Inustriedenkmäler

Verzauberte Riesen: Brandenburg feiert seine Industriekultur

Im Berliner Umland entstanden schon im 19. Jahrhundert Fabriken mit modernster Technik. 
Und diese Brandenburger Industriekultur lebt auch außerhalb von Museen weiter: Die Zeichen stehen auf Neuanfang – auch dank Tesla.

Ein besonders pittoreskes Beispiel für Brandenburger Industriekultur: Die Papierfabrik Wolfswinkel in Eberswalde. Foto: Imago/Hohlfeld
Ein besonders pittoreskes Beispiel für Brandenburger Industriekultur: Die Papierfabrik Wolfswinkel in Eberswalde. Foto: Imago/Hohlfeld

Die anwesenden Autobauer fielen aus allen Wolken, als Tesla-Chef Elon Musk November 2019 verkündete, wo sein neues Autowerk innerhalb eines Jahres entstehen soll. In Grünheide. Ausgerechnet Brandenburg? „Das wird doch nie was“, unkten die Kritiker*innen in den sozialen Medien. 

Mittlerweile ist die Gigafactory fertig, und diverse andere Konzerne haben angekündigt, auch nach Brandenburg zu gehen. Bricht da eine neue Ära an? Statt blühender Landschaften ratternde Fließbänder?

Die Entwicklung wäre nicht neu. „Ob Stahl, Braunkohle, Optik, Fahrzeugbau: Brandenburg ist ein traditionelles Industrieland“, sagt Jörg Steinbach, Wirtschaftsminister von Brandenburg und ehemals Präsident der Technischen Universität Berlin. Trotz der Industrie habe das Land seine unberührte Natur und kulturelle Vielfalt bewahren können.

Themenjahr widmet sich Brandenburger Inudstriekultur

Gestern und heute zusammenzubringen, das ist auch das Ziel im Themenjahr 2021 des Kulturlandes Brandenburg. Der Titel: „Zukunft der Vergangenheit – Industrie in Bewegung“. Über 40 Orte im Land zeigen, dass Industrie das Land ebenso geprägt hat wie Kartoffelanbau oder Religionsfreiheit.

Viele Städte des Landes sind erst durch die Industrialisierung entstanden. Orte wie Eberswalde, Fürstenwalde, Rathenow oder Brandenburg waren bedeutende Produktionsstätten. „Berlin ist immer der Motor für die industrielle Entwicklung Brandenburgs gewesen“, sagt Marius Krohn, Sprecher der Industriemuseen in Brandenburg. Und umgekehrt hätte Berlin sich nie so schnell zu einer Millionenstadt entwickeln können, wenn es das Umland nicht gegeben hätte.

Als Zentrum des Themenjahres Industriekultur wurde Eberswalde ausgewählt: Der Ort gilt als Wiege der preußischen Industrie und wird auch das „Wuppertal Brandenburgs“ genannt. Der Finowkanal ist die älteste noch funktionstüchtige künstliche Wasserstraße Deutschlands. Später kam die Bahnlinie Berlin-Stettin hinzu und sorgte für zusätzlichen Wohlstand. 

Demontage nach der Wende

Eberswalde ist voll von Industriedenkmälern: Kupferhäuser, Messingwerk, Papierfabrik, das Kraftwerk Heegermühle oder die Borsig-Halle  – teilweise verfallen, größtenteils für Besucher geöffnet. Insbesondere im Themenjahr 2021, wenn Corona es zulässt, sollen einige dieser alten Gebäude für die Besucher zugänglich gemacht werden. Etwa das Messingwerk im Ortsteil Finow, 1698 gegründet, zu einer Zeit, in der Berlin  gerade Mal 20.000 Einwohner hatte.  

„Das war die erste Stufe der Industrialisierung, als man Handarbeit mit Maschinenarbeit ersetzte“, sagt Marius Krohn. Den nächsten Schritt leitete die Dampfmaschine ein. Da waren es die Tuchmacher in der Lausitz, die durch technischen Fortschritt den Weltmarkt eroberten. Mit der Wende aber begann die Demontage der Industrieanlagen in Brandenburg, auch in der Lausitz. Seitdem ist die Gegend im Niedergang, die Einwohnerzahl hat sich halbiert auf 16.500.

Fürstenwalde dagegen ist ein Beispiel für eine erfolgreiche Fortführung seiner industriellen Geschichte. Es war ein Klempnermeister aus Berlin, der Fürstenwalde zu einer wichtigen Industriestadt machte und dafür sorgte, dass sich die Zahl der Einwohner in nur wenigen Jahren verdoppelte: Julius Pintsch entwickelte den ersten exakten Gaszähler der Welt.  „Das war die dritte industrielle Revolution, der Beginn der Massenproduktion“, sagt Marius Krohn. Pintsch baute Mitte des 19. Jahrhunderts ein ganzes Stadtviertel mit einer Fabrikanlage für über 10.000 Mitarbeiter. 

Das Ende des Pintsch-Imperiums kam mit der Verstaatlichung in der DDR. Die Firma ging nach Butzbach in Hessen, wurde 1967 von einem Thyssen-Erben übernommen und zerschlagen. In Fürstenwalde wird aber bis heute in einigen der früheren Pintsch-Fabrikhallen produziert: Unter anderem entstehen hier Bauteile für Windräder. Ein wenig Industriegeschichte ist zudem noch im Museum Fürstenwalde zu sehen.

Das Stahlwerk der B.E.S. Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH in Brandenburg an der Havel. Foto: Imago/photothek
Das Stahlwerk der B.E.S. Brandenburger Elektrostahlwerke GmbH in Brandenburg an der Havel. Foto: Imago/photothek

Ein eindrucksvoller und noch erhaltener Ort Industriegeschichte ist auch das alte Stahlwerk in Brandenburg (Stadt). Bis zur Wende brannten dort die imposanten Siemens-Martin-Öfen. Einer ist erhalten geblieben, der letzte in Westeuropa. 10.000 Menschen arbeiteten früher in dem Stahlwerk am Silokanal. Gegründet wurde die Fabrik 1912 von Rudolf Weber. Weber kam ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und brachte einen Teil der Mitarbeiter in die Domstadt an der Havel. „So kam der Karneval nach Brandenburg!“, sagt Marius Krohn, der nicht nur Sprecher der Industriemuseen ist, sondern auch das Museum des Stahlwerks leitet. Er sieht es als Glückfall, dass ein historischer Ofen erhalten geblieben ist. Ein moderneres Stahlwerk existiert auch weiterhin in Brandenburg (Stadt), unweit des heutigen Stahlmuseums. „Die Industriemuseen zeigen uns, dass sich der Fortschritt nicht aufhalten lässt“, sagt Marius Krohn.

Der Brandenburger Wirtschaftsminister hat große Ziele. „Aktuell sind wir mit der Tesla-Ansiedlung in Grünheide auf dem besten Weg, uns zum Land der Elektromobilität zu entwickeln – auf internationalem Niveau. Und so sehe ich Brandenburg auch perspektivisch: als Land moderner, zukunftsfähiger und klimafreundlicher Industrie“, sagt Jörg Steinbach. Und der Historiker Marius Krohn meint: „Wir erreichen derzeit die vierte Stufe der industriellen Revolution, die der Elektronik und Digitalisierung.“ 

Wie wird die „Industrie 4.0“ das Leben der Brandenburger verändern wird? Das Kulturland Brandenburg will mit seinem Themenjahr einen Ausblick wagen.

Der Text stammt aus unserer Edition Brandenburg – mit vielen Tipps für Ausflüge, Unterkünfte, Abenteuer, Entspannung und Radtouren.

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