Klimawandel

Wie alte Munition die fatalen Waldbrände in Brandenburg befeuert

In der Nähe von Treuenbrietzen ist im Juni erneut ein Wald zur Beute eines Großfeuers geworden. Eine Nachlese zum Ereignis, die von menschengemachter Brandbeschleunigung handelt und der Suche nach politischen Lösungen, denn Waldbrände in Brandenburg werden uns noch lange beschäftigen.

Große Feuer bedrohen immer häufiger die Wälder in Brandenburg. Mitte Juni kam es zu Waldbränden nahe Treuenbrietzen im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Und Anfang Juli züngelten die Flammen in der Gohrischheide – zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit, zumal es in derselben Gegend schon im Juni gebrannt hatte. Foto: Imago/Andre März

Phosphormunition ist leicht entflammbar

Auf unheilvolle Weise können die menschliche Unterwerfung der Biosphäre, der Klimawandel und deutsche Geschichte zusammenwirken – jedenfalls in der Natur Brandenburgs. Es handelt sich dabei um Faktoren, die den Großbrand bei Treuenbrietzen mindestens stark begünstigten. Mitte Juni haben die Flammen dort bekanntlich Baum und Borke zerstört, auf der sagenhaften Fläche von 200 Hektar.

„Eine für den Wald fatale Kombi“, nennt Jeanette Blumröder, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, den pyrochemischen Cocktail. Wer diese Gemengelage verstehen will, muss die Eigenschaften des Geländes kennen: Im Unterholz des Waldstücks war hochentzündliche Munition verstreut – Überbleibsel von Truppenübungen der Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs. Diese phosphor-haltige Munition kann sich bei großer Hitze von allein entzünden. Sie liegt zu allem Überfluss in einer Vegetation, die schnell entflammbar ist, vor allem auf den Arealen von Kiefernforsten, die dem holzverarbeitenden Gewerbe als Plantagen dienen. Wegen der Feuersbrunst mussten Menschen kurzzeitig evakuiert werden, und hunderte Einsatzkräfte, darunter Soldaten, waren damit beschäftigt, den Brand zu löschen.

Der Vorfall von Treuenbrietzen ist Parabel darüber, wie die Erderwärmung üble Brandkatastrophen befördert – aber auch darüber, dass jedem Ereignis eigene Kausalketten zugrunde liegen. Zudem zeigt sich anhand der Debatte nach dem Worst-Case-Szenario eine menschliche Schwäche. Die Unfähigkeit zu vorausschauender Politik.

Schnell wurde nur über die Bekämpfung der Symptome diskutiert, ob in der Landespolitik oder in den Behörden. „Wir müssen lernen, mit den Waldbränden zu leben“, trompetete etwa Raimund Engel, der brandenburgische Waldbrandschutzbeauftragte, in der „Superillu“. In der Diskussion ging es vor allem um Krisenmanagement: um bessere Zufahrten für die Fahrzeuge der Feuerwehr, um mehr Brunnen mit Löschwasser.

Waldbrände in Brandenburg: Die Rolle von Altlasten

Dabei wäre die baldige Räumung der Munition ein Muss. Eine Mission allerdings, die Millionen verschlingen würde. Vielleicht hält sich daher die Landesregierung um Ministerpräsident Dietmar Woidke, SPD, mit Zusagen zurück, die Kampfmittel beseitigen zu lassen. Das andere Problem wurzelt in der Landschaft des Bundeslands. Die Fläche Brandenburgs ist zu etwa 40 Prozent von Wald bedeckt; 70 Prozent dieser Arrondierung ist Kiefernforst. Jenes Gehölz, das im Fall der Fälle abfackelt wie eine Scheune voll Stroh.

„Es wird schnell über technische Lösungen zur Erkennung und Brandbekämpfung gesprochen, aber zu wenig über die Beseitigung der eigentlichen Ursachen“, bekrittelt daher Jeanette Blumröder. Die Forscherin hat mit Kollegen ein langfristiges Gegenmittel in der Region nahe Treuenbrietzen entwickelt: einen „pyrophoben“ Wald. Gemeint ist damit ein Laubmischwald, gewachsen auf natürliche Art. Der dortige Boden, ein Bouquet der Artenvielfalt, speichert etwa Feuchtigkeit. Und bildet damit eine Firewall.

Tragischerweise sind Teile dieses Walds im Juni selbst vom Feuer getilgt worden. Das Projekt ist jedoch erst vor zwei Jahren gestartet worden, auf einer Waldfläche, die bereits 2018 von einem örtlichen Großbrand verschlungen wurde. „Der Wald hätte noch einige Jahre gebraucht, bis er pyrophob und widerstandsfähig gewesen wäre“, erklärt Jeanette Blumröder, die das vielbeachtete Projekt koordiniert. Der beste Brandschutz bleibt offensichtlich: weniger Forst, bestückt mit Monokulturen, und mehr echte Natur.


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