Reportage

Alt werden in Berlin: Das Fünf-Sterne-Altenheim am Ku’damm

Karin Hänel und ihr Mann Bernd Bilitewski sind Rentner und noch fit. Trotzdem wohnen sie an einem Ort, an dem die Pflegekräfte nebenan schon warten: im Luxusaltenheim Tertianum am Ku’damm

Tertianum Atenheim, Foto: Harry Schnitger

Karin Hänel steht auf dem Balkon, die Arme verschränkt, und blickt in den langgezogenen Hinterhof. Dort blüht ein Kirschbaum, hinter einer Mauer liegt ein Spielplatz, drei Jungs rangeln um einen Ball. Hänel nickt in ihre Richtung. „Ich höre die Kinder gerne spielen. Das ist ein Hintergrundgeräusch, das mich entspannt, wenn ich abends hier sitze.“

Hänel trägt eine dunkle Jeans und einen grasgrünen Pullover, darauf eine Nana-Brosche, den Figuren von Niki de Saint Phalle nachempfunden. Das Thermometer zeigt 23 Grad. „Hier ist es immer zu warm“, sagt ­Hänel. „Aber die anderen alten Menschen frieren doch immer so viel.“ Wenn sie könnte, würde sie die Temperatur runterregeln. Aber die Heizung wird zentral gesteuert in der Seniorenresidenz Tertianum am Ku’damm. Es ist das einzige, was Hänel in ihrer Unterkunft stört.

Die Frage danach, wie man seinen Lebensabend verbringt, wer für einen sorgt, wenn die Kräfte nachlassen, beschäftigt irgendwann alle Menschen. Karin Hänel, 70, und ihr Mann Bernd Bilitewski, 72 Jahre alt, haben sie für sich geklärt. Die beiden führen ein Leben wie im Fünf-Sterne-Hotel. Seit anderthalb Jahren wohnt das Ehepaar Bilitewski/Hänel in der knapp 100 Quadratmeter großen Wohnung in einer Seitenstraße des Ku’damms. Als Vorbereitung auf die Zeit, wenn sie nicht mehr in der Lage sein werden, ihren Alltag allein zu bestreiten. 6.000 Euro zahlen die beiden im Monat. Das Tertianum Berlin ist ein Luxusaltenheim. Die Waschbecken in den Badezimmern sind aus Marmor, die Küchen von Designern entworfen. Hier wohnen ehemalige Unternehmer, Manager, Professoren, Diplomaten und Politiker. Wenn sie die Flure entlanggehen, schluckt der dicke, beige Teppich die Geräusche ihrer Schritte.

Manche Bewohner nehmen den ambulanten Pflegedienst in Anspruch, bekommen ­Hilfe beim Anziehen oder Waschen oder bei der Zubereitung ihres Frühstücks oder ­lassen sich massieren. Andere haben noch keine Pflegestufe und nutzen nur den Fünf-Sterne-Service des Hauses. Dazu gehören ein Wellness- und ein Sportbereich, eine Bibliothek, Fachärzte, Friseure, Fußpfleger, Concierges, Kulturveranstaltungen im Atrium. Jeden Tag gibt es ein Drei-Gänge-Menü, kreiert von Sternekoch Tim Raue.

Jeden Tag gibt es ein Drei-Gänge-Menü, kreiert von Sternekoch Tim Raue

Wieder andere Bewohner leben auf der Pflege­station und werden rund um die Uhr betreut. In konventionellen Altenheimen kommt ein Pfleger oder eine Pflegerin auf 20 Patienten, im Tertianum pflegen mindestens zwei, meistens drei Menschen 20 Pflegebedürftige.

Eines Tages werden auch Hänel und ­Bilitewski pflegebedürftig sein, vielleicht werden sie ihre letzten Tage sogar auf der Pflegestation verbringen. Und noch mehr Geld für ihr Leben im Tertianum zahlen. „Wir haben uns die Station schon angeguckt. Mir war wichtig, dass es da nicht riecht. Ich weiß, wie es in den meisten Altenheimen riecht“, sagt Hänel.
Sie will vorbereitet sein, wenn es so weit ist, sie hat eine Patientenverfügung aufgesetzt. Um selbst zu entscheiden, wann ihr Leben nicht mehr lebenswert ist – und um niemandem sonst die Entscheidung aufzubürden, was nun mit ihr passiert.

