Berlin verstehen

Anstehen in Berlin: 12 legendäre Warteschlangen, die wir nie vergessen werden

Jetzt stellt euch doch mal so an! Wir müssen in Corona-Zeiten wieder Schlange stehen in Berlin. Vor Super- und Baumärkten, vor kleinen Geschäften und Ausstellungen. Anstehen in Berlin ist so etwas wie ein Lebensgefühl. Was haben wir in unserem Leben uns schon eingereiht in eine Kette von Gleichgesinnten! Ob in jüngeren Jahren vor dem Berghain, bei Wohnungsbesichtigungen, auf dem Bürgeramt. Oder einst, als das MOMA nach Berlin kam oder die D-Mark in den Osten der Stadt. Hier sind 12 Warteschlangen vor Corona, die wir nie vergessen werden. Wer nicht dabei war, hatte damals einfach zu wenig Zeit. Und wo habt ihr überall in der Schlange gestanden?


Die It-Schlange: Das MOMA in der Neuen Nationalgalerie

Schlange vor der Neuen Nationalgalerie 2004: "Das MOMA in Berlin"
Schlange stehen in Berlin: Als das MOMA in die Nationalgalerie kam. Foto: imago/Schöning

Die Mutter aller Schlangen im Nachwende-Berlin. Eine schier endlose Menschenkette, die sich im Jahr 2004 stellenweise mehrfach um Ludwig Mies van der Rohes Flachbauwunder herumwand. Würstenverkäufer standen Spalier. Gaukler verkürzten die Wartezeit. Und 1,50-Meter-Mindestabstand interessierte keine Sau.

Als das New Yorker Museum of Modern Art wegen Sanierung monatelang geschlossen werden musste, zeigte es für acht Monate mehr als 200 seiner berühmtesten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in der Neuen Nationalgalerie: von Cézanne, van Gogh, Picasso, Matisse, Dali, Kandinsky, Beckmann, Hopper, Pollock. 1,2 Millionen Besucher reihten sich vom 20. Februar bis 19. September ein. Und Schlange-stehen für „Das MOMA in Berlin“ wurde zum It-Happening des Jahres. Schön war die Wartezeit!


Schöner Schein: Die D-Mark macht rüber

Deutsch-deutsche Währungsunion: Sparkasse Rosenthaler Straße am 1. Juli 1990
Der schöne Schein: Sparkasse Rosenthaler Straße am 1. Juli 1990. Foto: imago/Rolf Zöllner

In der Nacht davor versaufen viele DDR-Bürger noch schnell die letzten Alu-Chips. Dann pilgern sie im Morgengrauen heiter verkatert zu den Banken und Sparkassen. Endlich ist das neue Westgeld da. Am 1. Juli 1990 kommt die D-Mark in den Osten der Stadt und des Landes. Wie es der dicke Kanzler aus Oggersheim versprochen hat. Das Hartgeld macht rüber.

Es ist der (von vielen ersehnte, von manchen gefürchtete) Tag der deutsch-deutschen Währungsunion. Und weil man auch in Ost-Berlin das Anstehen im kollektiven postsozialistischen Blut hat, vergehen die Stunden bis zum Empfang der harten Währung einigermaßen schnell. Man kannte das Warten ja von der unverhofften Südfrüchte-Lieferung in der Kaufhalle. Auch wenn es hinterher dann doch nur kubanische Industrie-Orangen waren.

Der Umtauschkurs (je nach Alter zwischen 2.000 und 6.000 Mark 1:1, darüber 1 (D-Mark): 2 (Ost-Mark)) ist eher politisch als ökonomisch gerechtfertigt. Das dicke Ende lässt nicht lange auf sich warten. Kohls blühende Landschaften dagegen schon.

Aber das ist eine andere Gedulds-Geschichte.


Bibbern vor dem Echsenmann: Die Berghain-Schlange

Warteschlange vor dem Berghain
Die berühmteste Schlange des Berliner Nachtlebens vor Corona. Foto: imago/imagebroker

Die vielleicht am meisten beschriebene/besungene/bewunderte/bebibberte Schlange der Berliner Neuzeit. Mit den auf Zeitungspapier exzessiv herausgekübelten Medientipps, wie man angeblich an Sven Marquardt vorbeikommt, lassen sich die Kathedralen-Wände des Techno-Tempels vermutlich fingerdick tapezieren.

