Country-Rock

„Arschlöcher!“ – Gespräch mit Ryan Adams

Zur Jahrtausendwende dachten viele, Ryan Adams wird der nächste Bob Dylan. Zwei Dutzend Alben später wissen wir: Es kam alles ganz anders – zum Glück

Foto: Rachael Wright

Lange hielt sich das Gerücht, Noel Gallagher würde das „Wonderwall“-Cover von Ryan Adams hassen. Adams hatte den Konsensradiohit zu einer gruftigen Akustikballade skelettiert, das Tempo unerhört gedrosselt; Adams’ einmalig brüchige Kopfstimme brachte die originalen Lyrics herzzerreißend, also blutig, auf ihren wunden Kern. Gallagher ließ nun verlauten, er liebe diese Version – bloß die Oasis-Fans würden sie eben nicht verstehen. Das noch größere Wunder: Dass Ryan Adams, 1974 geboren in North Carolina, so viel covert, bis hin zum kompletten Album von Taylor Swift. Dabei ist er der beste Songwriter seiner Generation. In den USA ist er inzwischen Mainstream, doch die Steel-Guitar legt seine Wurzeln im Country frei.

tip Herr Adams, Sie haben Taylor Swifts Album „1989“ Track für Track gecovert. Viele kennen Ihr Oasis-„Wonderwall“-Cover. Aber Sie haben noch ganz andere Songs neu interpretiert, wie „Always On My Mind“.
Ryan Adams Das ist ziemlich schwer, einen Song zu covern, den Elvis gesungen hat. Ganz zu schweigen davon, dass Willie Nelson ihn schrieb. Dolly Parton hat ihn mal gesungen.

tip Sogar die Pet Shop Boys.
Ryan Adams Total! Andererseits weiß man damit auch ziemlich gut, wo man als Künstler steht, wenn man sich ein solches Lied vornimmt. Man muss dazu schon ein bisschen ungezogen, übermutig sein. Als Musiker tut es aber gut zu wissen: Wie würde dieser Song klingen, wenn ich ihn singe? Der einzige Grund, warum ich nicht noch mehr fremde Musik hören kann, liegt darin, dass ich zufällig nebenbei auch selbst noch Musiker bin. Als ich anfing, Gitarre zu spielen, wusste ich nicht mal, wie man sie stimmt. Niemand im Dorf konnte mir das erklären. Der Typ, bei dem ich sie kaufte, war der Bruder einer meiner Skateboard-Kumpels. Ich hab The Smiths gehört und Sonic Youth. Ich wollte so sehr wissen, wie die das machen. Aber ich konnte sie damals nicht covern. Noch während der ersten Stunde mit meiner frisch erworbenen Gitarre schrieb ich also einen Song. Aber im Lauf der Jahre wurde es für mich spannend, Songs zu covern. Wenn ich Cover gespielt habe – und normalerweise lag das daran, dass sie mich sentimental stimmten – lag das nie daran, dass ich dachte, ich könnte den Song besser spielen als jemand anderes.

tip Ist Ihr Song „Hotel Chelsea Nights“ eigentlich ein „Purple Rain“-Cover? Die Strophen klingen schon sehr nach Prince.
Ryan Adams Auf keinen Fall ist das ein Cover! Was die Leute vergessen: In Amerika gibt es diese Tradition des Talking Blues. Leute wie Lightnin’ Hopkins und Big Bill Broonzy haben sie bekannt gemacht. Auch Sleepy John Estes. Irgendwann hat Bob Dylan das aufgegriffen auf seinem vierten Album „Another Side of Bob Dylan“ (1964). „Time Out of Mind“ (1997) re-interpretiert den Talking Blues auf seine ganz eigene Weise. Da spricht Dylan schnelles Mischmasch und packt ordentlich Slap-Delay drauf. Er nutzt dazu die dorische und die mixolydische Skala. Das ist die erste Art von Blues, die das Licht der Welt erblickte – in der Renaissance, auf Tasteninstrumenten! Als ich „Hotel Chelsea Nights“ schrieb, war das auf meiner 1964er Fender Stratocaster. Und jetzt halten Sie sich fest: Die gehörte mal Bob Dylan. Er ließ sie im Hotel zurück, weshalb sie zu Chelsea Guitars gelangte, die sie dann an mich vertickten. Ich hab mich erst gesträubt, darauf zu spielen, aber sie haben mich gedrängt.

