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Kammer-Pop

Ungefickte Zimmer: Jarvis Cocker & Chilly Gonzales spielen in der Volksbühne

Jarvis Cocker & Chilly Gonzales haben gemeinsame Sache gemacht: einen Liederzyklus über das Hotel Chateau Marmont – seit 1929 die gefährlichste Luxus-Absteige der Hollywood-Stars

Foto: Alexandre Isard/ Universal

Gibt es etwas Traurigeres als ein Hotelzimmer, in dem nie gefickt wurde?“, fragt Jarvis Cocker gleich im ersten Song. Das geht ja heiter los auf dem Hotelzimmer-Konzeptalbum! Eine Strophe weiter erfahren wir, dass hier eine Schauspielerin ­Drogen auf dem Klavier nahm. „Wenn ich dran lecke, wird’s noch danach schmecken?“ Nach dem Koks oder den Beinen der Lady? So viel darf hier spoilerfrei verraten sein: Es wird nicht harmloser im Laufe der 16 Tracks. Auf der Platte prangt deshalb auch der nach US-Recht vorgeschriebene schwarzweiße ­Sticker: „Vorsicht Eltern: anstößiger Inhalt“. Auf Hip-Hop-Labels ist das freilich Standard, aber in der Geschichte der Deutschen Grammophon gab’s das seit deren Gründung 1898 noch nie. Die Deutsche Grammophon, das ist das älteste noch existente Platten-­Label der Welt. Zu Hause in Berlin. Hier ­reichen sich sonst die Klassik-Stars die Klinke. Aber irgendwie dürften die sich gedacht ­haben, dass Chilly Gonzales und Jarvis ­Cocker, als sie von „Liederzyklus“ sprachen, nicht meinten, dass sie Kinderbe­spaßung à la „Peter und der Wolf“ im Sinne ­haben. Nein, auf „Room 29“ geht’s gehörig zur Sache. Sex, Drugs & Hollywood.

Ums Chateau Marmont Hotel dreht sich besagter Liederzyklus. Seit 1929 Luxus-­Absteige der Schönen und Reichen, die ihre Knete im Schmuddelladen Hollywood verdienen. Zwar zog just zu dieser Zeit auch der Ton in die Filme ein, aber Soundtracks für diese Streifen zu schreiben brachte in etwa dasselbe Renommee ein wie Kinodrehbücher zu kreieren oder heutzutage Handyklingeltöne zu komponieren. Die Liste der Leute, die im Marmont am Sunset Boulevard verhaltensauffällig wurden, liest sich wie das Who-Is-Who der Glamour-Welt: Jim Morrison von The Doors fiel hier vom Dach und meinte später, das hätte ihn wohl das achte seiner neun Leben gekostet. Passiert. James Dean hingegen schmiss sich absichtlich aus dem Fenster. Für uns Berliner besonders schmerzlich: Der Weltklasse-Fotograf Helmut ­Newton knallte mit dem Wagen tödlich an die Wand, nachdem er das Hotel verließ. Fuck.

Man muss nicht Jarvis Cocker und Chilly Gonzales sein, um zu raffen, dass dieser Ort verflucht ist und Stoff für verflucht gute Songs bietet. Auch Father John Misty und Lana Del Rey sangen schon drüber. Aber wenn man Jarvis Cocker (der Pulp-Sänger, der 1996 illegal die Bühne von Michael Jackson enterte) und Chilly Gonzales (der zwar Mitglied einer Berliner Handpuppen-Hip-Hop-Band ist, aber sich auch auf Knopfdruck auch den Anstrich des seriösen Philharmonie-Pianisten verpassen kann) – wenn man diese beiden ist, dann kommt da natürlich großes Kino raus. Zwar mögen kritische Zeitgenossen sagen: Diese teils mit Streichern unterlegten Klavier-Melodeien von Herrn Gonzales schmecken ein bisschen nach angejazztem Philip-Glass-Abklatsch und haben wenig mit den wilden Zeiten zu tun, als er mit der Sängerin Feist wie auf Mushrooms in die die Synthesizer-Tasten hämmerte. So ist das.

Wer aber genauer lauscht, findet in den 16 Liedern nicht bloß jugendgefährdende Gedichte, sondern aberkomischen Wortwitz, von Jarvis Cocker so facettenreich geflüstert bis gecroont, dass man sich nur aus dem Fenster stürzen würde, wenn man wirklich wüsste, dass man bisher nur acht seiner neun Leben verbraucht hat. Wer noch genauer hinhört, dem entgehen auch Details wie eine kratzende ­Füllfeder nicht. Meta-Kommentar zum Schreiben übers Schreiben über …
Jedenfalls: Das erste Mal, als Jarvis Cocker im echten Leben das Marmont betrat, sah er dieses Klavier. „Ich dachte gleich, das könnte spannend werden“, sagt er. Dann las er Mitte der 1990er viel über das Hotel. „The Chateau Marmont Hollywood“ von Andre Balazs, dem steinreichen Ex-Freund von Uma Thurman, dem das Hotel heute gehört. Aus dem Buch zog Cocker viele Storys. Etwa die von Jean Harlow, Hollywoods Sex-Symbol der 1930er. Nur zwei Monate nach den Flittertagen im Room 29 des Marmont (wo auch Cocker nächtigte) schoss sich ihr Mann Paul Bern die Kugel in den Kopf.