Sogar App-Entwickler haben sich daran versucht, dem Mysterium Herr zu werden. Doch sie sind gescheitert wie eine stinkbesoffene Jungsgruppe um Mitternacht an der Clubtür. Jetzt, wo das Berghain dicht ist, bleibt allenfalls der Baumarkt als Ersatz. Ja, so traurig ist diese Corona-Zeit. Und vor allen Clubtüren der Stadt: nur die reine Leere.

Vor einigen Jahren hat der leider bereits verstorbene Journalist Marc Fischer im „Dummy“-Magazin den ewig gültigen finalen Doppel-Satz jeglicher Reportagen über die Berghain-Schlange und ihren ikonografischen Türsteher geschrieben: „Der Echsenmann schaut sie schweigend an. Dann nickt er, wie nur der Echsenmann es kann.“


Lustiges Lungern auf dem roten Teppich: Am Berlinale-Ticketschalter

Berlinale-Ticketschlange in den Postdamer Platz Arcaden
Berlinale-Ticket-Schlange in den Potsdamer Platz Arcaden. Foto: images /Bernd Friedel

Ist dieses Foto wirklich nicht einmal ein Vierteljahr alt? Jetzt fühlt es sich an wie aus einer fern zurückliegenden, verlorenen Zeit. Im Februar schaffte es die Berlinale mit neuer Festivalleitung gerade noch ins Ziel, bevor das neuartige Corona-Virus erst die großen, dann die kleinen und schließlich alle Veranstaltungen in die Quarantäne schickte. So bleibt vorerst nur die Erinnung an die Schlangen vor dem Ticketcounter am Potsdamer Platz, wo die Wartezeit schon mal locker die Spieldauer des queer-feministischen Thesenfilms aus Tansania überstieg. Aber natürlich war sie es wert. Immer.


Die Knut-Show: Der Eisbär und die Schlangen

Der kleine Eisbäre Knut und Besuchermassen im Zoo Berlin, 2007
Berlins liebstes Knuddeltier: Eisbär Knut, 2007. Foto: imago/Sven Lambert

Unser aller Knuddelbär: Knut war im Dezember 2006 der erste Eisbär seit 30 Jahren, der im Berliner Zoo das schummrige Licht der City West erblickte. Eine kurze, wilde, heftige Liebe. Und ein trauriges, tragisches Ende.

Die Berliner standen stundenlang Schlange für den handaufgezogenen Flauschtraum, außer Leonardo di Caprio und Sigmar Gabriel, die durften außer der Reihe zum Fotoshoting mit ihm, aber nicht gleichzeitig. Der eine für ein Zeitschriften-Cover, der andere für eine Patenschaft. Und eine vornehmlich weibliche Fangruppe namens „Knut forever in Berlin“ schaute täglich nach dem kleinen Racker.

Die Live-Shows mit seinem Tierpfleger Thomas Dörflein zogen insgsamt eine Million Menschen an. Im Juli 2007 wurden sie eingestellt. Knut sah mittlerweile einem bratzigen Raubtier dann doch ähnlicher als einer Kuscheldecke de luxe. Und dann das traurige Ende: Dörflein starb 2008 am kaputten Herzen, Knut 2011 am kaputten Hirn. Beide viel zu jung.


Sneaker-Preview: Der Sportschuh mit BVG-Jahresticket

Zu viele Füße für 500 Paar Schuhe: Großes Interesse am BVG-Sneaker in Kreuzberg, 16.1.2018.
Zu viele Füße für 500 Paar Schuhe: Großes Interesse am BVG-Sneaker in Kreuzberg, 16.1.2018. Foto: imago/Bernd Friedel

Sieht aus wie eine stinknormale Berliner Wohnungsbesichtigung, war aber ein Marketing-Coup der BVG. Mit einem Sportschuhhersteller brachte Berlins Nahverkehrsunternehmen Anfang 2018 einen Sneaker mit integrierter Jahreskarte (Preis: 180 Euro) heraus. 500 Expemplare im Sitzmuster-Design wurden hergestellt und im Adidas-Schuhladen „Overkill“ feilgeboten. Die Nachfrage war ein bisschen größer. Die Warteschlange reichte hunderte Meter weit zurück. Einige Fashion-Victims kampierten bereits drei Tage vor Verkaufsstart vor dem Kreuzberger Geschäft. Kein Wunder: Das reguläre Jahresticket der BVG kostete seinerzeit ab 728 Euro.


