Foodtrend

Sharing is Caring

Kennen Sie auch einen, der immer am Nachbarteller mitisst? Das soll jetzt so sein: Sharing is Caring heißt das Motto dieser neuen Tischkultur. Dem geteilten Essen gilt gerade die ungeteilte Aufmerksamkeit

Neni Berlin im 25hours im Bikini Berlin, Foto: Stephan Lemke

Wie das wohl damals war, als die Selbstbedienungsrestaurants eingeführt worden sind? Kam da auch die Bedienung, die es ja nicht mehr gab, an den Tisch, um zu erklären, dass es sie, also die Bedienung, jetzt gar nicht mehr gibt? So jedenfalls, erklärungsintensiv nämlich, hat man sich den neuesten, für fast alle kulinarischen Genres geltenden Trend vorzustellen: Der Service tritt an die Tischgesellschaft und sagt: „Sharing is Caring“. Was sich auf Deutsch, zugegeben, nicht ganz so gut reimt.

Wer sein Essen teilt, der sorgt sich also umeinander.  Und je nach der Sorgfaltsplicht des Services wird im Folgenden nicht nur erklärt, dass man in den mediterranen Ländern ja schon immer genau so essen würde. Und dass  man sich zu Tisch wie unter Freunden fühlen soll (was man entweder sowieso tut oder man sitzt, beimGeschäftsessen etwa, ja gerade mit Menschen zusammen, denen man nicht unbedingt auf den Teller fassen mag). Ein in kulinarischen  und auch sozialen Dingen kompetenter Service wird indes auch die einzelnen Teller moderieren, wird Kombinationen und eine Menüfolge empfehlen.

Das Neni im 25hours Hotel am Zoo (Foto) war vor drei Jahren einer der ersten Läden, in dem das Teilen zum Programm geworden war. Gemäß der arabisch-israelischen Küche kamen alle Gänge gemeinsam auf den Tisch.  Die Kantine Kohlmann in Kreuzberg 36 servierte noch ein paar Monate früher deutsche Tapas.  Im Thal oder im Wild Things teilt man sich Kleinigkeiten zum Wein. Und als Küchenchef Felix Mielke das frankophile Fine Dining  im Le Faubourg  ganz grundsätzlich entstauben sollte, war die Gunst des Teilens (zumindest bei den Vorspeisen) auch in der gehobenen Gastronomie angekommen. Im jüngst eröffneten BRLO Brwhouse (Kritik auf der nächsten Seite) lässt sich die Speisekarte sogar tischweise lesen. Auch das Kin Dee, der neue Thai des Grill-Royal-Teams, teilt die Vorspeisen und die ganze Dorade. Überall gibt es plötzlich alpine Tapas, nordische Tapas, französische Tapas, arabische Tapas. Nur die italienischen dürfen weiterhin Antipasti heißen.

Billy Wagner, Gastgeber im brutal-lokalen Nobelhart & Schmutzig, spricht gern von Redundanzessern. Und meint damit jene, die immer das Gleiche wollen. Die gleiche Pizza, das gleiche Schnitzel, das ewige Rinderfilet. „Die große Chance solch gemeinsamer Runden ist es, solche Rituale aufzubrechen. Einer am Tisch bestellt vielleicht auch den Markknochen oder die fermentierte Bete, und die anderen trauen sich mal zu probieren. Im besten Fall haben wir es also mit einer tatsächlichen Geschmacksschule zu tun.“

Schwierig, so Wagner, wird es, wenn der Gast mit dieser neuen Art zu Essen alleine gelassen wird. „Die Leute kombinieren Sachen im Mund, die ich nicht unbedingt gleichzeitig schmecken möchte. Es geht ja nicht nur darum, was man isst, sondern auch wie, mit wie viel Muse, in welcher Reihenfolge.“ Gut gemacht, macht die neue Sharingkultur für ein Restaurant also kaum weniger Arbeit. „Ich habe vor kurzem ein Dinner moderiert, da hat ein sehr guter Koch einen sehr guten Steinbutt mitten auf den Tisch gestellt. So, jetzt bedient euch mal. Am Ende war der Fisch zerfleddert, alle hatten Gräten im Mund.“

Auch Martin Ruschitzka, Concierge im noblen Sofitel am Kurfürstendamm, teilt die Begeisterung für das neue Teilen deshalb nur mit Abstrichen: „Das Klischee sagt, man esse wie unter Freunden. Aber manchmal fühlt man sich einfach wohler in der Rolle, ein Gast zu sein.“ Im Kin Dee zum Beispiel wird die Dorade auf einen kurzen Blickkontakt hin vom versierten Service geteilt.

Trendforscher Eike Wenzel schaut derweil über den Tellerrand. Und verortet diese neue Tischkultur im Kontext jener Sharing-Economy, die längst unseren (urbanen) Alltag durchzieht. „Die Menschen teilen sich Autos, ihre Gartengeräte, sie teilen via airbnb ihre Wohnungen und via Instagram ihren Alltag. Das Erlebnis ist die neue Leitwährung, nicht mehr der Besitz. So gesehen spiegelt die gemeinschaftliche Esserfahrung also den Zeitgeist. Und zwar unabhängig davon, ob der eigentliche kulinarische Moment wirklich erlebnisreicher oder intensiver ist.“

Bleibt letztlich nur die Frage: Wo hört das Teilen auf? Gerne beim Geld. Wobei Sander Bosman, Restaurantleiter im Martha’s in der Grunewaldstraße, festgestellt hat, dass die gemeinsame Tafel auch gemeinsam beglichen wird. „Dieses typisch deutsche Ding, immer getrennt zu bezahlen, erlebe ich eigentlich kaum noch. Das hängt aber sicher auch mit einer Stimmung zusammen, die man den Gästen gibt. Die Leute sollen einen lässigen, entspannten Abend haben. Dazu passt es nicht, sich am Ende untereinander um  zwei Euro zu streiten.“

Geteilte Freude:

Neni Budapester Str. 40, Charlottenburg, www.neniberlin.de

Kantine Kohlmann Skalitzer Str. 64, Kreuzberg, www.kantine-kohlmann.de

Kin Dee Lützowstr. 81, Tiergarten, www.kindeeberlin.com

Brlo Brwhouse Schöneberger Str. 16, Kreuzberg, www.brlo-brwhouse.de

Weinbar Thal Wielandstr. 38, Charlottenburg www.thalberlin.de

Le Faubourg Augsburger Str. 41, Charlottenburg www.lefaubourg.berlin

Wild Things Weserstr. 172, Neukölln, www.wildthingsberlin.de

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