Neue Debatte ums Tempelhofer Feld: Mörtel und Totschlag

Gehen Sie weiter, hier gibt es viel zu sehen!
So ungefähr lässt sich der Stoßseufzer der Kämpfer:innen für ein von jeglicher Bautätigkeit verschonten Tempelhofer Felds zusammenfassen, sobald wieder mal irgendein Immobilienentwickler mit der spinnerten Idee kommt, Berlins sagenhafteste Freifläche am Rand zu bebauen.
Kaum jemand, der das Areal ehemaligen Innenstadtflughafens bewandert, kann sich der eigentümlichen Faszination der ganz großen Leere entziehen. Wie weit der Blick doch reicht. Wie kernig der Wind pfeift. Diese anmutigen Feldlerchen. Und die breiten Start- und Landebahnen erst, die das Feld durchziehen. Harry, hol schon mal den Kite-Schirm.
Vor einer Weile habe ich zwei befreundeten Touristen, die noch nie hier waren, über das Feld geführt. Es war ein kühler, regnerischer Tag. Feucht, ungemütlich. Die beiden wollten gar nicht mehr gehen. „Dass sich Berlin das leistet, toll!“, staunte einer der beiden.
Wobei es natürlich immer eine gute Frage ist, was sich Berlin alles leisten kann oder besser zu leisten können meint. Angesichts des eskalierenden Wohnungsmangels, besonders im bezahlbaren Bereich.
Die Debatte um die Randbebauung des Feldes flammt mit der Zuverlässigkeit des Murmeltiertages immer wieder auf. Nun hat zu Beginn des bislang eher müden Wahlkampfs für die Abgeordnetenhaus-Wahl am 20. September eine Mörteltruppe von Immobilienentwicklern und Architekten – Hans Kollhoff und Tobias Nüfer – die nächste Feldschlacht eingeläutet. Sie möchte Drittel des Feldes mit 21.400 Wohnungen bebauen. Binnen sechs Jahren.
Was mehr als das Vierfache der 4.700 geplanten Wohnungen wäre, die beim Volksentscheid über die Bebauung des Tempelhofer Feldes vor 14 Jahren krachend und auf unbestimmte Zeit abgelehnt worden wären. Viel Spaß damit!
Randbebauung und Olympia-Eröffnung auf dem Feld: Das passt nicht so recht zusammen
Die Totschlagargumente gegen alle Bebauungsträume sind ja alle noch intakt, von der weiter bestehenden Gültigkeit des Entscheids bis zum reflexartigen Verweis des grünen Spitzenkandidaten Werner Graf, dass man ja erst mal leer stehende Büroflächen zu Wohnungen umbauen sollte. Der Wahlkampf ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, über den Sinn einer Randbebauung zu debattieren. Vielleicht aber gibt es dafür auch keinen guten.
Bei der Berliner CDU ist man dabei freilich ganz anderer Meinung. Deren Parteichef mit beruflicher Beschäftigung im Roten Rathaus, Kai Wegner, stolpert ja derzeit von einer personellen Kalamität in die nächste – zuletzt kam ihm nach der Kultursenatorin auch der gleichfalls von ihm ausgewählte Digital Chief Officer keine zwei Monate nach Dienstantritt schon wieder abhanden. Der CDU-Fraktionsschef im Abgeordnetenhaus, Dirk Stettner, nennt nun den Bau von Wohnungen auf dem Feld als Bedingung für eine künftige Regierungsbeteiligung seiner Partei nach der Wahl am 20. September. Diese Festlegung ohne Not könnte den Christdemokraten noch richtig um die Ohren fliegen. Selbst die SPD hat sich in ihrem Wahlprogramm gegen eine Randbebauung ausgesprochen. Von Grünen und Linken ganz zu schweigen.
Wie sehr der CDU-geführte Senat selbst um die Faszination der Leere weiß, lässt sich übrigens daran ablesen, dass das Feld in den Planungen für die Olympiabewerbung der Stadt für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 eine wichtige Rolle spielt. Danach soll die Eröffnungsfeier auf dem Tempelhofer Feld stattfinden, mit einer Zuschauertribüne in Gold. Einen wohnverbauten Freiblick vermag man sich dazu nicht gut vorstellen. So geht auch Berlins next Feld-Debatte wieder: gegen die Wand.
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