Immer mit der Ruhe

Nichtstun ist ein Luxus

Das Tempo der Großstadt kann krank machen und erfordert Atempausen: Nichtstun ist ein Luxus, den sich jeder leisten kann.

Luxus Nichtstun
Foto: F. Anthea Schaap

Eigentlich hatte er mit dem Sport nur angefangen, weil sein Arzt ihm zu mehr Bewegung geraten hatte und sich Freunde über sein wachsendes Bäuchlein lustig machten. Anfangs trabte Volker Gelhaus*, ein Software-Ingenieur in der Verkehrsbranche, etwa zweimal in der Woche nach der Arbeit eine Runde durch den Tiergarten. „Zuerst war ich bereits nach ein paar hundert Metern erschöpft und habe nach Luft geschnappt“, sagt er. Doch schon nach ein paar Wochen stellte er fest, dass er offenbar „ein Sportlertyp“ sei. Er entwickelte Ausdauer, eine festere Muskulatur, der Bauch verschwand.

Mit seinen moderaten Läufen hätte Gelhaus es auch belassen können, seine Ziele waren erreicht. Doch der 42-Jährige ist ein Erfolgsmensch. „Da geht noch mehr“, spürte er und begann, sich mit Trainingslehre zu beschäftigen. „Frühmorgens vor der Arbeit war ich dann fast täglich joggen“, sagt er. „Außerdem habe ich mich in einem Fitnessstudio angemeldet und mich gesund ernährt.“ Im ersten Jahr nach Trainingsauftakt absolvierte Gelhaus einen Halbmarathon, im zweiten schaffte er den Berlin Marathon. Nur in der Beziehung zu seiner Freundin, einer Optikerin, begann es zu kriseln. Zwar war sie an Wochenenden ein paar Mal mit durch den Park gelaufen, hatte aber schnell die Lust verloren: Ihr Laufstil, ihr Tempo, vor allem aber ihre mangelnde Motivation – an allem hatte Volker Gelhaus etwas auszusetzen. Und andere Gemeinsamkeiten, stundenlanges Quatschen wie früher, gab es kaum mehr: Neben der Arbeit und dem Training blieb Gelhaus für lockeres Abhängen keine Zeit.

Mit seinem vollgepackten Tag, der keinen Moment zum Innehalten bietet, ist der Ingenieur kein Einzelfall. Die in der westlichen Industriegesellschaft verinnerlichte hohe Arbeitsmoral werde auch in der Freizeit fortgesetzt, hat die in Berlin lebende Volkswirtin und Historikerin Friederike Habermann in dem Buch „Zeitwohlstand. Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“ festgestellt und schreibt: „Der Leistungsanspruch an sich selbst (wird) auf Sport und andere Aktivitäten übertragen.“ Egal also ob Kochen, Sport treiben oder gemütliche Abende zuhause – fast alles gerät zum zeitaufwändigen, verbissenen Wettbewerb, dessen Ergebnisse oft auch noch in den sozialen Medien geteilt werden. Alleine die Zahl abfotografierter Speisen macht bereits einen riesigen Anteil des Internet-Contents aus: Es sind privat hergestellte Menüs, die mit einem Perfektionsanspruch zubereitet werden, als ginge es darum, Michelin-Sterne zu erringen. Andere hingegen posten ständig, in welchen Clubs sie gerade unterwegs sind, welche Ausstellung sie sich jetzt angucken werden und welche Lesung sie mit ihrer Anwesenheit beehren. Kulturelle Aktivitäten als Imagepflege.

Das Renommee der echten, längeren Pause hingegen, des Nichtstuns inklusive des dafür obligatorischen Verzichts aufs Schnell-mal-nebenbei-Aufräumen, Einkaufen, E-Mails checken oder Fernsehen gucken, ist denkbar schlecht. Einfach nur aus dem Fenster gucken, auf einer Parkbank sitzen oder einen Weg entlang zu bummeln und seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, alles ohne näheren Zweck, gilt in unserer Leistungsgesellschaft als phlegmatisch, uninteressiert und als Zeichen von Faulheit – in der Bibel immerhin eine der sieben Todsünden.

Doch die biblischen Drohungen und auch alte Sprichwörter, die frühmorgendliches Aufstehen preisen und Müßiggang als allen Lasters Anfang beschreiben, haben sich in der modernen Industriegesellschaft überlebt. Längst ist mithilfe von Maschinen die Produktivität pro Mensch dermaßen explodiert, dass eine deutlich entspanntere Auffassung von Arbeit keineswegs herannahende Existenznot bedeuten müsste. Ganz im Gegenteil täte es dem zugemüllten Planeten gut, wenn mehr Menschen häufiger nichts täten, nichts produzieren und nichts konsumieren  würden.

Luxus Nichtstun
Foto: F. Anthea Schaap

Doch stattdessen rödeln wir mehr denn je. Eingezwängt zwischen dem künstlichen Licht von Lampen und bläulich strahlenden Bildschirmen nehmen die Zwänge, 24 Stunden am Tag aktiv zu bleiben, kein Ende: Zwei Drittel der Arbeitnehmer, so die Volkswirtin Friederike Habermann, sind in ihrer Freizeit beruflich erreichbar, sie tätigen Anrufe oder reagieren auf E-Mails. Anschließend suchen sie online nach der Urlaubsreise, gehen ihren Bankgeschäften nach oder wollen sich bei einer virtuellen Shopping-Tour für den Alltagsstress belohnen.

