Allgemein

Theater heute, Theater gestern

Über Kunst kann man nicht abstimmen, und wahrscheinlich gilt Heiner Müllers Diktum, dass zehn Deutsche natürlich dümmer seien als fünf Deutsche, erst recht für Theaterkritiker. Trotzdem ist die jährliche Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ ein hübsches  Trendbarometer – übrigens auch ein Barometer, das etwas über den Geisteszustand der mal mehr, mal weniger geschätzten Kollegen verrät. Theater des Jahres sind diesmal Frank Baumbauers Münchner Kammerspiele, gefolgt vom Berliner HAU. Die wichtigsten Inszenierungen der vergangenen Spielzeit sind sowieso Jürgen Goschs “Die Möwe“ (Deutsches Theater Berlin) und Christoph Schlingensiefs „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Wer sie nicht liebt, sollte vielleicht mal zum Augenarzt gehen oder rauskriegen, ob er statt einem Herzen einen Ziegelstein in der Brust hat. Alexander Scheer, dem Schauspieler des Jahres, widmet das Jahrbuch ein schönes Porträt, ebenso Andreas Kriegenburg, der für seinen Münchner „Prozess“ nicht als Regisseur, sondern als Bühnenbildner des Jahres gewählt wurde.

Neben der Hitparade widmet sich das Jahrbuch ausgiebig historischen Rückblicken: 20 Jahre Mauerfall wollen auch theaterdiskursmäßig abgehakt sein. Lustig und „Theater heute“-untypisch entspannt erzählt Thomas Brussig davon, wie sein Wenderoman „Helden wie wir“ auch zum Theatererfolg wurde. Christine Wahl hat sich durch die Archive der Berliner Theater gewühlt, ihre Fundstücke sind sprechende Detailaufnahmen aus einem bizarren Land. Einem anderen Rückblick gilt der spannendste Text: Franz Wille zieht ein Resümee der Nuller-Jahre und arbeitet sich an der Frage ab, wie sich im vergangenen Jahrzehnt die Wechselspiele zwischen (Selbst-)Darsteller und Rolle, Kunst und Wirklichkeit, theatralischer und außertheatralischer Inszenierungsmuster verschoben, kompliziert und neu definiert haben.

Peter Laudenbach

i) Theater heute Jahrbuch 2009,184 Seiten,  24,80 Ђ

Mehr über Cookies erfahren