Spandau

„Prenzlauer Berg von morgen“

In den Plattenbauten an der Heerstraße, dem notorischen Spandauer Problemkiez, ist er groß  geworden. Heute ist Raed Saleh, Sohn palästinensischer Einwanderer, einer der mächtigsten  Landespolitiker. Der Fraktionschef der Berliner SPD über das glückliche Leben am Stadtrand und sein neues Buch „Ich deutsch“, das ohne seine Grundschullehrerin nicht denkbar gewesen wäre


Wie würden Sie Spandau einem Fremden vorstellen, der noch nie dort gewesen ist?
Raed Saleh Spandau ist Deutschland im Kleinformat. Man findet hier die ganze gesellschaftliche Bandbreite: wohlhabende Stadtteile wie Kladow oder Gatow – gleichzeitig arme Gegenden wie die Plattenbauten an der Heerstraße Nord, wo ich selbst in den 80ern groß geworden bin und bis heute fast 80 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Familien aufwachsen.

Rahed Saleh
Rahed Saleh
Foto: regentaucher.com

Unter den Großstädtern innerhalb des S-Bahnrings, den Latte-Macchiato-­Trinkern, Startup-Entrepreneuren und Volksbühnen-Abonnenten, gilt Spandau als piefig. Die Einwohnerzahlen steigen dennoch. Woran liegt das?
Viele Menschen ziehen nach Spandau, weil sie sich die Mieten innerhalb des S-Bahnrings nicht mehr leisten können. In den Platten­bauten an der Heerstraße Nord treffe ich zum Beispiel regelmäßig Familien, die vorher im Wedding gewohnt haben. Ein SPD-Bezirksstadtrat aus Kreuzberg hat mir wiederum erzählt, wie er Verwaltungsakten von Einwohnern seines Bezirks, etwa die Akten der sozial­pädagogischen Dienste der Jugendämter, massenweise nach Spandau wandern sieht. Neben diesen Gentrifizierungsverlierern gibt es viele freiwillige Rückkehrer. Das sind Berliner, die in ihrer Kindheit in Spandau gelebt haben, als Studenten in die Szene-Kieze ­gezogen sind, um sich auszutoben – und sich jetzt, da sie 30 geworden sind und eine ­Familie gründen, nach Ruhe und Stabilität sehnen. Denen sind die Torstraße oder Kreuzkölln zu hip und zu dynamisch geworden. Sie wohnen jetzt zum Beispiel in der Wilhelmstadt, wo es tolle Altbauwohnungen gibt, die jetzt auch wieder saniert werden. Wegen dieser Entwicklungen ist für mich Spandau das Prenzlauer Berg von morgen.

Wie passt dieser Ausblick zur Realität in den Hochhaus-Vierteln der Heerstraße Nord, Ihrem alten Kiez, der noch immer zu den ärmsten Nachbarschaften der ganzen Stadt gehört?
Auch in der Heerstraße Nord wird sich die Lage aufhellen. In den vergangenen Jahren sind viele Millionen Euro in diese Gegend geflossen – ins Quartiersmanagement, in die Verbesserung des Wohnumfelds, in saubere Parks. Das macht sich irgendwann bezahlt.

„Viele Menschen ziehen nach Spandau, weil sie sich die Mieten innerhalb des S-Bahnrings nicht mehr leisten können“
Raed Saleh

Woran machen Sie das fest?
Die vielen Teenager im Kiez haben einen großen Hunger auf gesellschaftliche ­Teilhabe, auf Bildung. Wenn ich an der Heerstraße umherstreife, erkenne ich mich selbst in den Jungs wieder, die Fußball auf den Wiesen spielen. Wir müssen allerdings garantieren, dass keines dieser Kinder schlechtere ­Chancen hat. Dazu gehören auch engagierte Lehrer an den Schulen. An dieser Stelle gibt  es noch einiges zu tun. Ich habe zuletzt ­häufiger mit Rektoren gesprochen, die davon erzählen, wie schwierig es ist, junge, engagierte Lehrerinnen und Lehrer nach Spandau zu locken. Deshalb ist es wichtig, dass Spandau sein Image aufpoliert – damit ­Leute kommen, die Vorbilder und Mentoren für Jugendliche an sozialen Brennpunkten sein können.

