Fahrrad

Radfahren in Berlin

Foto: Kai von Kotze
In die Stadt ausschwärmen und nichts wie hinterher, wenn interessante Radler auftauchen. Dies war die Aufgabe, die sich der tip für seine Titelgeschichte zum Thema Fahrrad gestellt hat. Ein Job, der allen daran Beteiligten viel Spaß gemacht hat: Nur selten erfährt man so viel positives Feedback, wie wenn man Berliner auf ihr Bike anspricht. Die Leute sprudeln über mit Geschichten, wie aufregend es war, ihr besonderes Fahrrad zu ergattern. Wie wunderbar es ist, damit durch die Stadt zu gleiten. Und wie groß die Sorge, es könne abhandenkommen. Woher diese Emotionen?

Wer sich entscheidet, statt bequem mit Bus und Bahn oder gar dem Auto mit dem Fahrrad seine Ziele zu erreichen, muss vor allem eines tun: die Schwerkraft überwinden. Pedaltritt für Pedaltritt ist das in der ausgedehnten Stadt anfangs anstrengender als gedacht. Bis dann passiert, was auch jeder Jogger kennt: Innerhalb weniger Wochen steigt die Ausdauer, Glückshormone pulsieren in den Adern – und mit ihnen der Stolz, durch die eigene Kraft vorwärtszukommen.

Vom Fahrradsattel aus kann man jeden Moment entscheiden, wie viel Berlin man an sich heranlässt: Langsamer werden und anhalten? Oder in den schönen Schleichweg einbiegen und sich gedankenverloren den Fahrtwind um die Ohren wehen lassen? Individuelle Wegeentscheidungen, die nicht einmal das Auto ermöglicht, das auch noch stinkt. Radler dagegen rollen in dem guten Gefühl, vieles richtig zu machen.

Und quietscht oder knirscht mal was, dann her mit dem Schraubenschlüssel: Im Gegensatz zu den digitalen Geräten, die uns umgeben, erklärt sich Fahrradtechnik grundsätzlich selbst. Zwei Räder, ein Rahmen, zwei Zahnräder, eine Kette – die Zukunft kann kommen.

SIEBEN BERLINER DIE IHR RAD LIEBEN

Foto: Kai von Kotze

Lara Wagner, 18, Fußballtrainerin

„Dies hier ist mein zweites Bonanza-Rad, denn das erste wurde mir 2012 geklaut. Sehr schlimm! Im Internet habe ich dann nach Ersatz gesucht. Dieses Rad ist die Trophäe eines Preisrätsels, eine Frau hatte es gewonnen, aber die brauchte es nicht. Auf die eine Seite des Rahmens habe ich ‚Kreuzberg‘, auf die andere Seite ‚Pirat‘ geklebt. Sticker, die ich von dem Berliner Grafiker Paul Snowdon bekommen habe, bei dem ich ab und zu als Babysitter jobbe.“

Foto: Kai von Kotze

Rebecca Kauper, 33, Bauleiterin

„Diesen Beachcruiser ‚Ghostrider‘ habe ich jetzt seit drei Jahren. Auf dem sitzt man so gemütlich wie auf einem Sessel – da hat man die Ruhe weg. Das ist wie auf einem Chopper zu fahren – nur ohne Motor. So kann man Berlin richtig genießen. Ich fahre damit täglich zur Arbeit, oft von Mitte bis nach Kreuzberg oder nach Westend. Allerdings nur, wenn es nicht regnet. Damit mein Cruiser nicht geklaut wird, parke ich ihn zu Hause im Wohnzimmer in der fünften Etage. Hochkant passt er gerade so in den Aufzug.“

Foto: Kai von Kotze

Benjamin Albrow, 35, 3D-Animator

„Ein Fahrrad ist einfach der beste Weg, eine Stadt zu entdecken. Das habe ich schon in San Francisco und in London festgestellt, wo ich vorher gewohnt habe. Außerdem hält es fit. Dieses Fahrrad habe ich für 350 Euro auf einer Second-Hand-Plattform im Internet gekauft. Aber ich finde, es ist eigentlich zu teuer für Berlin. Ich mache mir Sorgen, dass es geklaut wird. Vielleicht kaufe ich mir ein neues,  billigeres Fahrrad, dann muss ich mir keine Gedanken mehr machen.“

Foto: kai von Kotze

Nikolaus Jochwed, 30, freiberuflicher Web­designer

„Ich habe mir mein Fahrrad aus den passenden Einzelteilen selbst zusammengebaut, weil ich ein Fahrrad genau nach meinen Wünschen haben wollte. Ich habe circa zwei Monate gebraucht, bis es fertig war. Insgesamt hat es 1?000 Euro gekostet. Damit es nicht geklaut wird, nehme ich es immer mit in meine Wohnung, wenn ich nach Hause komme. Ich habe auch kein Auto, denn es macht mir sehr viel Spaß, mit dem Fahrrad durch Berlin zu fahren.“

Foto: Benjamin Pritzkuleit

Shihoko Ichinohara, 41, Sprachschülerin und Künstlerin

„Ich komme aus Tokio. Dort habe ich auch dieses Fahrrad für umgerechnet 150 Euro gekauft. Auch in Tokio wird viel mit dem Fahrrad gefahren, allerdings gibt es da fast keine Radwege, weswegen es häufig zu Unfällen kommt. Eigentlich bin ich Künstlerin und beschäftige mich mit traditioneller japanischer Kunst. Momentan aber bin ich auch wieder Schülerin, lerne Deutsch. Mein Fahrrad ist ein unentbehrlicher Freund für mich. Ich fahre damit überallhin.“

Foto: Kai von KotzeJulien Wermann, 27, Produkt-Design-Student
„Ich bin Franzose, lebe jetzt aber seit acht Jahren in Berlin. Um mit Freunden im Park als DJs auflegen zu können, haben wir uns nach der Anleitung eines Büchleins aus der ‚Einfälle statt Abfälle‘-Reihe dieses Lastenrad gebaut. Wir haben alles selbst gemacht, zu sehen auch auf YouTube. ‚Be-Cycle‘ haben wir das Projekt genannt. Für die Musik-Sessions im Park kommen eine Autobatterie und ein Verstärker vorne in die Holzkiste, das Mischpult und zwei Turntables dann auf den Deckel obendrauf. Inzwischen nutzen wir das Lastenrad aber vor allem als Transportmittel für unseren Verein Werkstatttraum, ein Projekt mit ­Co-Working-Space auf zwei Fabrik­etagen.“ 

Texte: Eva Apraku, Guilia Carobene, Somin Grothe, Henrike Prochno

Fotos: Kai von Kotze, Benjamin Pritzkuleit (Shihoko)

 

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