Doch Konsum als Ausgleich zum täglichen Rotieren im Hamsterrad erweist sich schnell als Sackgasse, hat der Wirtschaftswissenschaftler Nico Paech festgestellt. „Damit nämlich Konsumaktivitäten überhaupt Glücksgefühle verursachen oder die Zufriedenheit steigern können“, schreibt er, „muss ihnen ein Minimum an Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Und das geht nicht, ohne eigene Zeit zu investieren, denn Empfindungen lassen sich weder automatisieren, noch an jemanden delegieren.“ Dabei aber sei unser Leben doch ohnehin schon „vollgepfropft mit Produkten, Dienstleistungen, Mobilität, Ereignissen und Kommunikationstechnologien“. Der wahre Luxus stattdessen: mehr Zeit für menschliches Miteinander, für freie Gedanken, für Kontemplation.

Dass weniger mehr ist, war Cornelia Seidel*, 49, Dozentin an einer Berliner Mode- und Design-Akademie, schon lange klar. Darüber diskutierte sie auch mit ihren Studenten. Als sich nach der Familiengründung, dem Hausbau und der täglichen Taktung zwischen ihrer Arbeit, der Versorgung der beiden Kinder sowie etlichen Ausstellungs- und Theaterbesuchen irgendwann Unruhezustände bei ihr einstellten, war die Lösung für sie klar: Sie würde asiatische Heilmethoden praktizieren. Morgens um 5.30 Uhr quälte sie sich aus dem Bett, um zu meditieren. Außerdem besuchte sie Yoga-Kurse und begann, ihren Körpers mithilfe einer völligen Ernährungsumstellung zu entgiften. „In den ersten beiden Jahren ging es mir besser“, sagt Cornelia Seidel. Trotzdem stellten sich irgendwann, scheinbar ohne Grund, Angstzustände ein. Bis dann der völlige Zusammenbruch kam: Depression, Burnout.

Zu fernöstlichen Praktiken oder hochmodernen Wellness-Oasen würde Stephanie Grimm, 45, eine Berliner Autorin, bei Erschöpfungszuständen nicht als erstes raten. Stattdessen empfiehlt sie den direkten Weg ins Bett. „Eigentlich werden wir im Schlaf erst, was wir sind“, hat sie für ihr am 8. März erscheinendes Buch „Schlaft doch, wie ihr wollt“ herausgefunden. Schlafen sei in seinem Wert völlig unterschätzt. Denn statt die eigene Müdigkeit anzuerkennen, versuchten Menschen, das Zubettgehen hinauszuzögern, um vermeintlich wichtigere Dinge zu tun. „Dabei werden im Schlaf viele wichtige Körpervorgänge reguliert, außerdem ordnen sich unbewusst unsere Gedanken, wird die Spreu vom Weizen getrennt“, sagt Stephanie Grimm. Besser als im Schlaf entspannt man sonst nirgendwo. „Erst wenn massive Schlafstörungen auftreten, und weder das Ein- noch Durchschlafen möglich ist, beginnen Menschen, sich für ihre biologisch vorgesehenen Auszeiten zu interessieren.“

Unter Schlafstörungen litt auch Volker Gelhaus irgendwann. Trotzdem trainierte er eisern weiter. Bis er eines morgens heulend zusammenbrach, sich krank schreiben ließ, eine Therapie begann – und seinen bisherigen Lebensentwurf infrage stellte. Im Tiergarten ist er immer noch viel unterwegs. Jetzt allerdings öfters auch „nur“ zum Spazieren. Bei schönem Wetter setzt er sich an den Teich, beobachtet Vögel und wie die Wolken sich im Wasser spiegeln. Auch Cornelia Seidel geht ihre Unruhezustände inzwischen nicht mehr masterplanmäßig an: „Ich lasse mich jetzt viel häufiger auf gegenwärtige Situationen und momentane Stimmungen ein.“ Lächelnd erzählt sie von einem Spaziergang letztens durch verregnete Straßen. „Die Ampeln leuchteten da in so intensiven Farben. Vor allem das grüne Licht war ganz erstaunlich.“

* Namen  von der Redaktion geändert


Literatur, Ausstellung, ­Stipendium:

Hartmut Rosa, Nico Paech, Friederike Habermann, Frigga Haugg, Felix Wittmann, Lena Kirschenmann: „Zeitwohlstand. Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“, Konzeptwerk Neue Ökonomie, Leipzig 2014

Stephanie Grimm:
„Schlaft doch, wie ihr wollt. Die wertvollsten Stunden des Tages und wie wir sie ­zurückerobern“, Random House, München, erscheint am 8. März 2016

„What The Tortoise Murmurs To Achilles. On Laziness, Economy of Time and Productivity“, Gruppenausstellung mit Diskussionsprogramm, Art-Space SAVVY Contemporary (im alten Krematorium Wedding), Plantagenstr. 31, Wedding, Eröffnung: 17.3., 18 Uhr.

Entschleunigungs-Stipendium:
Die Initiative für transparente Studienförderung hat zusammen mit dem American Institute For Foreign Study Group (AIFS) ein Stipendienprogramm im Wert von 10.400 € für Schüler und Studenten gegründet, die nicht den gängigen Definitionen von Elite entsprechen und die ihren Weg bewusster, entspannter, mitunter auch umständlicher angehen. Infos finden Sie hier.

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