Klimawandel

Klimawandel in Brandenburg: Wie Leute gegen die Wassernot kämpfen

Brandenburg ist Brennglas für den Klimawandel. Ein warnendes Beispiel: die Wassernot in Strausberg und Umgebung. Ein Report darüber, wie die Menschen in der Märkischen Schweiz gegen kalifornische Verhältnisse kämpfen

Dürre ist in Brandenburg ein großes Problem. Hier sieht man eine Aufnahme aus dem Frühling 2020 von einem Feld im Landkreis Dahme-Spreewald. Foto: Imago/Andreas Gora

Der See, der Menetekel für eine ungewisse Zukunft ist, verliert stetig an Wasser. So niedrig ist der Pegelstand mittlerweile, dass an seinen Ufern oft nur Geröll und Erde übrig geblieben sind – und das historische Freibad Strausberg seit 2019 geschlossen werden ist: Wegen des Rückgangs des Wassers existiert kein Nichtschwimmerbereich mit Wasserrutsche und anderen Attraktionen mehr.

Der Kerl, der mit local natives gegen die Verödung dieses Lebenselixiers aufbegehrt, erinnert sich: „Früher habe ich als Kind in dem See das Schwimmen gelernt. Direkt am Ufer ging das Wasser steil in die Tiefe.“

Jens Mader heißt er, ein Bär von einem Mann. Der 55-Jährige ist stellvertretender Vorsitzender der „Bürgerinitiative zur Erhaltung des Straussee“. Eine Gruppe aus knapp 300 Umweltbewegten, das den Kampf gegen die Gefahren des Klimawandels in die brandenburgische Provinz getragen hat.

Wassernot in Brandenburg: Knappheit einer lebenswichtigen Ressource

Frank Weber (l.), Vorsitzender „Bürgerinitiative zur Erhaltung des Straussee“, und Jens Mader, stv. Vorsitzender der Initiative.
Foto: Philipp Wurm

Der Pegel des Straussees, einer Augenweide, gesäumt von Badestellen, Lokalen und Fährbetrieb, ist um mehr als einen Meter gesunken. Damit verkümmert ein Landschaftsobjekt, das dem Ort an seinen Ufern bislang ein fast maritimes Flair verliehen hat. Dort erstreckt sich Strausberg, eine Kleinstadt mit rund 27.000 Einwohnern östlich von Berlin, gelegen am Fuß der Märkischen Schweiz. „Unser Straussee – bald ein zweiter Aralsee?“, wurde schon 2020 in einem Informationsblatt der Bürgerinitiative mit Sinn für apokalyptische Dramatik orakelt.

Der bedrohte See ist Lehrbeispiel dafür, wie eine ganze Region unter der Knappheit einer lebenswichtigen Ressource leidet. Eine Mixtur von Faktoren macht Brandenburg zum ausgedörrten Revier: etwa ungünstige Bodenverhältnisse, die nach Niederschlägen zu weniger Neubildung von Grundwasser als in den meisten anderen Landstrichen der Republik führen. Außerdem fällt in der dortigen Steppe aus meteorologischen Gründen sowieso schon weniger Regen. Und dann sind da noch die klimatischen Verwerfungen durch die Erderwärmung.  Ein weiterer Grund für die Schrumpfung des Straussee ist übrigens hausgemacht: Aus dieser Wanne wird Inhalt zugunsten eines benachbarten Wasserwerks abgeleitet – um daraus Trinkwasser zu gewinnen.

In Strausberg und drumherum, einer Gegend im Landkreis Märkisch-Oderland, verschärft noch etwas den Wassermangel: der vermehrte Zuzug von stadtmüden Menschen aus Berlin, die eben Duschen, Baden, Wäsche waschen. Hinzu kommt der wachsende Durst der Industrie. Nur 20 Kilometer entfernt lässt Elon Musk in Grünheide bekanntlich seine Tesla-Fertigungsstätte bauen, eine gigantische E-Auto-Fabrik, deren Betrieb jährlich 1,4 Millionen Kubikmeter Trinkwasser verschlingen soll. Keine geringe Menge in einem Versorgungsgebiet, wo jährlich bislang rund 11 Millionen Kubikmeter an die Bevölkerung ausgeliefert werden. All das summiert sich zu einem echten Verteilungskonflikt.

