolle Kunst. Kürzlich meinte sie zu mir: „Ob man nun in Zehlendorf, Schöneberg oder Marzahn lebt – die Intelligenz bleibt überall gleich.“

Wolfgang Müller bei Anti-Gentrifizierungsdemo Kreuzberg 2017, Foto: Matthias Reichelt/ Archiv Wolfgang Müller

59. 25. Oktober 2017 (Ein Tag nach dem 60. Geburtstag)

Eine Feier wird es nicht geben. Die hole ich dann nach am 17. Januar 2018 in der belgischen Botschaft in Berlin mit einer öffentlichen Premiere des Buchs „11 Objekte der Missverständniswissenschaft“. Daran arbeite ich gerade mit An Paenhuysen. Dazu sind alle herzlich willkommen.

60. 24 Oktober 2057 (100. Geburtstag)

Den Spruch auf dem Grabstein von Marcel Duchamp fand ich immer ganz passend: „Übrigens, es sind immer die anderen die sterben“.


Termin:
Wolfgang Müller wird am Samstag, 11. November 2017 um 20 Uhr bei der 4’33 Gala im Rahmen des No! Music Festivals im Haus der Kulturen der Welt auftreten. Mehr Informationen

Neues Buch: „Die Tödliche Doris – Performance“ erscheint im Berliner Hybriden-Verlag als zweisprachiges Künstlerbuch, in englischer Übersetzung von Walter Crasshole mit zahlreichen Fotos und in einer Auflage von 100 Exemplaren. Inliegend zwei DVDs und je eine Originalzeichnung des „siebenköpfigen Informators“ von Wolfgang Müller.

Lesen Sie den ersten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

Lesen Sie den zweiten Teil des Konzept-Interviews mit Wolfgang Müller.

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