Weiterbildung

Alte Tätigkeiten neu entdeckt

Gesellschafterin, Hutmacherin oder Tankwart: Es sind vor allem Dienstleistungs- und Handwerksberufe, die derzeit eine neue Wertschätzung erfahren. Wobei sich das Arbeitsfeld neuen Bedingungen angepasst hat

Hutmacherinnen im Atelier von Fiona Bennet, Foto: Joachim Gern

Gegen 12 Uhr ruft Conny Vu bei ihrer Auftraggeberin an, ob sie etwas mitbringen solle – vielleicht etwas Süßes? Um 15 Uhr fährt sie mit dem Fahrrad los. Dann machen sie und ihre „Dame“, wie Vu ihre 88-jährige Kundin nennt, erst einmal einen Spaziergang durchs Neu-Westend. Zurück im Haus kocht Vu Tee und liest vor. Bei ­gutem Wetter fährt das Duo auch schon mal zum Mittagessen in die Wannseeterrassen. Conny Vu ist Gesellschafterin. Einer von vielen Berufen, die es heute kaum noch gibt. Der Beruf, der früher im Zusammenhang etwa mit wohlhabenden Adligen gängig war, hat inzwischen eine Wandlung erfahren: Seniorenassistenz oder Seniorenbegleitung wird die Tätigkeit genannt, für die es inzwischen auch eine Ausbildung gibt. Die Arbeit beginnt da, wo die der Pflegekraft aufhört: Gesellschafter sorgen für Abwechslung und mentale Fitness. Conny Vu arbeitet als Selbstständige und handelt ihr Stundenhonorar aus. Wichtig, so die 63-jährige, die ursprünglich Hotelfachfrau gelernt hat, seien eine „gute Schul- und Allgemeinbildung sowie gute Umgangsformen. Außerdem braucht es gegenseitige Zuneigung und Vertrauen.“ Ebenso sei ein Erste-Hilfe-Kurs speziell für den Umgang mit Senioren sinnvoll, sowie ein Rollstuhlführerschein, den man beim Deutschen Roten Kreuz Berlin machen kann.

Auch er arbeitet mit Menschen: der Concierge. Mit den Aufpassern in Pariser Wohnhäusern hat der heutige Concierge-Dienst der Berliner Firma Numrich allerdings wenig zu tun. Nicht grimmig, sondern freundlich treten die rund 25 Concierges auf, die in Marzahner Hochhäusern allein schon durch ihre gepflegte Präsenz positiv angenommen und beruhigend wirken würden. Besondere Qualifikationen brauche man nicht, so Geschäftsführer Marcus Scholz. Bezahlung erfolge bei ihm nach Tarifvertrag: 10,30 Euro Stundenlohn. Eine andere Form des Concierges gibt es in Hotels ab fünf Sternen. Thomas Munko ist einer der etwa 180 Concierges in knapp 100 deutschen Hotels. Er ist Chef-Concierge im Ritz Carlton am Potsdamer Platz und Präsident der Vereinigung „Die Goldenen Schlüssel Deutschland“. Viele Kollegen kämen wie er aus der Hotellerie, aber Concierge sei keine Ausbildung, sondern eine Berufung, die er als Urlaubsvertretung im Schlosshotel Grunewald für sich entdeckt habe. „Wichtig sind Kontaktfreudigkeit, Empathie und gute Umgangsformen“, erklärt Munko. „Man sollte ein leidenschaftlicher Gastgeber sein und den Gästen bei ihrer Selbstverwirklichung helfen wollen.“ So organisierte Munko kürzlich für amerikanische Gäste auf deren Wunsch hin ein Abendessen mit Flüchtlingen. Das Einstiegsgehalt eines Junior-Concierge beträgt etwa 1.800 Euro.

Die Begriffe Putzmacherin, Hutmacher oder Mützenmacher vereinen sich heute im Berufsbild Modist, weiß Caroline Tiedtke, Lehrerin am Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode (OSZ) in Berlin. Das OSZ ist eines von drei überregionalen Zentren, an dem Modisten-Lehrlinge aus ganz Deutschland während ihrer dreijährigen Ausbildung unterrichtet werden können. Theoretisch reiche dafür ein Hauptschulabschluss. Da es nicht viele Modisten-Betriebe gäbe, gingen Absolventen oft ans Theater oder machten sich selbstständig. Für diesen „wunderschönen Beruf“ brauche es laut Hans-Joachim Böhme „handwerkliche Fähigkeiten mit textilen Werkstoffen, Geduld, Ruhe und ästhetisches Empfinden“. Böhme ist Geschäftsführender Gesellschafter bei Fiona Bennett, eine der weltweit führenden Modistinnen mit Sitz in Berlin. Neben dem Anfertigen der Hüte gehörten auch der Umgang mit Menschen und Beratungsgeschick zum Berufsbild. Bennett selbst beschäftigt eine Auszubildende und zwei ausgelernte Modistinnen, bezahlt ähnlich der Textilbranche oder, so Böhmer, „nach individuell ausgehandelten Verträgen im Interesse der Modistinnen.“

