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Coming-Out

„Love, Simon“ & „Marvin“ im Kino

Unterwegs zu sich selbst: Kurz hintereinander starten die am meisten erwarteten Coming-Out-Filme des Jahres: die Highschool-Tragikomödie „Love, Simon“ – und „Marvin“, frei nach Édouard Louis’ „Das Ende von Eddy“

Simon (Nick Robinson, 2.v.r.) und seine Freunde an der Highschool
Foto: 20th Century Fox

Braucht es 2018 eigentlich noch Coming-Out-Filme? Kurze Antwort: unbedingt, sehr. 69 Prozent der queeren Jugendlichen in Deutschland haben Angst, von der Familie verstoßen zu werden; 74 Prozent befürchten Ablehnung im Freundeskreis. Und 41 Prozent der Deutschen fänden es auch tatsächlich „unangenehm“, wenn der eigene Sohn schwul wäre. Kein Wunder, dass sich viele (queere) Filmemacher*innen dieses Themas annehmen, seiner traumatisierenden und ermutigenden Facetten. Oft sind das indes Hochschulprojekte, Kurzfilme, kurzum: Filme, die nie ein großes Publikum abseits der queeren Festivals erreichen.

Das könnte sich mit „Love, Simon“ und „Marvin“ nun ändern: „Love, Simon“ ist gar der erste Film mit einem schwulen Teenager als Hauptperson, den ein Major-Hollywood-Studio (in diesem Fall 20th Century Fox) jemals gedreht hat. Der grandiose 2018er-Oscar-Arthouse-Erfolg „Call Me By Your Name“ wurde zwar von Sony vertrieben, aber nicht gedreht, und obendrein sind die beiden Hauptfiguren keineswegs schwul, sondern allenfalls homo-flexibel.

„Love, Simon“ um den schwulen Highschool-Schüler Simon, der per E-Mail Kontakt aufnimmt mit einem unbekannten Mitschüler, der den Decknamen „Blue“ vorschützt, ist sensibel, überwältigend. Aber mit einer Leichtigkeit und einem Witz erzählt, die den Film leicht zugänglich machen, auch für ein großes Mainstream-Publikum. Trotzdem wird er dem Thema Coming-Out sehr gerecht, zeichnet den Psychodruck nach, unter dem Simon und Blue leiden, während sie vor aller Welt eine Fassade aufbauen, selbst vor Simons bezaubernder Familie und dem wunderbaren Freundeskreis.

Foto: 20th Century Fox

Der Film basiert, wie „Marvin“, auf einem Buch, geschrieben von der Psychologin Becky Albertalli. Als ein Mitschüler Simon wegen seines geheimgehaltenen Schwulseins erpresst, wird Simons Lügengeflecht noch verstrickter, er begeht Verrat an seinen allerbesten Freunden – was der Film, unterwegs zum herzerfrischenden Happy End, nicht schnell abhandelt, sondern als gravierenden Konflikt in prima Dialogen, wenn auch ohne ästhetisierendes Show-Off, aufarbeitet: Der schwule Simon ist nicht bloß „Opfer“, sondern auch „Täter“ wider Willen.

„Marvin“ mit Star-Power durch Isabelle Huppert als Marvins Mentorin wiederum beruht lose auf dem autobiografischen Bestseller-Roman „Das Ende von Eddy“ (2014) des heute 25-jährigen Édouard Louis – der übrigens gerade Gast-Prof an der Freien Universität ist und dessen zweiter Roman „Im Herzen der Gewalt“ kürzlich an der Schaubühne in seiner Theaterversion Premiere feierte.

„Marvin“ erzählt von einem schwulen Jungen in Nordfrankreich. Er erlebt die Psychogewalt der Provinz, bevor es ihm gelingt, sich von den Verletzungen durch seine Familie und das Dorf zu emanzipieren, mithilfe des Theaters. Eine eindringliche Milieustudie. Die Tonalität von „Marvin“ ist eine sehr andere als die von „Love, Simon“: Während „Love, Simon“ locker die Standard-Situationen von Hollywood-Highschool-Filmen queer gegen den Strich zieht, ist „Marvin“ der Struktur nach dem klassischen, ernsthaften Bildungsroman nachempfunden.

Anders als die Vorlage „Das Ende von Eddy“ spielt der Film zu drei Vierteln nach der Dorfzeit (um die es im Buch sprachgewaltig geht) und porträtiert den Künstler als jungen, schwulen Mann in Paris, wo er eine neue Familie, Wahlverwandte, sucht. Kein Wunder, dass sich Louis von dem Projekt distanziert hat: Es beruht nur vage auf seinem Buch – und ist dennoch sehenswert, wenn man den Film als eigenständiges Kunstwerk akzeptiert. Fazit: zwei tolle, wichtige Filme rund ums Thema Coming-Out, mit Mainstream-Appeal. Es wurde Zeit!

Love, Simon USA 2017, 110 Min., R: Greg Berlanti, D: Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Start 28.6.

 

Marvin F 2017, 115 Min., R: Anne Fontaine, D: Finnegan Oldfield, Jules Porier, Isabelle Huppert, Start 5.7.

 

 

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