Dem deutschen Wartevolke: Anstehen am Reichstag

Zugangskontrolle am Reichstag 2011
Zugangskontrolle am Reichstag 2011. Foto: imago/Bernd Friedel

Wohin mit Mama und Papa, wenn sie zu Besuch sind, die besten Manufakturen schon kennen, für das Berghain zu alt sind und Baumärkte selber in Hülle und vor allem Fülle in der hessischen Kleinstadt haben? Klar, den Reichstag besichtigen, den Volksvertretern auf die Finger schauen. Oder zumindest auf die Tische, auf die sie ihre Finger legen, wenn sie sie nicht zur Abstimmung heben.

Seit Sir Norman Forster dem Reichstag seine rundschön geschwungene Glaskuppel aufs Dach setzte, ist das mächtige Gebäude ein noch größerer Touristenmagnet geworden. Weil aber die Kontrollen aufgrund von Antiterror-Vorsichtsmaßnahmen verschärft wurden, wurde die Schlange zeitweise noch ein bisschen länger. Zwischen 2002 und 2018 zählte der Besucherdienst fast 40 Millionen Besucher. Zeitweise galt der Reichstag als meistbesuchtestes Parlamentsgebäude der Welt.


Schlange, soweit der Veggie-Döner reicht: Mustafa’s Gemüse Kebab

Schlange bei Mustafa's Gemüse Kebab am Mehringdamm, April 2018
Schlange bei Mustafa am Mehringdamm, April 2018: Der Döner-Treff musste nach einem Brand im Oktober 2019 ersetzt werden. Foto: imag/ Joko

Früher hatte Mustafa’s Kult-Imbiss seinen Stand direkt neben dem U-Bahn-Eingang am Mehringdamm. Für seinen Gemüse Kebab standen die Kunden Schlange, als gebe es kein Morgen. Zumindest kein Morgen mit wichtigen Terminen. Mustafa’s Gemüse Kebab ist bei Berliner*innen wie Touristen*innen beliebt, nicht zuletzt dank diverser Reiseportale, die den Imbiss empfehlen und preisen. Dann gab es im Oktober 2019 ein Feuer, das Berlins berühmtesten Döner-Imbiss komplett zerstörte. Der daraufhin aufgestellte Ersatzstand liegt gegenüber, neben dem Finanzamt.

Und übrigens: Ja, schmeckt geil. Aber an 141 anderen Buden in Berlin auch. Die behalten wir aber lieber für uns.


Manndeckung für alle: Schlange-Stehen für das Hertha-Union-Derby

Saison 2012/2013, 2. Bundesliga, 1. FC Union Berlin, Vorverkauf von Union für das Heimspiel gegen Hertha BSC
Union-Vorverkauf für das Derby gegen Hertha im August 2012. Foto: imago/Matthias Koch .

Vielleicht wird ja jetzt wirklich noch das Bundesliga-Derby zwischen Hertha BSC und dem 1. FC Union stattfinden. Ab Mitte Mai soll auch in Berlin wieder Bundesliga-Fußball gespielt werden, falls Salomon Kalou nicht wieder irgendwelche Live-Videos aus der Hertha-Kabine facebookt.

Dann sowieso in einem leeren Olympiastadion. Das Foto oben stammt aus der Saison 2012/2013. Damals standen Union-Fans an der Alten Försterei einen halben Kilometer lang für Tickets an: für das damalige Stadtderby gegen Hertha. Strikte, nun ja, Manndeckung vom Biergarten an der Stadionrückseite bis in die Hämmerlingstraße.

Und das war damals sogar nur die Zweite Bundesliga.


Flughafen Tegel: Kurze Wege, lange Schlangen

Flughafen Tegel, lange Schlange am Check-in, Osterrückreise 2019
Ist auch erst ein Jahr her: Osterferien-Rückreise-Stau am Flughafen Berlin Tegel am 26. April 2019. Foto: imago /A. Friedrichs

Tegel: Der Flughafen der kurzen Wege und langen Warteschlangen. Man müsste mal wissenschaftlich untersuchen, ob die Techno-Touristen länger beim Heimreise-Check-in in Berlins putzigen Durchhalte-Airport anstanden oder an einer Clubtour, das wäre aber vielleicht nichts für Christian Drosten. Was haben wir geflucht in diesen Warteschlangen, und gebangt, dass wir es noch rechtzeitig durch den Check-in schafften, dass wir nicht zwischendurch auf die Toiletten mussten, die sich zeitweise mit den Berliner Schulklos einen Wettstreit um die bedenklichsten Aborte der Stadt lieferten.

