Berlinale 2018 – Retrospektive

Als die Frauen die Hosen anhatten

Die Retrospektive Weimarer Kino – neu gesehen macht Entdeckungen in der faszinierenden Filmepoche zwischen Caligari und Hitler

Wissen Sie, was ein Eintänzer ist? Die Kinogänger, die 1932 „Das Abenteuer einer schönen Frau“ sahen, ­wussten es offenbar, denn der Film ­erklärt den Begriff nicht, wenn der Chef eines Boxetablissements der Bildhauerin Thea Roland verkündet: „Wir haben hier keine Eintänzer, wir haben Boxer!“ Thea ist nämlich auf der Suche nach einem Modell für eine Skulptur, hat sich dabei aber ­offenbar so missverständlich ausgedrückt, dass ihr Gegenüber annimmt, sie benötige den Herrn für andere Zwecke, als einen „Mann für gewisse Stunden“.

Das Abenteuer einer schönen Frau
Foto Quelle Deutsche Kinemathek

Eintänzer – das waren in jenen ­Jahren Herren, die von den Tanzcafés bezahlt wurden, um mit den Frauen eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen. Einer von ihnen war der junge Billy Wilder, der darüber seine berühmte Reportage „Herr Ober, bitte einen Eintänzer!“ verfasste. Der Film, ­inszeniert von Hermann Kosterlitz, der wie Wilder 1933 emigrieren musste und in Holly­wood als Henry Koster seine ­Karriere 20 Jahre später mit dem ersten Cinemascope-Film „Das Gewand“ krönte, bietet so manches ­frivole Missverständnis zum Amüsement des Publikums auf. Doch er weiß ebenso mit einer emanzipierten Frau als Hauptfigur zu überzeugen und feiert darüber hinaus eine moderne Zeit, die ein Jahr später gleichgeschaltet wurde.

Attacke auf bürgerliche Moral

Da gibt es eine Radio-Live-Übertragung von einem gesellschaftlichen Ereignis, und in einer atemberaubenden Sequenz folgt die Protagonistin dem Objekt ihrer (beruflichen) Begierde durch die Straßen, unterstützt von einer vorwärtstreibenden, ­jazzorientierten Musik. Am Ende sucht der verunsicherte Mann (obwohl im Haupt­beruf Polizist) Schutz bei einem Schupo. Als der Thea zur Rede stellt, sind die beiden sofort umringt von einer ­Gruppe Frauen, die der uniformierten Autorität mit kessen Sprüchen Kontra geben. Und auch Thea wird später selbstbewusst verkünden, ihr Kind, Resultat einer Liebesnacht mit dem Polizisten, alleine großziehen zu wollen.

Dieser Typus der modernen Frau begegnet uns noch öfter in den Filmen jener Jahre, etwa in Gestalt der Konstruktionszeichnerin Olga in „Sprengbagger 1010“ (1929), die auch ein Flugzeug zu steuern versteht und als Teil der technischen ­Intelligenz mit beiden Beinen im Erwerbsleben steht. Auf der anderen Seite gibt Franz Lederer in „Ihre Majestät die ­Liebe“ (1931) einen Hallodri, der das Leben in vollen Zügen genießt und erst durch eine patente Bardame bekehrt werden muss, während Reinhold Schünzel, sechs Jahre, bevor er sich mit „Viktor und Viktoria“ als Regisseur der sexuellen Ambivalenz erwies, in „Der Himmel auf Erden“ selber in Frauen­kleider schlüpft und damit eine am Schwank der Bühnenvorlage ­orientierte Variation der Attacke auf die bürgerliche Moral und des sich wandelnden Geschlechterverhältnisses liefert.

Lässt sich in den Filmen der späten ­Weimarer Republik eine Tendenz zum ­Realismus erkennen, so beherrschten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eher aufwändige Ausstattungsfilme, oft mit ­exotischem Hintergrund, das Bild. ­„Opium“ (1919) erzählt vom Reiz und den Gefahren des Rausches in Form zweier tragischer Familiengeschichten, ­verknüpft durch eine Rache-Intrige. ­Regisseur Robert Reinert, der seine Produk­tionsfirma selbstbewusst Monumentalfilm nannte, empfahl sich schon mit dem 2008 rekonstruierten „Nerven“ (ebenfalls 1919) als Spezialist für halluzinatorische ­Bilder.

Kein Heldentod

Dagegen lässt sich Gerhard Lamprechts Historiendrama „Der ­Katzensteg“ (1927) an der Schnittstelle von patriotisch überhöhendem Epos und dem realistischen Einfangen von Wirklichkeit verorten. Die Geschichte aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon wäre offen für nationale Propaganda, doch Lamprecht, in der Retro auch mit dem Milieudrama „Die Unehelichen“ (1926) vertreten, zeichnet seine Figuren höchst ambivalent. Am Ende ­inszeniert er nicht den tragischen Heldentod, sondern begnügt sich mit der lapidaren Schrifteinblendung „Er soll bei ­Liguy gefallen sein“.

Die Begleitpublikation zur Retro­spektive (Verlag Bertz + ­Fischer) behandelt den Stoff in sieben thematisch orientierten Essays, sowie mit sechs Filmbetrachtungen, verfasst von heutigen Regisseuren, die sich den Filmen mehr oder weniger persönlich ­annähern. Der einfühlsame Enthusiasmus von Wim Wenders ist bekannt, und mit Philipp Stölzl hat man genau den Richtigen für „Der Favorit der Königin“ gefunden. Nicht nur wegen der inhaltlichen Parallelen zu ­seinem „Medicus“, sondern auch, weil er die Modernität der Erzählweise herausarbeitet. Im Übrigen lohnt der Film ­allein schon für die Darstellung von Hanna ­Ralph als Königin: toll, wie sie mit einem ­Herunterziehen der Mundwinkel oder Hochziehen der Augenbrauen Politik macht.

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