Liebesdrama

„Am Strand“ im Kino

Das Scheitern einer Beziehung – die kongeniale Verfilmung des Bestsellers von Ian McEwan

Prokino

Man schreibt das Jahr 1962, aber die „Swinging Sixties“ liegen noch in weiter Ferne für Edward und Florence, deren Beziehung tragischerweise in der Hochzeitsnacht endet. Gerade weil die „Zeitenwende“ mit ihrer „plötzlichen sorglosen Sinnlichkeit“ (wie es in Ian ­McEwans Romanvorlage von 2007 heißt) schon am ­Horizont erkennbar ist, ist das Versagen der beiden, zu einem Moment wirklicher Intimität zu finden, so beklemmend. Die ­Ursache für Florences Abscheu vor Intimität lässt der Film ebenso in der Schwebe wie der gleichnamige Roman, den McEwan selbst für die Leinwand adaptiert hat.

In unterschiedlichen Momenten vertrauen beide Medien auf die Vorstellungskraft des Rezipienten, in anderen werden sie ­explizit. Wenn Florence nach dem Zerwürfnis die Hotelsuite verlässt, erklingt hier der Bluesklassiker „The Thrill Is Gone“ – eine überflüssige Verdoppelung. Andererseits ist die Schilderung der Vorgänge im Hotelzimmer in ihrer detaillierten Beschreibung im Buch schmerzhaft, im Film dagegen ein Stück weit der Fantasie des Kinogängers überlassen.

Buch und Film blenden von der Gegenwart – dem Dinner für Zwei im Hotel in Dorset, dem fatalen Verlauf des Geschehens danach und schließlich der verbalen Aus­einandersetzung am Titelschauplatz – immer wieder zurück in die Vergangenheit der ­beiden, ihr Kennenlernen an der ­Universität Oxford mit der Liebe auf den ersten Blick, die langen Spaziergänge, bei denen sie von ihren jeweiligen Zukunftsplänen sprechen: Edward sieht sich als Autor von Büchern über vergessene historische Figuren, Florence als Mitglied und Leiterin eines Streichquartetts. Sie lernen die jeweils anderen Familien kennen, bei denen in beiden Fällen die Mütter hervorstechen.

Die Wärme und Zuneigung in Edwards ­Familie kontrastiert mit der emotionalen Kälte in der von Florence. Doch sind diese Unterschiede ausschlaggebend für das Scheitern der Beziehung, ist es die individuelle Disposition, oder sind es vielmehr die Zeitumstände einer Nachkriegsgesellschaft, die nur zögernd das Neue akzeptiert? Es sind eher die Fragen als die Antworten, an denen Ian McEwan interessiert ist, das macht die Qualität des Werkes aus.

Der Film fügt dem nüchternen Schluss des Buches zwei emotionale Nachsätze hinzu, 1975 und 2007 angesiedelt. Sie unterstreichen die Frage nach dem Versagen in der Vergangenheit und seinen Auswirkungen auf die eigene Zukunft, nicht unähnlich, aber um ­einiges schmerzhafter als gerade erst in „Vom Ende einer Geschichte“ (siehe Kritik rechte Seite). Hätte alles ganz ­anders werden können? Vielleicht. Denn hätte Edward auf Florences erstaunlichen Vorschlag am Strand anders reagiert, hätte er ihn erkannt als verzweifelten Versuch, ihre Beziehung zu retten.

„Am Strand“ ist das Kino-Regiedebüt des Theaterregisseurs Dominic Cooke, der die Weite des Cinemascopebildes für einige eindrucksvolle Bildkompositionen zu nutzen weiß, gerade in den Szenen am Strand, die zwischen Nahaufnahmen und Totalen wechseln und am Ende Florence und Edward, das zerstrittene Paar, an den gegensätzlichen Rändern des Bildes zeigen – ein Abschied für immer, ein Bild von großer Traurigkeit.

Neben Saoirse Ronan, die als 13-­Jährige für ihren erst zweiten Leinwandauftritt (in der McEwan-Verfilmung „Abbitte“) eine Oscar-Nominierung bekam, weiß sich ­Billy Howle („Dunkirk“, „Vom Ende einer Geschichte“) als Edward zu behaupten. ­Berührend.

Am Strand GB/USA 2017, 110 Min., R: Dominic Cooke, D: Saoirse Ronan, Billy Howle, Emily Watson, Start: 14.6.

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