Der Swimming Pool ist in Brandenburg der neue SUV

Jüngst ist es zu einer Verzweiflungstat gekommen. Der Wasserverband Strausberg-Erkner (WSE) verkündete im Dezember 2021, die Fuhren aus seinen Leitungen für die rund 170.000 Menschen in der Region zu rationieren. Ein Spardiktat wie im dürregeplagten Kalifornien, wo der Gebrauch von Wasser schon länger gedeckelt werden muss. „Wir wollen nicht den Menschen das Wasser wegnehmen, sondern die Verursacher übermäßigen Wasserverbrauchs reglementieren“, erklärte dabei ein Bürgermeister aus der ostdeutschen Sahel-Zone, genau genommen aus Erkner. Ob dies- oder jenseits des Atlantiks: Der Swimming Pool im eigenen Garten, aufgefrischt mit dem öffentlichen Gut aus der Wasserleitung, ist zum neuen SUV geworden. Man braucht nur via Google Earth durch die Siedlungen zu zoomen. Der Swimming Pool zehrt an einem Rohstoff, dessen Vorkommen auf dem blauen Planeten früher unbegrenzt erschien.

Gigantischer Wasserverbrauch: die Giga-Factory von Tesa in Grünheide, die zuletzt eröffnet worden ist, ist ein außerordentlich durstiges Industrieprojekt. Die Bauarbeiten sind übrigens noch nicht abgeschlossen. Foto: Imago/Christian Thiel

Zurück zum Straussee, diesem Sinnbild der Not: Dort bekrittelt Jens Mader, der Ehrenamtler aus der Bürgerinitiative, der in Strausberg groß wurde und heute Anwalt ist, die Betulichkeit in seiner Heimat. „Berlin ist uns um Lichtjahre voraus. Wir sind noch in einer Lernphase hier.“

Gemeint ist das Stadt-Land-Gefälle beim Miteinander zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Behörden. In der deutschen Hauptstadt gibt es etwa schon seit 2006 den Wassertisch, ein zivilgesellschaftliches Netzwerk, das mit politischen Institutionen und Ämtern das Gespräch sucht. Deren streitlustige Aktivistinnen und Aktivisten pochen vor allem auf mehr Transparenz und Mitbestimmung im Heckmeck um die flüssige Substanz. 

Die „Bürgerinitiative zur Erhaltung des Straussee“ macht hingegen erst seit 2019 Stress – und fügt sich seitdem in ein lokales Protestmilieu, dessen Aufgebot spärlich ist. Mitstreiterinnen und Mitstreiter von Umweltbewegungen leben nun einmal eher im urbanen Raum, von Fridays-For-Future-Kid bis Greenpeace-Veteran.

Umso erstaunlicher war der Tumult auf einer Demonstration im Frühjahr vor drei Jahren, ausgerufen von der Initiative. 500 Leute zogen damals durch die Straßen in Strausberg. Eine Schar, die in der ländlichen Abgeschiedenheit der Größenordnung eines Massenauflaufs an der Siegessäule in Berlin entspricht.

Damals war das Bündnis für den Erhalt des Straussees angetreten. Mittlerweile geht es um mehr: um die Frage, wie an der Schwelle des 21. Jahrhunderts eine zeitgemäße Wasserversorgung aussehen könnte. Es geht dabei um bessere Technologie und einen vertieften Austausch zwischen Leuten aus Ämtern, Volksvertretern und Normalos.

Der zuständige Verband schweigt zur Wassernot

Man würde darüber gerne mit einem Experten vom Wasserverband Strausberg-Erkner sprechen: jener Fontäne der Daseinsvorsorge, die Quelle für 16 Kommunen in der Region ist – und deren Verbandsversammlung, im lockeren Jargon das „Wasserparlament“, von den Bürgermeistern und Amtsdirektoren eben dieser Städte und Gemeinden gestellt wird. Trotz mehrerer Anfragen lässt der Verband den tipBerlin-Reporter jedoch abblitzen. Der Radar der Öffentlichkeit hat die Leute in diesem Haus scheu gemacht.