tip Okay, verstanden, es ging Ihnen niemals um „Purple Rain“
Ryan Adams Ich hab das „Purple Rain“-Album lieben gelernt, als ich aufwuchs. Absolut! Aber es ging mir bei „Hotel Chelsea Nights“ niemals um „Purple Rain“. Nehmen Sie den Song „Touch, Feel & Lose“ von meinem „Gold“-Album. Dort verwende ich quasi die gleichen Skalen. Ich drehe das bloß um. Er steigt auf, wie ein Motown-Song. „I never wanted you to love me!“ (singt) Da steckt die gleiche Idee drin. Wer ist der Vater solches Drang-Gesangs im R’n’B? Ich gebe Ihnen einen Hinweis: Er hat oft Leoparden-Look getragen. Und er hatte voluminöses Haar. Er konnte sehr laut schreien. Ich sag’s Ihnen: Little Richard, der Vorfahre aller Rolling-Stones-Alben. Er war crazy und flamboyant. Ich meinte, wenn Sie sich Keith Richards bei den Stones anschauen – mich erinnert seine Flamboyanz nicht an Chuck Berry, sondern an Little Richard. Beide waren Fanatiker. Natürlich verstehe ich, dass Leute darauf kommen, „Hotel Chelsea Nights“ mit „Purple Rain“ zu vergleichen. Aber als ­Gitarrist und Songwriter finde ich, das wäre, als würde man sagen: „I Drink Alone“ von George Thorogood von 1985 wäre ein Cover vom 1955er „Manish Boy“ von Muddy Waters. Weil sie die gleiche Coda verwenden. Stellen Sie sich vor, Sie betrachten ein Gemälde von Frank Stella. Würden Sie dann fragen, ob dieses Quadrat da von Agnes Martin beeinflusst ist? Nein, es ist einfach ein Quadrat. Wenn wir es auf die Spitze treiben, dürfte man dann keinen G-Akkord mehr verwenden, weil Bob Dylan ihn mal in dieser oder jener Stelle eingesetzt hat? Und, oh Gott, Radiohead haben diesen Song mit einem C-Akkord eröffnet. Vielleicht sind Sie experimentell drauf und arbeiten mit dem Sound eines Fläschleins Augentropfen. Dann kommt jemand und sagt: „Nein, das geht nicht! Den Sound hat der Regen erfunden!“ Mein Punkt ist: Die Struktur und Sprache des Rock’n’Roll ist wie ein Staffellauf mit der Vergangenheit.

tip Haben Sie eigentlich die Coverversionen gehört, die Father John Misty wiederum von Ihren Taylor-Swift-Coverversionen angefertigt hatte?
Ryan Adams Ich hab das mitgekriegt. Einfach weil ich ein I-Phone und Twitter habe. Vier oder fünf Sekunden habe ich mir das angetan. Genug um zu wissen: Nee!

tip Apropos Dylan. Die Elektrische wurde auch bei Ihnen wichtiger als bei Ihren frühen Alben. Wichtiger als die akustische Gitarre oder das Klavier.
Ryan Adams Weil ich der Produzent bin. So hätte es immer sein sollen.

tip Sie mögen die alten Alben nicht mehr, die die Fans so lieben.
Ryan Adams Ich spüre kein böses Blut für die alten Alben. Die Songs sind einfach lebende Dokumente. Viele hatten vorab Demo-Versionen. Wenn Sie die hören, bekommen Sie oft einen besseren Eindruck davon, wie ich die Dinge sah. Aber ich habe die Produzenten ja immer selbst ausgesucht und engagiert. Ich wollte ja mehr darüber lernen, wie man Musik macht. Damals hat man das so gemacht, mit Produzent, der die Dinge absegnet. Mein Label wollte das auch so. Die wollten jemanden dafür bezahlen, dass er sagt, meine Musik sei ernst zu nehmen. Weil das Arschlöcher waren. Manchmal hatte ich auch Produzenten, die eher Toningenieure waren. Die bekamen dann trotzdem den ­Credit als Produzent.

tip Auf welcher Platte?
Das werde ich jetzt nicht verraten. Aber vielleicht war es ja „Cold Roses“.

tip Ich vermisse das Klavier. Die Klavierballaden auf „Love is Hell“ sind so ziemlich das Intensivste, was es gibt.
Ryan Adams Danke. Ich kann Sie trösten: Es gibt viel Klavier auf der neuen Father-John-Misty-Platte.

tip Wie suchen Sie sich aus, welche Instrumente zu welchem Song sollen?
Ryan Adams Wenn Sie ein Kind fragen, warum es mit der Farbe rot malt, wird es vielleicht einfach sagen: „Weil ich die Farbe mag.“ Es fühlt sich einfach richtig an. Je weiter man sich als Musiker davon entfernt, desto mehr wird man zum Arschloch. Es gibt genug Leute, die keine Freude an ihrer Musik haben. Warum sollte ich ihnen zuhören? Ich mag keine penible, pseudo-intellektuelle Musik. Jemand, der von seinem verfickten Wissen übers Universum predigt. So ein Arschloch wie Father John Misty, der mir erzählt, wie die verfickte Welt so läuft. Wissen Sie was: Das tun immer ausgerechnet die Leute, die gar nicht wissen, wie’s läuft, sondern auf Acid sind.

Tempodrom Möckernstr. 10, Kreuzberg, So 16.7., 20 Uhr, VVK 42 €

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