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Junge Meister

Nils Frahm verschränkt U- und E-Musik

Der Stillemacher: Der Pianist Nils Frahm steht wie kaum ein Zweiter für die Verschränkung von U- und E-Musik. Mit Woodkid vertont er nun die Einsamkeit der Immigranten auf Ellis Island

Nils Frahm
Foto: Roman Sebastian Janke

Wer Aufmerksamkeit möchte, muss Lärm erzeugen – das scheint heute mehr denn je zu gelten. Stetig lauter und schriller müssen Debattenbeiträge, ständig krasser die Bilder sein, um der reizüberfluteten Gesellschaft überhaupt noch eine Reaktion abzuringen.
Ein Gegenentwurf zu diesem Zeitgeist ist „Ellis“, der neue Kurzfilm des Street-Art-Künstlers JR. Die Besetzung des Projekts ist aufsehenerregend: Robert De Niro spielt die Hauptrolle; für den Soundtrack hat der Pianist Nils Frahm mit dem französischen Indie-Musiker Woodkid zusammengearbeitet.
Der Film gleicht einem Kammerspiel: Fünfzehn Minuten lang durchschreitet De Niro den Krankenhauskomplex auf Ellis Island, jener Insel vor den Toren New Yorks, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für tausende Immigranten zum Symbol des Neuanfangs werden sollte. Und er denkt nach: über Weggehen,  Ankommen, Fremdsein. Ein Stück Geschichte mit aktueller Dringlichkeit. Durch die Szenerie wehen Klavierklänge, fein wie ein Windhauch, der den Geruch von Staub durch die verfallenen Hallen zu tragen scheint – und gleichen einem Hintergrundrauschen, das beinahe unbemerkt die Stimmung lenkt.
Ikone der Neo-Klassik? Nein, danke!
Woodkid hat die beiden Stücke („Winter Morning I + II“) komponiert, Frahm ist Mitverfasser und führte die Filmmusik auf. Nun erscheint die Zusammenarbeit in Form einer EP.
Nils Frahm, geboren in Hamburg, wohnhaft in Berlin, ist einer der derzeit gefragtesten Musiker der Stadt. Nach zwei Solo-LPs innerhalb eines Jahres und dem Soundtrack zu Sebastian Schippers Überfilm „Victoria“ wird in wenigen Wochen „Oddments Of The Gamble“ erscheinen, das Zweitwerk seines Bandprojekts Nonkeen – nur vier Monate, nachdem sie mit „The Gamble“ ihr Debüt veröffentlicht hatten.
Mit 33 Jahren ist Frahm ein Star des ihm zugeschriebenen Genres, das fesch verstrubbelte Aushängeschild der so genannten Neuen Klassik. Ein Etikett, das neben Frahm auch Künstler wie Max Richter und Sven Helbig meint – Musiker mit Strahlkraft für eine Klientel, die sich nach reduzierter Instrumental-Musik jenseits des Philharmonie-Pomps sehnt.
Frahm selbst jedoch sieht sich nicht als Ikone der Neo-Klassik, wie er kürzlich im Interview erklärte; vielmehr halte er den Begriff für einen „Recherchefehler der Medien“. Schließlich habe man mit dem Label der „Neuen Klassik“ seinerzeit auch Strawinskys Musik beschrieben. Die Frage, wo man Frahm stattdessen verortet, bleibt berechtigt. Ist das schon Kammermusik? Jazz, Ambient, gar Pop? Oder behilft man sich besser mit der alles und nichts fassenden Kategorie „Electronica“? Frahm lässt lieber deuten, als sich selbst zu kategorisieren.
Vernarrt in Details
Der Genie-Habitus, den man ihm angesichts seiner Detailvernarrtheit unterstellen könnte, geht im völlig ab. Wer ihn kennenlernt, trifft einen hemdsärmelig wirkenden jungen Musiker, der mit dem Tretroller durch sein Kreuzberger Studio düst und nur zufällig zum Klavier statt zur Gitarre gefunden zu haben scheint. Frahm ist die lebende Verschränkung von U- und E-Musik: der versierte Pianist, der dem technosozialisierten Berliner Szenepublikum das Stillsitzen beibringt. Mittlerweile meist in ausverkauften Hallen.
Wie Frahms gesamtes Schaffen fällt auch der „Ellis“-Soundtrack durch seinen Minimalismus auf. Er schafft Stille durch Klang, verlangt dem Zuschauer und -hörer die Geduld ab, genau hinzuhören. Auf den schrillen Wettstreit um Aufmerksamkeit will sich Frahm nicht einlassen. Und trifft damit den Nerv all jener, die der Reizüberflutung überdrüssig sind.

Ellis von Woodkid & Nils Frahm. (Erased Tapes/ Indigo), VÖ: 8.7., www.tinyurl.com/pafunc6

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