Bei ihren Eltern war es anders. Die erwarteten, dass Hänel sie pflegt. Sie hatten sich nie eine Seniorenunterkunft angesehen, blieben zu Hause wohnen – bis die Nachbarn im Dorf auf Hänel zukamen. Die demente Mutter, der kranke Vater, allein im Haus. So könne es nicht weitergehen.
Karin Hänel suchte ein Altenheim für die Eltern, die Demenz der Mutter wurde schlimmer. „Wenn man Demenz hat und noch mal umzieht, dann geht’s rapide bergab. Zu viele Veränderungen für ein Gehirn, das sich verändert. Dann weiß man nicht mal mehr, wo die Toilette ist“, sagt Hänel.
Hänel war 15 Jahre lang Kinderkrankenschwester, dann machte sie ihr Abi nach, studierte und wurde Psychologin. Jetzt serviert sie auf einem Tablett Tee in einer teuer aussehenden Kanne, zusammen mit passenden Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose.

Wohn- und Schlafzimmer einer Wohnung im Tertianum, Foto: Harry Schnitger

Ihren Mann lernte Hänel 1978 kennen, in ­einer Wohngemeinschaft in Wilmersdorf. Bis 1986 lebten sie dort zusammen. „In wilder Ehe“, sagt Hänel. 30 Jahre blieben die beiden in Berlin. Bilitewski studierte Ingenieurwissenschaften, baute an der TU zusammen mit seinem Professor einen neuen Studiengang auf: Abfallwirtschaft. Dann zogen sie nach Dresden, Bilitewski wurde Professor, Hänel machte eine Praxis auf.

„Mein Mann hat mich immer unterstützt. Beim Abitur, beim Studium. Als er in Rente ging, stand jeden Tag das Essen auf dem Tisch, wenn ich aus der Praxis kam“, sagt sie. Nach 20 Jahren in Dresden wollten sie zurück nach Berlin. „Irgendwie hat es da unten in ­Sachsen nicht so gut funktioniert mit den ganzen ­roten Socken und uns.“

Das Ehepaar Hänel/Bilitewski hat keine Kinder. Umso wichtiger sind ihm Freunde. Etwa zweimal die Woche treffen sich Hänel und Bilitewski mit alten Bekannten. Sie ­gehen in Ausstellungen, zu Lesungen und zu Podiumsdiskussionen. Im Tertianum, aber auch in der Stadt. „Was sollen wir in einer Residenz am Wannsee?“ fragt Hänel. „Da gibt es doch nichts zu tun.“ Die Eheleute wollen sich nicht in Vorbereitung auf die letzte Station im ­Leben aufs Abstellgleis stellen, alles herunterfahren, ­erschlaffen, passiv werden.

Auf 200 Quadratmetern sammelten ­Hänel und Bilitewski in Dresden Kunst. In der Wohnung in der Seniorenresidenz hat nur ein Bruchteil Platz. Felix Müller, Hassebrauck, Holzheimer, Paul Klee. Immer noch Luxus, klar.
Was haben sie für Gedanken, wenn sie an die Alten denken, die sich so einen Lebensabend nicht leisten können? Karin Hänel sagt: „Man kann die Lebensleistung nicht vom ­Leben im Alter trennen. Unsere Familien waren Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen, als Kinder hatten wir fast nichts. Außer unsere Eltern, die auf Bildung bestanden. Alles, was wir jetzt haben, haben wir wegen unserer Bildung. Wir haben es uns erarbeitet. Das verstehen viele am unteren Rand der Gesellschaft nicht.“ Sie reckt das Kinn in die Höhe und stützt die Hand in die Hüfte.

Vor dem Fenster bewegen sich die Kirschblüten im Wind. Ob Hänel Angst hat vor dem Tod? Vor dem Moment, der jeden ereilt und in dem alle gleich sind, weil alle irgendwann sterben? Sie sagt, sie weiß es nicht.