Literarisches Begegnungsprojekt

Annika Reich und Lina Muzur im Gespräch über das Projekt „Weiter Schreiben“

„Uns wird so viel klar“ Bei Weiter schreiben treffen hiesige Schriftsteller*innen auf Tandempartner aus Krisengebieten. Jetzt geben Annika Reich und Lina Muzur dazu ein Buch ­heraus. Ein Gespräch über langes Skypen, Notjobs und Dichter in Düren

Lina Muzur (l.) und Annika Reich bei der Buchpremiere kürzlich in Berlin. Foto: Piero Chiussi

Annika Reich lebt als Schriftstellerin in Berlin, schreibt Romane und Kinderbücher und ist künstlerische Leiterin bei „Weiter Schreiben“. Lina Muzur ist stellvertretende Verlagsleiterin bei Hansa Berlin. Beide schreiben Kolumnen für „10nach8“ bei Zeitonline. Weiter schreiben ist ein mehrsprachiges Literatur- und Kunst-Projekt der Initiative „Wir machen das“. Es wurde gerade mit dem erstmalig vergebenen „The Power of The Arts“-Preis ausgezeichnet.

tip Was war Ihre unwahrscheinlichste Tandem-Kombination, die dann funktioniert hat?
ANNIKA REICH Die literarische Archivarin der DDR Annett Gröschner und die syrisch-kurdische Lyrikerin Widad Nabi zum Beispiel: Da wussten wir anfangs nicht, was sie verbinden könnte. Doch dann zeigte Annett Widad in Berlin die Spuren der DDR, und Widad zeigte Annett, an welchen Stellen Berlin sie an das zerstörte Aleppo erinnert. Und nun sind sie gemeinsam auf Spurensuche.

tip Saša Stanišić schreibt über Salma Salem aus Damaskus, ihr Lachen würde eine dritte Person einbringen. Eine, die nicht dauernd über diesen, Zitat: „PERMANENTEN KACK­IDENTITÄTSSTRESS MIT DEM ZUFALL DER HERKUNFT“ redet.
AR In einigen Tandems kommen geflüchteten Autor*innen mit Autor*innen zusammen, die früher selbst hierher migriert sind. Natürlich gibt es da noch mal eine andere Tiefe in der Auseinandersetzung mit diesen Themen.
LINA MUZUR Ganze viele von den deutschsprachigen Tandempartnern haben ähnliche Erfahrungen gemacht oder kommen selbst aus Krisengebieten: Sasa Stanisic, Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili.

tip Die geflüchteten Autor*innen kommen aus Syrien, Irak, Afghanistan oder Jemen. Samuel Mago aber zum Beispiel lebt in Wien und stammt aus einer Roma-Familie in Budapest.
AR Krisengebiete sind nicht immer nur woanders, für Roma und Sinti sind sie etwa manchmal mitten in Europa.

tip Man staunt, wie viele Preise die Autoren teilweise bereits gewonnen haben.
AR Der jemenitische Autor Galal Alahmadi zum Beispiel hat zwei der größten arabisch-sprachigen Literaturpreise gewonnen. Und ein solcher hochangesehener Dichter bekommt dann in Düren im Jobcenter zu hören: „Jaja, Sie sind Dichter… Machen Sie mal lieber eine Krankenpfleger-Ausbildung.“

tip Was hat ihn denn nach Düren verschlagen?
AR Viele der Dichter*innen kamen mit dem Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung ins Land. Deswegen leben vier in Düren in der Nähe des Böll-Hauses. Sie sind dort die Sensation. Der Bürgermeister bekniet sie zu bleiben, um das kulturelle Leben Dürens weiter zu bereichern.

tip Können Literaten den Irrsinn dieser Zeit besser erfassen? Oder haben sie nur bessere Worte für die Ratlosigkeit?
AR Mariam Meetra aus Afghanistan schreibt: „Ich bin mein eigener Ausweis/aus Träumen und Ängsten, mit denen ich Flüsse, Berge und Flughäfen passierte“. Drei Zeilen, die einen ganzen Leitartikel ersetzen – oder mehr.

