Comic-Biografie

Andy Warhol Superstar

Fünf Jahre arbeitete der niederländische Comickünstler Typex an seinem Opus Magnum, einer Biografie der Pop-Art-Ikone Andy Warhol

(c) Typex/ Casterman 2018

Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis, 562 Seiten in Farbe, Nettogewicht 1,85 Kilogramm, Hardcover, Silberrand. Die monumentale, farbenfrohe, traurige, lustige, kenntnisreiche, kurz gesagt vollauf gelungene Comicbiografie des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol, ist ein Werk der Superlative. Der 1928 in Pittsburgh geborene Einwandererjunge war ein Meister der Vermengung von Kunst und Kommerz, und so ist auch der ihm gewidmete Comic Produkt und Kunstwerk zugleich.

In zehn Kapitel hat der Niederländer ­Typex die Lebensabschnitte Warhols unterteilt. Die Kindheit des Außenseiters, der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst, die Jahre, in denen er sich als Werbezeichner durchschlägt, erste Versuche als bildender Künstler, die legendäre Factory-Ära in New York, die Zeit mit Velvet Underground, Ausschweifungen im internationalen Jet-Set, die Arbeit am „Interview“-Magazin, das Attentat auf sein Leben, Ruhm, Reichtum und Welterfolg bis hin zum von Krankheit und Einsamkeit ­gezeichneten Niedergang.

Typex, der zuvor im Auftrag des Rijksmuseum einen Comic über Rembrandt ­gezeichnet hat, konnte für „Andy – A Factual Fairytale“ auf eine nahezu unerschöpfliche Menge an Material zurückgreifen. Kaum ein anderer Künstler hat ein derart umfangreiches Werk hinterlassen. Fotos, Werbebilder, Plattencover, Filme, Drucke, Bücher, Gemälde, Magazine, Mode und Performances.

Allein Warhols 1989 (zwei Jahre nach seinem Tod) veröffentlichten Tagebücher umfassen mehr als 800 Seiten. Der Herausforderung, diesem bestens dokumentierten Künstler, zu dem selbst an Kunst völlig desinteressierte Menschen irgendein Verhältnis pflegen, zu entsprechen, stellte sich Typex mit erzählerischer Genauigkeit und einer bis in alltägliche Anekdoten reichenden Tiefe der Erzählung, die weit über eine Biografie hinausgeht. Es ist die Geschichte Amerikas, des Kunstmarktes und der Idee, die im 20. Jahrhundert von der Kunst selbst entstand.

Ruhm, Geld, Starkult, kurzfristige Aufmerksamkeit (die berühmten „15 minutes of fame“) synthetisierte Warhol zu einem Gesamtwerk. Er filmte das Empire State Building und seine Küche, vervielfältigte ikonische Bilder der Massenkultur von Suppendosen bis zu Hollywood-Stars und formulierte ­daraus einen poppigen, artifiziellen Kosmos, der heute zu unserem Alltag geworden ist.

Warhol im Comic zu begegnen, macht doppelt Sinn, denn der Comic ist eine der ursprünglichen Formen der US-Popkultur, und der kleine schmächtige Andy war schon als Kind von Donald Duck, Dick Tracy und Popeye begeistert. Dafür nutzt der 56-jährige Amsterdamer Typex eine atemberaubende Bandbreite an zeichnerischen Stilen. Von feinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen über knallige Farborgien bis zu siebdruckartigen Elementen, stili­sierten Einzelbildern und Coverentwürfen. Dabei bleibt das Buch stets lesbar und spannend. Einiges weiß man, manches verstört, anders lernt man neu kennen. Und vor allem freut man sich über den endlosen Reigen berühmter Persönlichkeiten, von Shirley Temple und Marilyn Monroe über Bob Dylan und Jimi Hendrix bis zu Richard Nixon und Truman Capote, die sich neben Verwandten, Freaks und Künstlern durch Warhols Leben schlängeln.
Ein Meisterwerk, das Warhol gefallen könnte. Er hätte sich vielleicht 500 Exemplare des Buches gekauft und diese, ungelesen und unausgepackt, zu einem Würfel gestapelt. 

Andy – A Factual Fairytale: Leben und Werk von Andy Warhol von Typex, Carlsen, 568 S., 48 €