In Ihrem aktuellen Buch „Ich deutsch“, in dem sie Ideen für eine bessere Integrations­politik präsentieren, erzählen Sie von Ihrer eigenen Aufsteigerbiografie: vom Gast­arbeiterkind in den Plattenbauten an der Heerstraße zu einem der mächtigsten Landes­politiker Berlins. Wäre dieser mustergültige Weg schwerer gewesen in Kreuzberg, Neukölln oder Wedding, wo man der rauen Anonymität der Großstadt stärker ausgeliefert ist als in der Peripherie?
Es gibt ja die These, dass Integration in Kleinstädten oder ländlichen Gegenden besser funktioniert als in urbanen Räumen. Ob man das verallgemeinern kann, kann ich nicht ­sagen. Aber meine eigenen Erfahrungen in Spandau tendieren schon in diese Richtung. Ich hatte hier immer sehr viel Halt. Da war die Grundschule, wo sich meine Lehrerin nach dem Unterricht die Zeit nahm, mit mir Deutsch zu lernen. Sie hieß Hannelore Wolf, eine feine Dame, die damals Ende 50 war und noch die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Da war der Kinderclub, eine Freizeitstätte in der Großraumsiedlung Heer­straße-­Nord. Oder die Stadtteilbibliothek, wo ich mir immer Bücher ausgeliehen habe. Und nicht zuletzt mein Elternhaus.

Hat es Sie als Youngster mit 18,19 nie ­genervt, dass es in Spandau kaum Clubs und subkulturelle Szenen gab?
Meine Freunde und ich haben das Problem gelöst, indem wir öfters in die Stadt gefahren sind, zum Beispiel nach Tempelhof ins ­Ullstein-Haus, wo die Disko Blonds gestiegen ist. Die spielten da R’n’B, Black Music und Latin. Es war immer rappelvoll und super Stimmung. Oder wir sind am Ku’damm aufgeschlagen, um dort Eis zu essen. Ich war bei diesen Ausflügen immer der Fahrer, weil ich als Moslem keinen Alkohol trinke.

Ich Deutsch Die neue Leitkultur
von Raed Saleh, Hoffmann und Campe, 224 S., 20 €

Spandau ist noch immer sozialdemokratisches Herzland. In Ihrem Wahlkreis haben Sie 37,1 Prozent der Stimmen geholt. Kein Wunder, dass Martin Schulz letztens zu Besuch war, in einer Grundschule in Wilhelm­stadt – an Berlins Stadtrand ist für die geschundene SPD noch etwas zu holen. Kommt der K-Mann zum Höhepunkt des Wahlkampfs noch einmal zum Klinkenputzen vorbei?
Das kann ich nicht sagen, so eng tauschen wir uns nicht aus. Aber Parteigenossen kommen häufiger in Spandau vorbei, um Selbstbewusstsein zu tanken. Der Erste Bürgermeister von Hamburg Olaf Scholz hat im Juni an einer Podiumsdiskussion über interreligiösen Austausch in der Petrus-Kirche an der Grunewaldstraße teilgenommen. Zuletzt besuchte uns Bundesjustizminister Heiko Maas beim Sommerfest der Spandauer SPD im Wröhmännerpark.

Sie hören gern deutschsprachige Musik, Grönemeyer zum Beispiel, sogar Schlager von Heintje bis Helene Fischer. Gibt es ­einen Schlager, der das Spandauer ­Lebensgefühl am besten in Worte fasst?
Eindeutig „Über sieben Brücken musst du gehen“. Weil Spandau eine Brückenstadt ist, mit einem Dutzend Brücken, die über die ­Havel führen.

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