Immerhin äußert sich eine Koryphäe aus dem Verwaltungsapparat des Landkreises Märkisch-Oderland. Der hat seinen Sitz im geruhsamen Seelow, der Kreisstadt, die man von Strausberg mit dem Auto in einer Dreiviertelstunde erreicht.

Rainer Schinkel, erfahrener Beamter über 60, ist Kämmerer, aber auch Fachbereichsleiter. „Wassersparende Technologien und die Mehrfachnutzung des Wassers bei den Verbrauchern“ seien gefragt, skizziert er den hydrologischen Alltag in der Welt von morgen. Im Leben von heute vermisst er die Hilfsbereitschaft der rot-schwarz-grünen Landesregierung in Potsdam. Festgelegt werden dort nämlich die Höchstmengen, die von den Wasserverbänden geschöpft werden dürfen. Der Wasserverband Strausberg-Erkner hat in den vergangenen Jahren bereits zulässige Limits überschritten. Würde das Wasser womöglich wieder sprudeln, wenn Dietmar Woidke & Co. einfach den Hahn weiter aufdrehen?

Dafür müssten unter anderem die Grundwasserreserven näher erforscht werden. Was Job der Ministerien in der Residenzstadt wäre. Der Kampf ums Wasser ist aber noch nicht im Bewusstsein der politischen Alpha-Tiere angekommen. „Hier wird eine umfängliche Unterstützung der Verbände vermisst“, ärgert sich Schinkel, der Amtsträger.

Der Chef dieses Kritikers, der SPD-Landrat Gernot Schmidt, 59, drückt auf die Pumpe: Er will Daten vom Land einfordern. Der rote Potentat berät sich außerdem mit der WSE und anderen Verbänden, um die Versorgungskrise zu schmälern. In der Diskussion ist ein neues Wasserwerk in der Nähe der Oder – und der Import von H2O aus den
Netzen von Gegenden in Brandenburg, deren Einwohner weniger auf dem Trockenen sitzen.

Einen Showdown gibt es auch beim umstrittenen Projekt des US-Visionärs Elon Musk in Grünheide. Zwei Umweltverbände, der Nabu und die Grüne Liga, haben vor dem Verwaltungsgericht Frankfurt/Oder gegen die wasserrechtliche Genehmigung der Tesla-Fabrik geklagt. Ein Argument: dass die Anlage die Grundwasserspeicher überstrapazieren könnte.

An der eigentlichen Misere ändern diese Konfrontationen allerdings nichts: dass in einer Epoche versiegender Rohstoffe auch das Wasser keine unendliche Ressource mehr ist.

Der Wasserstand ist niedrig – eine Impression am Beispiel des Seddiner Sees bei Potsdam. Foto: Imago/Martin Müller

Eine Sammelbewegung im kleinstädtischen Brandenburg

Die Strategien gegen die Versorgungslücke sind dabei keine Raketenwissenschaft, sondern ganz bodenständige Dinge. Darunter wasserspeichernde Zisternen, deren Installation auf Grundstücken verpflichtend wird. Oder eine Reform des Abgabensystems. Die Zeche fürs Leitungswasser müsste dabei mehr als bisher an die genutzte Menge gekoppelt werden. Eine andere Idee: dass die Wasserversorger mehr Recycling betreiben.

Not macht erfinderisch – das zeigt auch die neueste Volte am darbenden Straussee. In den eiszeitlichen Rinnensee könnte nämlich bald überschüssiges Volumen aus einem Wasserwerk in der Nachbarschaft eingespeist werden. Ein Rest, der während der Filterung des Wassers entsteht. Damit würde der Pegel des Sees beinahe wieder auf Normal niveau steigen. Die gute Idee hat ein Stadtverordneter der CDU gehabt. Ein Zeichen dafür, dass die örtliche Politik zumindest alarmiert ist.

Trotzdem gibt es noch einiges zu tun. Jens Mader, der Kümmerer von der Bürgerinitiative, sagt über den künftigen Druck von unten: „Wir werden trotzdem nicht schweigen.“


Mehr über den Klimawandel

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