„Gonzales und ich haben viel darüber philosophiert“, sagt Cocker, „wie Filme in deine Träume eindringen.“ Ein Song handelt ausdrücklich vom manipulativen Spiel der Lichtspielhäuser. „Auch Filme lassen sich dazu missbrauchen, in ihnen nach sich selbst zu suchen“, meint Gonzales. „Es ist kaum möglich, dem zu widerstehen.“ Cocker ergänzt: „Ein Leben lang Filme zu schauen ändert, wie man aufs Leben blickt und was man von ihm erwartet. Hotels und Filme ähneln sich darin, dass man sich durch sie eine Zeitlang aus der Verantwortung ziehen kann.“ Im Hotel könne man seinen Phantasien freie Fahrt lassen. „Und am Ende checkt man aus und geht hin, wo man zu Hause ist.“ – Das Ding mit den Illusionen sei, so sagt Gonzales: „Wir Menschen brauchen sie. Bloß treiben es manche zu weit damit und finden nicht mehr raus. Wir als Performer kennen das: Wir schneidern eine bestimmte Version von uns selbst zurecht, und am Ende klatschen alle, wenn man’s richtig anstellt.“ Doch dann gebe es da den Moment allein auf dem Hotelbett.

Für „Room 29“ gingen die beiden mental dorthin zurück, wo das Fantasialand der Filme begann. „Die Kultur der Realitätsflucht“, nennt es Gonzales. „Die führte letztlich bis zum Internet, auch wenn wir das auf der Platte nicht eigens erwähnen.“ Ein langer Weg vom Beginn der Liederzyklen, die ihren Zenit im romantischen 19. Jahrhundert erlebten mit Schumann und Schubert, diesen Schuften. In solchen Zyklen geht es um eine Reise, sagt Gonzales. Wie in Schuberts Winterreise. „Natürlich nicht wortwörtlich plump à la: Oh, ich gehe in den Wald im ersten Song. Oh, ich treffe im Wald einen Löwen im zweiten Song.“ Sondern more sophisticated. Haben wir uns doch gedacht. Allerdings haben die beiden das Pferd von hinten aufgezäumt: erst schrieb Gonzales die Piano-Parts, dann legte Cocker seine Lyrik drauf. Die Romantiker machten’s umgekehrt.

Fünf Jahre waren sie an dem Projekt dran. Jarvis Cocker lebt in Paris, Chilly Gonzales in Köln. 500 Kilometer. Die ersten Aufnahmen fanden an einem einzigen Tag im März 2015 statt. Gonzales war mit seinem „Chambers“-Album auf Tour und hatte die Streicher vom Kaiser Quartett bei sich. „Der teuerste Synthesizer der Welt“, wie Gonzales sagt. „Wir waren nie an dem Punkt zu sagen: Jetzt ­buchen wir zehn Tage in diesem Studio in L.A. mit diesem Produzenten. Real wurde das Projekt nach Bekunden der Protagonisten erst, als sie es letztes Jahr in Hamburg auf Kampnagel live performten. Wie sie es nun dreimal auch an der Volksbühne tun werden.

Der Epilog des Albums heißt „Icecream For Main Course“. Welche Eiscreme will Herr Cocker sich denn nun als Hauptgang ordern? Dem tip gesteht er es frei raus: „So viel Rum-Rosinen-Eis mit so vielen Rosinen, bis ich ganz betrunken bin.“ Gonzales schwört dem Alkohol hingegen ab und gibt stattdessen ein Geheimnis mit auf den Weg: Ja, beim „Clara“-Lied (das eigentlich Mark Twains Tochter gewidmet ist) müsse er die ganze Zeit auch an Clara Schumann denken, diese „Fetischfigur“. Robert Schumanns Witwe, die (nachdem der sich in den Rhein stürzte und danach Geister sah) halbheimlich mit Kollege Brahms durchbrannte. Zur Ehrenrettung: die Gute war selber große Komponisten und zierte, manche erinnern sich noch, einst den 100-DM-Schein. Ob sie wohl auch vom Marmont-Klavier gekokst hätte? Davon immerhin schweigen die Saiten, die Hotel bedeuten.

Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Mo 27.3., Di 28.3., Mi 29.3., 20 Uhr, ausverkauft

Kulturkaufhaus Dussmann Friedrichstraße 90, Mitte, Di 28.3., 17 Uhr, Eintritt frei (Konzkonzert)

Wir verlosen das Album „Room 29“ (Deutsche Grammophon) 4x als CD und als Vinylscheibe; E-Mail an [email protected], Betreff „CD 29“ bzw. „Vinyl 29“

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