Vorzeige-Moschee

Ankaras Listen

Die Neuköllner Sehitlik-­Moschee bemühte sich jahrelang um Dialog und Austausch. Bis im Dezember überraschend der Moscheevorsitzende abgesetzt wurde – auf Druck aus der Türkei, wie es heißt. Was ist da los?

Foto: onnola / flickr.com / CC BY-SA 2.0
Foto: onnola / flickr.com / CC BY-SA 2.0

Wer verstehen will, wie Ender Cetin tickt, sollte sich seinen Auftritt bei Sandra Maischberger am 10. März 2015 anschauen. Wie es um die Toleranz im Islam bestellt sei, will die Moderatorin von ihm wissen. Und Cetin – gestriegeltes Haar, weißes Hemd, schwarzer V-Ausschnitt-Pullover – entgegnet ruhig und überlegt, dass Gott alle Menschen zu einer Gemeinschaft gemacht hätte, wenn er gewollt hätte. Er wollte aber nicht – für Cetin die Erklärung für die „Vielfalt in der Gesellschaft“.

Cetin, 1976 als Sohn türkischer Einwanderer in Berlin geboren, aufgewachsen in Neukölln, war seit 2011 Vorsitzender der Neuköllner Şehitlik-Moschee. Dort diskutierte er mit Juden, Christen und Atheisten, mit Schwulen und Lesben, empfing hochrangige Politiker. Er habe das Haus wie kein Zweiter für den interreligiösen und interkulturellen Dialog geöffnet, sagen Gemeindemitglieder, und dass er beliebt gewesen sei. Dennoch wurden er und mindestens fünf weitere Mitglieder des recht jungen Moscheevorstands am 11. Dezember 2016 abgewählt – auf Druck der türkischen Regierung, wie es in vielen Zeitungen heißt. Ist er das, der derzeit diskutierte, lange Arm Ankaras?
Die Şehitlik-Moschee gehört zu Ditib, der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“, dem mit 900 Moscheen größten islamischen Dachverband Deutschlands, der seit kurzem heftig kritisiert wird. Ditib-Imame, so der Vorwurf, hätten Anhänger des Predigers Fethullah ­Gülen ausspioniert und die Informationen nach Ankara weitergegeben. Erdogan macht die Bewegung um Gülen für den Putschversuch vom Sommer 2016 verantwortlich.
Die Imame waren einer Anweisung aus der Türkei gefolgt, in der türkische Generalkonsulate im Ausland aufgefordert wurden, Informationen über verdächtige Personen in Kultureinrichtungen, Nichtregierungsorganisationen und sonstigen Vereinen zu sammeln. Auch Schulen waren betroffen. 50 vom türkischen Generalkonsulat eingesetzte Türkisch-Lehrer unterrichten derzeit an 150 Berliner Schulen. Auch sie sollten ausgekundschaftet werden.
Volker Beck, religionspolitischer Sprecher der Grünen, stellte daraufhin Strafanzeige wegen des Verdachts der Spionage. Das Bundesinnenministerium spricht inzwischen vom wachsenden politischen Einfluss des türkischen Staates auf Ditib und mahnt den Dachverband zu einer kritischen Prüfung der Vorfälle. Wie also steht es um die Verbindung zwischen Ankara und den Verbands-Moscheen in Deutschland?

Man kann sich das Ganze wie eine ­Pyramide vorstellen. Mit dem Diyanet, dem ­türkischen Religionspräsidium, das direkt dem türkischen Ministerpräsidenten untersteht, an der Spitze. Von dort werden Imame nach Deutschland geschickt, von dort werden sie auch finanziert. Und mehr noch: Der Vorsitzende des Diyanet ist laut Ditib-Satzung zugleich Vorsitzender des Ditib-Beirats – und entscheidet damit, wer in den Vorstand gewählt werden darf.

