Festival

Lollapalooza Berlin 2016

Die irische Sängerin Róisín Murphy spielt bei Lollapalooza Berlin auf der Alternative Stage. Dabei wäre sie mal fast Madonna geworden. Ein Gespräch über enge Pullis, gespaltene Persönlichkeit, Polyrhythmen, Cindy Sherman und queere Maskerade

Roisin Murphy
Foto: Nicole Nodland

tip Ihr Elektro-Pop-Duo Moloko wurde 1994 in einem Club in Sheffield geboren, als Sie Mark Brydon fragten, ob er Ihren engen Pulli möge. „Do you like my tight Sweater?“ wurde dann auch Ihr Debüt. Hand aufs Herz: Hatten Sie diese Frage vorher schon anderen Männern gestellt, Frau Murphy?
Róisín Murphy Nein, nein. (lacht) In meinen Augen war Mark wirklich ein verdammt gutaussehender Kerl. Ich hatte es auf ihn abgesehen und ich hatte tatsächlich diesen engen Sweater an. Aber gut, ich geb es zu: Ich hatte die legendäre Zeile paar Mal im Kopf vor mich hingesummt. (lacht) Sonst wäre sie nicht so musikalisch aus mir herausgekommen. Vielleicht war ich auch ein bisschen angetrunken.

tip Was hatten Sie getrunken?
Róisín Murphy Machen Sie mal halblang! Das ist alles schon ’ne Weile her! Jedenfalls sind wir in der selben Nacht noch zusammen ins Studio gekurvt. Blieben die ganze Nacht über wach. Machten eine erste Version von „Do you like my tight Sweater“, die niemals das Tageslicht erblickte.

tip Dann lassen Sie uns über Ihre Gegenwart sprechen. Sie haben nach dem großen Erfolg des „Hairless Toys“-Albums 2015 dieses Jahr gleich noch eines nachgelegt: „Take her up to Monto“.
Róisín Murphy Ich sehe die beiden Platten als Geschwister. Mit verschiedenen Charakteren. „Monto“ hat eine extremere Persönlichkeit, ist das verrücktere der beiden Geschwister. „Hairless Toys“ hat schon auch auffällige Persönlichkeitsausprägungen, aber sie fließen zusammen. „Monto“ hingegen ist stärker verhaltensgestört, hat eine tief gespaltene Persönlichkeit.

tip Mit welchem dieser beiden Charaktere können Sie sich besser identifizieren?
Róisín Murphy Beide sind ich. Wie alle meine Platten. Aber gut, ich will ganz ehrlich sein: Das Album, das ich gerade abgeschlossen habe, und das, an dem ich gerade arbeite, sind mir immer  die wichtigsten.

tip Sie wollten aber keine Zwillinge, kein Doppel-Album daraus machen?
Róisín Murphy Der Plan war, dass wir uns mehr Zeit lassen. Wie unterschiedlich sie dann werden würden, konnte ich damals aber noch nicht ahnen. Wir hatten fünf Wochen, um intensiv an Songs zu arbeiten. Dann ging es ins Studio. Mit Background-Chor und Gitarren. Wir haben von den 30 oder 40 Songs erst mal diejenigen produziert, die gefühlt fertig waren. In einem meiner Träume kroch die „Hairless Toys“-Platte unter einem Felsen hervor. Die anderen Songs durften noch mal länger reifen, während wir auf Tour waren. „Monto“ ist rauer, zerfurcht und kein bisschen aufpoliert.

tip Ihre Songs sind ausgesprochen rhythmisch; polyrythmisch geradezu.
Róisín Murphy Als ich in den späten 1980ern nach Manchester kam, hörte ich Dub, Reggae, Blues. Auch in richtig kleinen dunklen Kellern. Und fantastischen Hip-Hop. Dann ging ich nach New York und vieles fühlte sich anders an: „Body and Soul“, Bebop, ich verstand plötzlich, wo wir musikgeschichtlich herkamen. Bei Moloko hatten wir von Anfang an das Gefühl, dass Vierviertel-Disco-Rhythmen sehr bald aussterben würden, weil sie schon so lange hyperpräsent waren. Wir zeigten dem Four-to-the-Floor also die kalte Schulter.

tip Sie lieben die Fotografin Cindy Sherman, die sich autophotographisch inszeniert. Feministisch, verstörend – too much, ohne dass man direkt wüsste, wieso.
Róisín Murphy Ich sah ihre Arbeiten erstmals, als ich vierzehn war. Sofort war ich gebannt. Von klein auf habe ich mich gern verkleidet. Zum Beispiel als Chinesin, die dann im Fenster saß. Mit zwei nackten Puppen an meiner Seite winkte ich den Spaziergängern zu. Das war ich! Als ich bemerkte, dass eine richtige Künstlerin etwas gar nicht so Unähnliches machte, fixte mich das sofort an.  Wenn man damals links war, war man sehr weit links. Feminismus hingegen fühlte sich für uns Teenager damals langweilig an. Bei Cindy Sherman aber eben doch nicht. Das Spiel mit den Archetypen bringt bei ihr auch Spaß. Sie schüttet nicht das Kind mit dem Bade aus. Dafür ist sie zu subtil.

tip Auf „Monto“ singen Sie: „Vielleicht bin ich nicht mehr dein lustiges Mädchen.“ Und: „Ich bin ein gebrochener Mann.“ Auch das klingt nach Maskerade.
Róisín Murphy Absolut, ja! Es ist die einzige Weise, wie ich die Wahrheit sagen kann. Ich mag es, wenn auch das Hadern zum Ausdruck kommt. Und wenn Performer alles dafür tun, die Grenze zwischen dir und mir einzureißen. Ich mag es, die Dinge laufen zu lassen. Ich mag die Aufregung daran, noch Neues zu lernen. Ich fühl mich nicht wohl, wenn es mir zu wohl ergeht.

tip Also müssen Sie raus aus der Komfort­zone?
Róisín Murphy Oh ja! Seit es mit Moloko 2003 zu Ende ging, stelle ich mir immer wieder diese Frage: ‚Bin ich am Ende bloß durch einen dummen Zufall Sängerin geworden?’ Also mach ich immer wieder Zeugs, das mich hart auf die Probe stellt. Gut, auf Italienisch zu singen war auf meiner EP 2014 nicht so das Problem. Aber einige dieser Italo-Pop-Cover lagen im Grunde gesangstechnisch außerhalb meiner Reichweite. Also sagte ich mir: ‚Dann erst recht!’

Lollapalooza Berlin 2016 Das Festival findet zum zweiten Mal in Berlin und erstmals im Treptower Park statt. Außer den Headlinern Radiohead spielen neben vielen anderen auch Kings of Leon, James Blake, Paul Kalkbrenner und Tocotronic

Treptower Park Sa 10.9., 11.30–23 Uhr, So 11.9., 11.15–22 Uhr, Samstagstickets 79 €, Sonntagstickets und Wochenendtickets ausverkauft,  VIP-Wochenendtickets 250 €, www.lollapaloozade.com

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