tip Was haben Sie beide selbst bei dem Projekt gelernt?
LM Ich komme ja selbst aus einem so genannten Krisengebiet.

tip Sie wurden in Sarajewo geboren.
LM Bei der Buchpremiere war ich wirklich überwältigt, als ich all diese Autorinnen und Autoren versammelt sah. Was diese Menschen alles erlebt haben. Und das ist eben das Tolle an Literatur, dass das alles plötzlich greifbar wird, man ein anderes Verständnis dafür entwickelt, was es bedeutet, wenn in der eigenen Heimat Krieg ausbricht.
AR Als Schriftstellerin weiß ich, dass das Schrei­ben in Krisensituationen eine existenzielle Notwendigkeit ist. Deswegen ist „Weiter Schreiben“ wichtig: damit die Autor*innen sich weiter in dieser Identität erfahren können. Und auch gelesen werden.

tip Wie werden die Autoren in ihren Communities wahrgenommen?
AR Die Texte werden in der arabischsprachigen Community wesentlich öfter geteilt als in der deutschen.

tip Finden die Autoren mit „Weiter schreiben“ besser Zugang zu deutschen Verlagen?
LM Einer der Gründe für das Projekt war, dass sie eine Ahnung bekommen vom deutschen Literaturbetrieb, der ganz anders ist als der Literaturbetrieb, den sie kennen. Zum Beispiel lassen es ganz viele nicht zu, dass ihre Texte lektoriert werden, weil das für sie Zensur bedeutet. Wir hatten einen Workshop, wo ich über meine Lektorenarbeit sprach und ihre Unruhe spürte: „Bleib mir vom Leib, geh bloß nicht an meinen Text ran!“
AR Oder sie sagten: „Woher wissen wir, ob die Lektorin eine politische Agenda hat, wie sie unsere Texte redigiert?“
LM Wir können die Originaltexte nicht lesen, müssen uns auf die Übersetzer verlassen. Und es ist überwiegend Lyrik, weil die Lyrik in diesen Ländern einen viel höheren Stellenwert hat als bei uns.
AR Über die Nichtübersetzbarkeiten wird uns so viel klar über das jeweils andere Dichten und Denken. Die syrische Lyrikern Lina Atfah hat einen Physiker als Mann, der ein unglaubliches linguistisches Talent ist. Der übersetzt Linas Texte roh, dann skypen wir fünf Stunden lang zu dritt und gehen die Gedichte Wort für Wort durch. Danach kennen wir uns besser.

tip Klingt alles ziemlich aufwändig.
AR Allein die Rechnungen! Einige Autor*-innen brauchen erst mal eine Steuernummer, auch da helfen wir. Oder ein syrischer Dichter, der zudem einer der bekannteste arabische Opern-Librettisten ist. Der arbeitet nebenher als Koch. Als seine Stelle gestrichen wurde, rief er mich an: „Ich brauche jetzt sofort einen neuen!“ Wir sind für vieles die Anlaufstelle.

tip Hatten Sie eine Ahnung von dem Aufwand, als Sie im Mai 2017 gestartet sind?
AR Zum Glück nicht! Ich dachte ja, ich mache ein Jahr Pause vom Schreiben und baue diese Sache auf.

tip Sie könnten das Projekt noch lange weiterführen. Einige Förderer, wie der Hauptstadtkulturfonds, unterstützen Sie dabei.
AR Die Krisengebiete werden ja nicht weniger. Einmal die Woche wendet sich eine neue Autorin über Facebook an mich. Wir haben viele Regionen noch gar nicht in den Blick genommen. Ich glaube nicht, dass dieses Projekt in den nächsten zehn Jahren zu Ende geht.

Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt von Annika Reich und Lina Muzur (Hg.), Ullstein, 272 S.

Mehr Informationen auf www.weiterschreiben.jetzt

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