Stadion-Rock

Arcade Fire in der Zitadelle Spandau

Darf man die noch mögen? Arcade Fire feiern Erfolge – und doch weiter die Durchschnittlichkeit

Foto: Guy Aroch

Als Arcade Fire vor 14 Jahren mit ihrem ersten Album der Durchbruch gelang, waren sie blutjung. Die Musiker spielten laute Gitarren, sangen im Chor und hauten kräftig auf mehrere Schlagzeuge. Heiliger Lärm. Bemerkenswert war, dass Sängerin und Sänger schon damals verheiratet waren: Régine Chassagne, eine Frau mit hoher Stimme, schwarzen Locken und Wurzeln auf Haiti, und Win Butler, ein blonder Hüne mit der Stimme eines Wanderpredigers, gaben sich bereits mit Anfang 20 das Ja-Wort. Wenn die zwei gemeinsam auf der Couch saßen, hatte man den Eindruck, dass sie sich gegenseitig beschützten vor der dunklen Welt da draußen.

Die besten Lieder ihres Durchbruchalbums „Funeral“ klangen dann auch wie eine ­Mischung aus Gebet und Fluchtplan, Angstzustand und Euphorie. Diese Musik fegte wie ein Tornado über die Hörer hinweg.

13 Jahre später kann man zu Arcade Fire ­richtig schön Discofox tanzen. Die Melodie des Titelsongs ihres immer noch aktuellen Albums „Everything Now“ aus dem vergangenen Jahr erinnert an ABBA, zu hören ist außerdem ein Panflötenteil, der nach billigem Keyboard-­Effekt klingt. Die Fans der ersten Stunde fragen sich nun: Meinen die das ernst? Darf man das noch mögen?

Der Band selbst sind solche Fragen schnuppe. Arcade Fire zählen heute zu den Gruppen mit einer besonderen Stellung. Sie sind unge- mein erfolgreich, verkaufen weltweit, spielen bei den Festivals als Headliner. Ganz so groß wie U2, Coldplay oder Depeche Mode sind sie zwar noch nicht, dafür fehlen die Radiohits. Aber der Gruppe gefällt diese Stellung, weil sie sich Eigenwilligkeiten und Schrulligkeiten erlauben darf, die sich andere kaum trauen würden. Eben Panflöten, eben ABBA.

Die Musik der Band hat sich in den vergangenen Jahren verändert, ihr Blick auf die Welt jedoch nicht. Weiterhin beobachten die ­Kanadier sehr genau das Leben der jungen Generation, die sich unter dem Druck des Konsums verstärkt aus der Gesellschaft ­zurückzieht und eine neue Form von Apathie entwickelt. Im Song „Creature Comfort“ ­bleiben den Protagonisten scheinbar nur zwei Optionen: Berühmt werden – oder sterben, möglichst ohne Schmerzen. Durchschnittlich zu sein, das gilt in dieser Kultur nicht als l­ebenswert. Dass eine angesagte Band wie Arcade Fire genau diese Durchschnittlichkeit feiert, das darf man ihr hoch anrechnen.

Zitadelle Spandau Am Juliusturm, Spandau, Mo 13.8., 19 Uhr, VVK 51,90 € zzgl. Gebühren

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