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Architekturroman

Theresia Enzensbergers Debütroman „Blaupause“

Form und Fortschritt: Theresia Enzensbergers Debütroman „Blaupause“ spielt in den 20er Jahren am Bauhaus. Und stellt doch höchst aktuelle Fragen

Foto: Rosanna Graf

Luise Schilling studiert am Bauhaus. Das ist ungewöhnlich, denn ihre Industriellen-Familie hatte vorgesehen, dass sie etwas für ihr Geschlecht angemessenes lernt, irgendwas mit Hauswirtschaft. Europa befindet sich zwischen zwei Weltkriegen. Und Luises Interesse an der Architektur und den Menschen, die in ihren Ergebnissen leben, wird auch an ihrer Schule eher weniger ernst genommen. Luise liebt einen Mann, der sich ständig entzieht, sie hat Freunde, die cool und interessant, aber wenig interessiert sind. Später hat sie einen furchtbaren Mann, der viel zu sehr da ist, aber sie nicht sieht und Freunde, die weder interessant noch interessiert sind. Dazwischen passiert viel. Luise ist etwas naiv. Aber sie hat Ideale. Und sie hat ein Ziel: Sie möchte eine neuzeitliche Siedlung bauen. Doch sie scheitert; an Un­gerechtigkeit, an Sexismus, an Machtlosig­-
keit, am falschen Leben, an ihrer Vernunft. Erstmal.

Wer hat diese Geschichte geschrieben? Theresia Enzensberger war das. Ja, die 30-Jährige ist die Tochter von Hans-Magnus, aber anders als bei den Autoritätstreuen, männlichen Rezensenten, soll hier nicht weiter vom Vater die Rede sein, das hat dieses Romandebüt nicht nötig. Was man aber noch wissen sollte oder könnte: Enzensberger hat Filmgeschichte studiert, in New York, sie hat mit dem Block Magazin ihr eigenes Presseerzeugnis produziert, mit gleichaltrigen, anstatt mit den immer selben, schon etablierten Spezialisten. Und sie schreibt für das ehrenwerte Feuilleton von FAS und Zeit.

Was man wissen muss: Sie hat ein Buch geschrieben, wie man es sich immer wünscht. Gewählt hat sie eine Sprache, so karg wie ein Nachkriegsland. An die man sich gewöhnen muss, bis man merkt, wie sie durchgängig wirkt, wie viel Raum sie gibt. Für Zeitlosigkeit. Für die eigenen Worte. Erfunden hat sie eine Geschichte, so durchdacht, so genau, so unspektakulär, aber vielschichtig, dass man sich reinbohren muss, in den vorgegebenen Platz, den sie gibt für die eigenen Fragen.

Die Formen. Die Innerlichkeit. Der Fortschritt. Darum geht es. Auch um Freundschaft und Liebe. Was sucht man, was braucht man? Es geht um die Illusion der Jugend, der Glaube daran, dass man Dinge ändern kann. Es geht um das Fatale des Erwachsenen, wenn man diesen Glauben verloren hat. Und Weimar beziehungsweise Dessau geben dafür den perfekten Rahmen.

„Bauhaus hat mich als Wiege der Moderne, aber auch als Ort der verschiedensten Ideen interessiert“, sagt die Autorin. Natürlich gibt es Parallelen zu heute: Die neuen Technologien, die dazugehörige Skepsis. Männer als Meister, die als Autoritäten gelten, aber nicht als moralische Instanzen. Johannes Itten, mit seinen Studenten mit Hang zu Esoterik und Körperarbeit. Die Frage, ob Kunst politisch ist. „Man muss aber aufpassen, dass man nicht versucht, die Zeit damals eins zu eins auf heute zu übertragen. Wir leben nicht in der Weimarer Republik“, sagt Enzensberger. Spaß macht es trotzdem.

Etwa wenn Luise sagt: „Nutzen tun sie aber niemandem, die Farben. Erich hat kein Dach über dem Kopf, und was macht Johannes? Er baut wunderbare Türme, in denen niemand wohnen kann.“ Solche Sätze kann man auch auf Berlins Kreativwirtschaft anwenden. Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr darum, ob und dass Kunst politisch sein muss, – „selbst dezidiert Apolitisches steht ja in einem Kontext“, sagt Enzensberger, – sondern darum, dass das den Betrachtern egal ist.

Wenn man mit der Autorin eine Apfelsaftschorle trinkt, und ihre Eloquenz genießt, landet man schnell bei der Ästhetik von Protestbewegungen, beim eigenen Protestwillen generell und einigt sich darauf, dass die Parolen heute expliziter sein müssten, um hinter dem Demowagen herzugehen. Ihr Buch „Blaupause“ macht Lust auf Parolen, auf Ideale. Es macht Lust auf das Neue. Denn es zeigt auch bitterlich, wie wenig sich das Alte in den letzten Jahren geändert hat. So kann das nicht weitergehen. Wir müssen wieder was verändern wollen.

Blaupause von Theresia Enzensberger, Hanser, 256 S., 22 €

Lesung: Georg Büchner Buchladen, Wörther Str. 16, Prenzlauer Berg, Mi 6.9., 20 Uhr

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