Jetzt ist TXL verwaist, macht Millionen-Verluste, kaum einer fliegt noch, Fluggesellschaften müssen womöglich verstaatlicht werden. Vielleicht macht der gute alte Airport im Norden der Stadt, der 1948 während der Luftbrücke in sensationellen 90 Tagen aus dem Boden gestampft wurde und nie einen Bahn-Anschluss brauchte, tatsächlich sang- und klanglos für immer zu. Am 31. Oktober soll ja der BER eröffnen (für die Jüngeren unter euch: Früher war das mal ein ziemlich berühmter Berlin-Witz).

Was würden wir dafür geben, noch einmal in Tegel Schlange stehen zu dürfen? Nur ein einziges Mal.


Schlange mit Musik: Beim Lollapalooza-Festival

Lollapalooza Berlin, 8.9.2019, Olympiastadion. Lange Schlangen an der Cashless Aufladestadtion
Irgendein Ansteh-Grund fand sich immer beim Lollapalooza-Festival. Hier die Cashless-Aufladestadtion im September 2019 am Olympiastadion. Foto: imago/Stefan Zeitz

Jetzt, wo wir uns alle nach Live-Konzerten sehnen, die nicht stattfinden können, nach im gemeinsamen Beat bangenden Heads, nach dem Schweiß der Masse und dem heißen Atem des Nächsten und Übernächsten, vergisst man ja gern, was gerade bei Großereignissen eine unvermeidliche Begleitscheinung war: Anstehen. Anstehen am Ticket Counter, Anstehen am Dixi-Klo, Anstehen am Merch-Stand, Anstehen für die Festival-Bratwurst. Das alles kann uns kein Stream ersetzen. So toll die Künstler*innen das alles auch machen.

Das Lollapalooza-Festival bot dabei prototypische Erfahrungen im Zehnerpack an. 2015 war auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof an den Dixi-Klos schon mal stundenlanges Warten auf die Erleichterung angesagt. 2017 kollabierten Besucher am S-Bahnhof Hoppegarten in der Warteschlange, weil der Bahnverkehr die Massen zumindest am ersten Festivaltag nicht bewältigen konnte.

Und auch im vergangenen Jahr bewiesen die Schlangen vor dem Cashless-Schaltern, dass mit dem bargeldlosen Bezahlen auf dem Olympiagelände lange Schlangen keineswegs, wie angekündigt, passé waren.

Die historisch wichtigste Warteschlange Berlins: Bornholmer Straße, 9. November 1989

Maueröffnung auf der Bornholmer Stra0e, 9. November 1989
Irgendwann hat alles Warten ein Ende: Die Mauer öffnet sich auf der Bösebrücke, Bornholmer Straße. Foto: imago/Camera4

Jeder weiß, wo er war an diesem 9. November 1989. Diesem irren Berliner Abend. Manche waren schon im Bett. Und andere standen auf der Bornholmer Straße. Und warteten auf das Wunder.

Was bisher geschah: Günter Schabowski stolperte sich am 9. November 1989 am frühen Abend durch die in der so genannten Wende typische Pressekonferenz. Sein Stichpunktzettel sah noch rätselhafter aus als der von Jens Lehmann beim WM-Achtelfinal-Elfmeterschießen 2006 gegen Argentinen. Beim Reisegesetz stellte ein Journalist eine Nachfrage. Schabowski trug sich mit einem Holpersatz in die Geschichtebücher ein, die die Schüler fortan in Klassenräumen oder jetzt im Heim-Lernmodus bimsen dürfen: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Und dann geht die Post ab. Das Ost-Paket für West-Berlin.

Um 20 Uhr verkündet die „Tagesschau“ (nur so halb-korrekt): „DDR öffnet Grenze.“ Viertel vor elf sagt Hajo Friedrichs in den „Tagesthemen“: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich leicht ab. Aber heute Abend darf man einen riskieren. Dieser 9. November ist ein historischer Tag.“

Ohne das Westfernsehen hätte es den Mauerfall an diesem Abend nicht gegeben. Nicht die diese Bilder. Nicht diese Warteschlange.

Und die Ost-Berliner*innen nehmen Schabowski und Friedrichs beim Wort, auf der Bornholmer Straße schwillt der Menschenstrom an. Um 23.30 Uhr lässt der Befehlshabende am Grenzübergang Bornholmer Straße den Schlagbaum öffnen.

Der Rest ist Geschichte.


Noch besser Berlin verstehen

Diese Orte und Ereignisse kennt ihr, wenn ihr in den 80er Jahren in West-Berlin gelebt habt. Und hier findet ihr 12 Erinnerungen aus den 90er Jahren in der wiedervereinten Stadt. Und falls ihr erst nach Berlin gezogen seid: Diese Stadt zu kapieren ist gar nicht so schwer. Oder nur ein bisschen.

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