Literaturort

Auftaktwoche im Literaturhaus Berlin

„Wir wollen das Publikum verjüngen“ – Sonja Longolius und Janika Gelinek sind die neuen Leiterinnen des ­Berliner Literaturhauses. Ein Interview zur Auftaktwoche

Sonja Longolius (li.), Janika Gelinek, Foto: Andreas Burkhardt

Die Geschichte Wäre es nach dem Willen einer abenteuerlichen Stadtplanung gegeangen, gäbe es die 1889 in der Fasanenstraße erbaute Gründerzeitvilla nicht mehr, sie wäre, wie ehedem das Romanische Café, der Abrissbirne zum Opfer gefallen, platt gemacht, um einem Zubringer zur Stadtautobahn zu weichen. Doch dank dem Engagement einer Bürgerinitiative konnte die Geschichte des Gebäudes – es diente als Lazarett, Volksküche, Bordell, Diskothek – fortgeschrieben werden. Von 1986 bis 2003 leitete Herbert Wiesner das Literaturhaus, von 2004 bis 2017 Ernest Wichner. Am 1. Januar 2018 übernahmen die Literaturwissenschaftlerin Janika Gelinek (Jahrgang 1979) und die Amerikanistin und Kunsthistorikerin Sonja Longolius (1978) die Leitung des Traditionshauses.

tip Wie kommt man auf so eine Idee: Literaturhausleiterin zu werden?
Janika Gelinek Ein Zufall. Ich lag krank im Bett, sah die Ausschreibung und dachte: Das ist großartig. Dann griff ich zum Telefon und rief Sonja, meine Freundin aus WG-Zeiten, an.
Sonja Longolius Wir machten uns beide ans Werk, haben lange und intensiv an einer Bewerbung gearbeitet, die sich am Ende durchgesetzt hat.

tip Waren Sie vorher regelmäßig Gast im ­Literaturhaus?
Sonja Longolius Ich habe das Literaturhaus erstmals 2000 kennengelernt, als ich noch in Hamburg wohnte und hier ein Ausstellungsprojekt realisieren wollte …
Janika Gelinek … und ich ein paar Jahre später. Schon als HU-Studentin damals war ich angetan von diesem fantastischen Haus. Gleichzeitig war ich etwas ängstlich, ob ich hier hingehöre.

tip Sie meinen die berüchtigte Schwellenangst, die von dem mondänen Haus auch ausgeht?
Janika Gelinek Ja. Vielleicht liegt es auch an der Enge der Räume. Beim Eintreten wirkt alles privat, und nicht jeder findet auf Anhieb die Treppe zum Literaturhaus.

tip Sie wollen, war zu lesen, mit neuen ­Aktionen glänzen, mehr Modernität wagen.
Janika Gelinek Sagen wir nicht Modernität, sagen wir Lebendigkeit, das passt besser. Wir wollen hin zu einer Verjüngung des Publikums.
Sonja Longolius Wir wollen unter anderem ein Kinder- und Jugendprogramm dauerhaft installieren. Allgemein wollen wir das Haus in der Breite öffnen, „barrierefrei“ machen, das im doppelten Wortsinn.

tip
Ihre Programmschwerpunkte orientieren sich an der bewegten Geschichte des Literaturhauses, das auch mal ein Lazarett und ein Bordell war.
Sonja Longolius Das ist richtig. Das Programm unterteilt sich in sechs Bereiche: unter anderem Clubhaus, Baumhaus, Garküche, Wohnort. Damit verbinden sich viele Fragen. Wie leben und arbeiten die Autoren in dieser Stadt? Was ist die Berliner Literatur, die heute entsteht? Unter dem Begriff „Reservelazarett“ wird es um Europa als Raum der kulturellen Vielfalt gehen. „Freudenhaus“ steht für das Ausprobieren neuer Formate, Stichwort „digitales Lesen“.

tip
Für den 24. März ist in Ihrem Haus eine monströse Veranstaltung geplant: eine 24-Stunden-Lesung zu einem Autor, der für eine ganze Epoche steht: Laurence Sterne.
Janika Gelinek  Zunächst starten wir am 20. März mit einem Frühlingsfest. Der Eintritt, das ist unser Geschenk in der Eröffnungswoche, ist frei. Dann folgt die Sterne-Nacht. Der Autor der Empfindsamkeit, der es verstanden hat, einen regelrechten Hype um sich zu ent­fachen. Anlass ist das Erscheinen der ersten deutschen Sterne-Werkausgabe …
Sonja Longolius …und das Jubiläum des Romans „Sentimental Journey“, der vor 250 Jahren erschien. Das wird eine große Sause. Hochkarätige Autoren wie Durs Grünbein, Pieke Biermann, Sven Regener werden uns die Nacht versüßen und reihum aus Sternes bekanntestem Werk, dem „Tristram Shandy“, lesen.

tip Sollen Besucher der Lesung ihren Schlafsack mitbringen?
Janika Gelinek Wir haben tatsächlich überlegt, ob wir ein Bettenlager einrichten.

tip Was ist, wenn die Besucher mitten in der Nacht wegbrechen und einschlafen?
Sonja Longolius Bei den Autoren kann ich mir das nicht vorstellen.
Janika Gelinek Und falls doch: Niemand wird von uns gewaltsam geweckt.

tip Ihr Vorgänger, Ernest Wichner, griff selbst zur Feder und war neben seiner Literaturhaustätigkeit schriftstellerisch tätig. Wie halten Sie es mit dem Schreiben?
SL Nein, ich bin nicht schriftstellerisch tätig. Das letzte, was ich zu Papier gebracht habe, ist meine Doktorarbeit.
Janika Gelinek Und ich schreibe, wie man so sagt, leidenschaftlich gerne für die Schublade.

tip Sie meinen eine private Literatur, wie sie Rainer Maria Rilke gefordert hat: Tagebücher etc.?
Janika Gelinek Ja, genau. Außerdem noch Rezensionen, damit begnüge ich mich im Moment.

Eröffnungswoche: 20.–25.3., mit: Frühlingsfest, Di 20. ab 18 Uhr + Mi 21.3.  ab 10 Uhr, etwa mit Ilija Trojanow, Bas Böttcher, Annett Gröschner, Helene Hegemann und Florian Werner, Fasanenstr. 23, Charlottenburg; Laurence-Sterne-Party: Sa 24.3., ab 16 Uhr