Damit übt das türkische Religionspräsidium direkten Einfluss auf Personalentscheidungen in Deutschland aus.
Das erklärt auch, was bei der turnus­mäßigen Vorstandswahl am 11. Dezember in der Şehitlik-Moschee geschah: Nach Angaben der „Berliner Zeitung“ hatte der türkische Religionsattaché in Berlin, Ahmet Fuat Candir, eine geschlossene Liste mit 13 Kandidaten zur Abstimmung präsentiert – Cetins Name war nicht dabei. Ankara entschied also, wer gewählt werden durfte und wer nicht. Ein Mitglied der Gemeinde bestätigt die Angaben der Zeitung. Nachfragen des tip bei Ditib Berlin und beim türkischen Generalkonsulat blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Was in diesem Zusammenhang jedoch selten thematisiert wird: Die Abhängigkeit des Ditib vom Diyanet sei auch intern durchaus umstritten, berichtet das Gemeindemitglied weiter. Und das sowohl bei Ditib als auch – weitaus überraschender – bei Diyanet selbst. In beiden Institutionen mehrten sich Stimmen, die mehr Autonomie forderten. Von jungen, auf Unabhängigkeit bedachten Mitgliedern ist die Rede, aber auch von hierarchischen Rangeleien und der Profilierungssucht einiger älterer Mitglieder. In einem Ditib-Landesverband sei die Satzung sogar geändert, der Einfluss des Attachés beschnitten worden.

Und auch hinter den Kulissen der Şehitlik-Moschee hat es vorher schon geknirscht: 2014 etwa sollte in der Moschee eine Diskussion zwischen Gemeindevorstand und mehreren Schwulen- und Lesbengruppen stattfinden. Dann musste das Treffen kurzfristig an ­einen anderen Ort verlegt werden – es hatte Unstimmigkeiten gegeben. Der ehemalige Vorsitzende Cetin begründete die Absage seinerzeit mit Vorbehalten einiger Gemeindemitglieder. Andere Stimmen sagen, es habe Kritik seitens des Diyanet gegeben. Erst ein Jahr später kam es zum Treffen in der Moschee.
Letztlich sind dies auch die Fragen, die jetzt nach dem Führungswechsel im Raum stehen: Wie geht es mit den interkulturellen Projekten weiter? Wie wirkt sich das belastete Vertrauensverhältnis zwischen Gemeinde und neuer Führung auf die Arbeit aus? Und welche Auswirkungen hat der Wechsel auf die Zusammenarbeit mit dem Senat?
Der neue Vorsitzende des Moscheevereins, Süleyman Küçük, zugleich Vize-­Vorsitzende von Ditib Berlin, weist etwaige Befürchtungen in einer Stellungnahme auf der Moschee-Webseite zurück. Man sei weiterhin daran interessiert, bestehende Kooperationen mit „Behörden, Institutionen, Kirchen, zivilgesellschaftlichen Akteuren und der Öffentlichkeit“ fortzuführen, heißt es in dem Statement. Welche Projekte das genau betrifft und wie die Zusammenarbeit in Zukunft aussehen soll, erläutert Küçük dabei nicht. Er hält sich momentan im Ausland auf – und beantwortet Anfragen weder telefonisch noch per E-Mail.

ŞehiTlik-Moschee
Das gotteshaus ist Berlins größte Moschee. Sie bietet Platz für 1.500 Gläubige. Erbaut wurde sie zwischen 1999 und 2005 im klassischen osmanischen Stil – mit Kuppel und zwei Minaretten.

Die Moschee steht auf dem Grundstück des 1866 errichteten Türkischen Friedhofs Berlin am Columbiadamm, dem ältesten islamischen Friedhof Deutschlands.

Zahlreiche Prominente aus der Politik waren schon zu Gast, darunter der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Bundespräsident Joachim Gauck. Im Juni 2016 war auch der amtierende Bundestagspräsident Norbert Lammert eingeladen – wurde dann aber wieder ausgeladen. Nach Angaben von Ditib hatte es Drohungen aufgrund der Armenien-Resolution gegeben.

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