Concierge Thomas Munko, Foto: Kathrin Beulshausen

Auch der Beruf des Gestalters für visuelles Marketing hat nicht nur hinsichtlich seiner Bezeichnung Veränderung erfahren: Er entstand aus dem Schaugewerbegestalter, der sich wiederum aus dem Beruf Schaufenstergestalter, beziehungsweise -dekorateur oder Gebrauchswerber, wie es in der DDR hieß, entwickelt hat. Gestalter für visuelles Marketing setzten Schaufenster, Verkaufsflächen, Messestände oder Veranstaltungen in Szene. „Es ist ein sehr vielseitiger Beruf“, sagt Heike Belgert, die seit 1991 ihre Berliner Firma ArtWindow führt und auch ausbildet. „Man geht mit der Säge, dem Cutter oder Tackern um, braucht, ähnlich wie ein Inneneinrichter oder Bühnenbildner, räumliche Vorstellungskraft und ein Gefühl für Farben und Ästhetik.“ Außerdem müsse man computerfit sein. Auch große, mit Ladengeschäften vor Ort vertretene Händler wie große Modeketten würden wieder zunehmend eigene Gestalter für visuelles Marketing einstellen. Aber auch kleinere Ketten, die derzeit einen „Visual Merchandiser (M/W)“ ­suchen, feilen so an ihrer Optik. Klingt einleuchtend: Wer dem Online-Handel analog etwas entgegensetzen will, braucht Hingucker in seinen Schaufenstern. Nur so macht ein Schaufensterbummel – und der anschließende Einkauf – Spaß.

Einst nicht wegzudenken, im Zuge von zunehmendem Self-Service wegrationalisiert, kommt hier und da aber auch der Tankwart wieder zurück. In Deutschland ist er oder sie so beispielsweise an etwa 500 Shell-Tankstellen zu finden: Autos betanken, Scheiben wischen, Ölstand prüfen – fasst Shell-Pressesprecherin Cornelia Wolber die Aufgaben von Shell-Tankwarten zusammen, für die man bei diesem Unternehmen keine spezifischen Voraussetzungen mitzubringen braucht. Der „Technische Tankwart“ dagegen ist ein Ausbildungsberuf, für den man drei Jahre lernen muss.
Michael Letzin, Betreiber der Total-Tankstelle an der Holzmarktstraße in Friedrichshain: „Es ist ein sehr vielseitiger Beruf, der sowohl technisches Verständnis als auch kaufmännische Kenntnisse erfordert. Ein Tankwart muss beispielsweise auch kleinere Reparaturen am Auto durchführen können.“ Letzin könnte noch sehr viel mehr über den Beruf erzählen: seine Tankstelle ist ­offizielle Prüfungstelle, er selbst ist Mitglied im Prüfungsgremium. Was er zum Beruf des Technischen Tankwarts zu sagen hat, könnten sich Anwärter auf eine Ausbildungsstelle anhören. Derzeit ist bei Letzin ein entsprechender Platz zu besetzen.

Gesellschafter/-in
Ausbildung zum/ zur Seniorenassistenten/-in nach dem Plöner Modell: 5.10.–18.11. (vier Wochenendseminare) in Berlin, Infos: www.senioren-assistentin.de. Rollstuhlführerschein über Deutsches Rotes Kreuz, www.drk-berlin.de

Concierge
Arbeitgeber z.B. Numrich Grundstücks- und Gebäudeservice GmbH, www.numrich-gmbh.de
Die Goldenen Schlüssel Deutschland e.V., www.lcdg.org

Tankwart/-in
Ausbildung zum Technischen Tankwart z.B. bei Tankstelle Total, Holzmarktstr. 36–42, Friedrichshain, www.online-stellenmarkt.net

Modist/-in
Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode (Tag der offenen Tür am 2. Februar): www.osz-bekleidung-mode.de. Hutsalon Fiona Bennett: www.fionabennett.de 

Gestalter/-in für visuelles Marketing
Infos über die Ausbildung bei der IHK Berlin, www.ihk-berlin.de ArtWindow, www.artwindow.de
Broke + Schön, http://brokeundschoen.de/

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