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Themenschau

„Up and Down“ im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Alles wird Ex: Alles eine Frage von Zeit, Kontext und Perspektive: Die Ausstellung „Up and Down“ erforscht, wie Gegenkultur zur Hochkultur wird – u.a. mit Werken von Andy Warhol, Ming Wong und Wolfgang Müller

Ming Wong / The Island of Lost Souls LEHRE DEUTSCH MIT PETRA VON KANT, 2017 Video still (c) Ming Wong / The Island of Lost Souls

Avantgarde ist gut. Gegenkultur ist besonders authentisch. Salonkunst ist eigentlich despektierlich gemeint. Und Hochkultur zwar anerkannt, aber angestaubt und museal erstarrt. All diese Begrifflichkeiten und die mit ihnen zusammenhängenden Assoziationen versuchen, Kunst auf verschiedene Arten zu etikettieren und zu bewerten. Gleichzeitig funktionieren sie aber nur in bescheidenem Rahmen zum Zeitpunkt ihres Gebrauchs. Was mal Avantgarde und Gegenkultur war oder sogar Punk, wie Andy Warhol, wenn die einst neue Kunstform sozusagen gut genug abgehangen ist wie ein mürbes Steak, hinüber in die Hochkultur. Am Ende ist vor allem eines sicher: Der unersättliche Hunger der Bourgeoisie nach Distinktion hat bislang noch jede Avantgarde so lange umarmt, bis sie erstickt und Kanon war.

Mit „Up and Down“ widmet sich eine Ausstellung im Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst jetzt dem Spannungsfeld zwischen diesen Begrifflichkeiten und trägt eine illustre Schar an Künstlern und Werken hierfür zusammen. Den Auftakt macht Andy Warhol mit seinen Screentests von Susan Sontag. Beide waren einmal Teil einer Gegenkultur oder Avantgarde, während man sie heute unzweifelhaft zu einflussreichen Vertretern der Hochkultur rechnen muss. Auch eine gewisse museale Erstarrung kann man bei beiden feststellen. Anders sieht das schon bei Ming Wongs Performance „Lerne Deutsch mit Petra von Kant“ aus, die er von den Studenten seiner Performanceklasse an der UdK neu spielen lässt. Schon die Queerheit des Originals, bei der Ming Wong in die Rolle von Petra von Kant aus Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ schlüpft, lässt die Arbeit mehr in Richtung Gegenkultur rutschen.

Interessanter aber noch ist die Verknüpfung mit Fassbinder, der zu seiner Zeit nicht nur selber Avantgarde gewesen ist, sondern dem man nicht selten sogar Provinzialität vorgeworfen hat. Heute hingegen gilt er als einer der wichtigsten Filmemacher der deutschen Filmgeschichte. So trifft in Ming Wongs Arbeit die Kategorisierung des Werks selber auf die Rezeptionsgeschichte des Fassbinderschen Schaffens und macht die Doppelbödigkeit der Begriffe Avantgarde, Hochkultur und Gegenkultur wunderbar deutlich.

Natürlich hat auch Marcel Duchamp in der Ausstellung seinen Auftritt, allerdings nicht mit einem Werk, sondern mit einer Videoarbeit des Berliner Künstlers Wolfgang Müller,  in den 80er-Jahren Undergound Ikone, über die Performance eines Vortrags von Bruno Hoffmann über Duchamps rätselhaftes Werk „Großes Glas“ im West-Berliner Frontkino. Zuschauer: rund 30 Punks. Anders als die Studierenden an der FU, wo Hoffman seinen Vortrag ursprünglich hielt, dort aber dauernd unterbrochen wurde, hören die Punks sich den stundenlangen Monolog Hoffmans ruhig an und applaudieren sogar am Ende. Wie durchaus bürgerlich möchte man fast sagen. Vom Ausgangspunkt Duchamp bis zur Zuschauerschaft und dem Autor Wolfgang Müller geht hier in Hinblick auf Gegenkultur, Hochkultur und Avantgarde wirklich alles durcheinander.

Up and Down Kindl – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Am Sudhaus 3, Neukölln, Mi–So 12–18 Uhr, 2.4.–6.8.

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