Kultur & Freizeit in Berlin

Atelierhäuser in Berlin

Die Verdrängung von Künstlerhäusern aus der Innenstadt gehört inzwischen ?zur Tagesordnung – doch der Umzug nach draußen ist für viele keine Lösung

Atelierhäuser in Berlin

Ein Dreiergrüppchen aus dem Atelierhaus Mengerzeile steht in Marzahn vor dem denkmalgeschützten Kesselhaus des Magerviehhofgeländes. Das Gebäude ist einsturzgefährdet, Wände dürfen nicht gezogen werden. Die Telekom stellt nur Überlandleitungen, Glasfaserkabel lohnen hier nicht. Vor zwei Jahren hätte er den Künstlern eine Platte mit allem Drum und Dran für 650?000 Euro verkaufen können, sagt der Makler mit Berliner Charme und blickt über die ausladende Brache ringsum. Was hier noch entstehen soll, das wisse er nicht.
Um die Ecke befindet sich die Alte Börse, wo sich ein paar Kreative aus dem geräumten Tacheles niedergelassen haben. Auf dem Gelände ist von Junginvestor und Visionär Peter Kenzelmann eine Kunststätte in großem Stil vorgesehen. Ein dort zur Disposition stehendes Gebäude besichtigen die drei Objekt-Scouts aus der Mengerzeile mit Ernüchterung: zu niedrige Decken, Dachschrägen. Kurz: für Ateliers ungeeignet.
Nächster Versuch: Lichtenberg, das Gelände der Haubrok Foundation in der Herzbergstraße, ehemalige Fahrbereitschaft der Stasi, ein Gebäude-Ensemble mit morbidem DDR-Flair. Kreative sind bei den Besitzern erwünscht. Die drei Ateliersuchenden durchschreiten eine große, praktisch unbeheiz­bare Halle sowie das ehemalige Saunahaus mit winzigen Zellen. Tage später die Besichtigung des denkmalgeschützten Umspannwerks Reinickendorf, diesmal zusammen mit dem neuen Atelierbeauftragten Florian Schmidt vom Kulturwerk des Berufsverbandes Bildender Künstler Berlin (bbk Berlin). Auch hier folgt auf die Hoffnung Enttäuschung: Sanierung und Ausbau würden noch einmal das Dreifache des Kaufpreises kosten. Sogar der Makler rät ab: Preiswerte Ateliers sähen anders aus.
Warum die drei überhaupt auf der Suche sind? Das Atelierhaus Mengerzeile in Treptow ist verkauft worden und soll in Wohnungen umgewandelt werden – nachdem es 21 Jahre für 40 Künstlerarbeitsplätze, Gastateliers und Ausstellungshalle genutzt worden ist. Der Hilferuf aus der alten Pianofabrik an der Mengerzeile war nur einer von sieben seit seinem Amtsantritt Mitte März, sagt der Atelier­beauftragte Schmidt. Die Ateliers in den Weddinger Gerichtshöfen und das Atelierhaus Prenzlauer Promenade in Pankow gehören dazu. Beide Häuser, zusammen mit etwa 150 Atelierplätzen, sollen in Wohnungen umgewandelt werden.

Atelierhäuser

Zurzeit gibt es 813 hauptsächlich durch das Berliner Atelierprogramm geförderte Ateliers und Atelierwohnungen in der Stadt. Für eine auf um die 8?000 angewachsene Künst­lerschaft, von denen 1?000 jährlich auf Ateliersuche sind, ein „Tropfen auf den heißen Stein“, wie Florian Schmidt es ausdrückt. Dazu befinden sich etwa drei Viertel des Bestands in Gebäuden mit privaten Eigentümern, die erfahrungsgemäß keine Rücksicht auf Künstler­belange nehmen, wenn bessere Gewinnchancen locken.
Wie zum Beispiel in der Alten Schult­heiss-Brauerei in Moabit mit 29 Kreativen oder in der Rosenthaler Straße in Mitte, in der gerade aus 51 Ateliers Hotelzimmer werden. Neben der Aufstockung des Atelier­anmietprogramms, das sich der Kultursenat derzeit 1?487?000 Euro kosten lässt, sei dringend ein Strukturwandel notwendig – das fordert nicht nur der Atelierbeauftragte –, und zwar vor allem eine Übertragung von kulturell genutzten Liegenschaften ins Kulturvermögen des Landes. Ateliers aus dem Förderprogramm sind allerdings für viele aus der Künstlerschaft keine Alternative, da diese für höchstens acht Jahre pro Person gemietet werden können. Es gibt zudem aufgrund der Vergabepraxis kaum selbstbestimmte Gruppenbildungen, und die Erfolgsquote bei der Bewerbung beläuft sich auf 15 Prozent.
Glück im Unglück hatten die 21 Künstlerinnen und Künstler in der Etage AR_29 in Alt-Reinickendorf: Zuzanna Skiba musste vorher ihr Atelier in der Kopenhagener Straße nach zehn Jahren aufgrund überhöhter Miete räumen. „Ich bin jetzt drei Mal vertrieben worden. Es heißt ja: Drei mal umgezogen, ein Mal abgebrannt.“ Ihre Nachbarin Cathy Jardon blickt auf den üppigen Park vor ihrem Fenster, die Friedhöfe zur Linken und zur Rechten, und lauscht der „Melodie der S-Bahn“. Hier sei noch echtes Leben, wie bei Alfred Döblin, schwärmt sie. Eine raue Gegend, kommentiert die Kollegin Viktoria Volozhynska, mit den vielen Spielcasinos ringsum.
Bezirke wie Reinickendorf oder Marzahn empfangen die Künstlerinnen und Künstler mit offenen Armen. Hier können die Kreativen das Image aufpolieren. Aber für Kate Hers aus dem Atelierhaus Mengerzeile sind Marzahn, Lichtenberg oder Oberschöneweide keine Alternative. Sie war aus ihrem geförderten Atelier in Französisch-Buchholz ausgezogen, weil sie in der S-Bahn ständig belästigt wurde. „Ich habe einfach schlechte Erfahrungen mit Nazis“, sagt die koreanischstämmige Amerikanerin, „da habe ich zu viel Angst.“
Nichts für schwache Nerven ist auch das Studio ID, in dem gerade ein Künstler vom Kultur Plus e.?V., mit neun Ateliers nach 17 Jahren aus dem bezirkseigenen Gebäude am Fehrbelliner Platz vertrieben, sich eingemietet hat. Im ehemaligen Sperrgebiet und gegenüber dem alten Stasigefängnis gelegen, hat sich der Hohenschönhausener Plattenbau aber inzwischen mit 120 Kreativen gefüllt, die dem Grusel des Ambientes trotzen.

Text: Constanze Suhr

Fotos: Constanze Suhr
/ Alte Börse Marzahn GmbH

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare