Kultur & Freizeit in Berlin

Autorentheatertage 2015

Autorentheatertage 2015

In den Stücken von Ferdinand Schmalz geht es auf leise und gemütliche Weise ziemlich monströs zu. Vielleicht liegt das daran, dass Ferdinand Schmalz (Foto), ein freundlicher Mensch mit etwas hinterhältigen Humor, Österreicher ist. Vor einem Jahr machte den Dreißigjährigen sein erstes Theaterstück mit dem schönen Titel „am beispiel der butter“ bekannt. In ihm lernen wir unter anderem die Dauergäste einer etwas schmierigen Bahnhofsgaststätte und einen Molkereimitarbeiter kennen, der zu den Produkten seines Arbeitgebers eine ­innige Beziehung pflegt. Schon um „mit einer reinen Geste zu dem anderen durchzudringen“, beschenkt er seine Mitmenschen gerne mit Milchprodukten und träumt von einem Denkmal aus Butter.
Bei Schmalz gehen die hohe, leicht verschobene Sprache eines raffinierten Kunstdialekts, die bizarreren Abteilungen der Wirklichkeit und ganz normales Provinz-Kleinbügertum die schönsten Allianzen ein. Kein Wunder, dass er seit der Uraufführung seines Erstlings in Leipzig vor einem Jahr als einer der interessantesten und eigen­willigsten jungen Dramatiker gilt. Jetzt ist das „Beispiel der Butter“ in einer Inszenierung des Wiener Burgtheaters als Gastspiel bei den Autorentheatertagen, dem Festival für Gegenwartsdramatik, am Deutschen ­Theater zu sehen. Die Uraufführung des ­neuen Schmalz-Stücks „Dosenfleisch“, ebenfalls in einer Produktion des Burgtheaters, eröffnet das Festival.
Bei Dosenfleisch handelt es sich in diesem Fall übrigens zur Abwechslung nicht um Nahrungsmittel, sondern um Menschen, die in ihren Fahrzeugen auf der Autobahn in schwere Unfälle geraten – die Dose ist das Auto, das Fleisch der Fahrer.
Darüber, dass die Zufallsbekanntschaften auf einer Autobahnraststätte des Grauens gerne in Jamben sprechen, sollte man sich bei Schmalz nicht wundern: „Wär das Gespräch verunfallt dann? Hier ist kein Ort und keine Zeit. Hier rastet man im Nirgendwo“, räsoniert die Tresenkraft Beate, als hätte sie zu viel Heidegger gelesen. „Kann sein, die Zeit fließt ein bisschen anders hier“, kommt der Unfall­forscher und Versicherungsmathematiker Rolf über die Metaphysik des tristen Nicht-Orts ins Grübeln.
Schmalz ist von solchen transitorischen Orten fasziniert. Zum Schreiben hat er sich ganze Nachmittage in eine Autobahnraststätte gesetzt und dem Vorüberziehen des Menschen­stroms zugesehen, jeder für jeden ein Passant. Natürlich lässt sich hier aufs Schönste über die Risiken und Nebenwir­kungen der menschlichen Existenz nach­denken. „Auch die beste Versicherung schützt vor dem Unfall nicht“, weiß der Versicherungsmathematiker Rolf. „Am Ende sind wir alle Unfälle, mehr nicht, Zufälligkeiten“, gibt die Tresen-Existenzialistin Beate zu bedenken. Rolf verlässt sich lieber auf Statistik: „Wird schwer nur, von Unfall noch zu sprechen, wenn erst der Unfall zum Normalfall wird, wie hier.“ Damit bringt er die Schmalz-Poetik mit der Nüchternheit des Versicherungsfachmanns auf den Punkt: In der Schmalz-Dramenwelt sind Unfälle jederzeit die Normalfälle.

Die Lücke. Ein Stück Keupstraße Schauspiel Köln, 19.+ 20.6., 20 Uhr

Die Faszination durch Bahnhofskneipen, Autobahnraststätten und ähnliche Nicht-Orte korrespondiert mit dem illusionslosen Blick in die provinzielle Enge. Der eine Ort hat zu viel Durchlässigkeit und Durchgangsverkehr, der andere zu wenig. Im einen rasen die Menschen aneinander vorbei, im anderen kleben sie aufeinander.
Schmalz weiß ganz offenkundig, wovon er bei seinen dichterischen Exkursionen in die Provinz redet, schon weil er in der Steiermark in einem 2?000-Seelen-Dorf mit dem schönen Namen Admont aufgewachsen ist. Bevor er mit dem Stückeschreiben anfing, arbeitete er nach ein paar Semestern Philosophiestudium als Regieassistent am Wiener Schauspielhaus, eines der Labore für neue Dramatik. Andres Beck, der Intendant, bringt das Talent seines früheren Mitarbeiters auf die schöne Formel „Schmalz hat Schmelz“. Kann man so sagen. Philosophie, Sprachkritik, Provinz, Vergnügen am bösen Humor und den kaputteren Seiten der menschlichen Existenz – das ist nicht erst seit Thomas Bernhard, Werner Schwab und Elfriede Jelinek eine sehr österreichische Mischung.
Natürlich weiß Schmalz, in welchen Traditionen er sich bewegt, aber von Bernhard-Jelinek-Schwab-Epigonen unterscheidet ihn, dass er eine sehr eigene Sprache und definitiv etwas zu erzählen hat. Wer bei den Autorentheatertagen süchtig nach dem Schmalz-Sound wird, kann sich schon auf sein neues, sein drittes Stück freuen, das kommende Spielzeit am Deutschen Theater rauskommt. Der Titel verspricht wieder schöne Katas­trophen: „herzerlfresser.“
Natürlich ist Schmalz nicht der einzige Dramatiker, den man bei den Autorentheatertagen entdecken kann. Neben seinem „Dosenfleisch“ gibt es drei weitere Uraufführungen, außerdem Gastspiele aus Graz („Das Scheissleben meines Vaters, das Scheissleben meiner Mutter und mein eigenes Scheissleben“), München, Halle („Wir sind keine Barbaren“) und eine Produktion von Refugees aus Amsterdam („Labyrinth“).

Text: Peter Laudenbach

Foto: Reinhard Werner, David Baltzer

Autoren­theatertage Deutsches Theater 13.–27.6., Karten-Tel. 28 44 12 21

Dosenfleisch von Ferdinand Schmalz. Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, 13.6., 19 Uhr, 14.6., 18 Uhr

Archiv der Erschöpfung ?von Sascha Hargesheimer, 25.6., 20 Uhr

Der neue Himmel von Nolte Decar, Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich, 26.6., 19.30 Uhr

Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend ?von Oliver Kluck, Schauspielhaus Graz, ?14.+15.6., 20 Uhr

Das schweigende Mädchen ?von Elfriede Jelinek, Münchner ?Kammerspiele, 16.6., 19.30 Uhr  

Wir sind keine Barbaren! ?von Philipp Löhle, Neues Theater Halle, ?16.+17.6., 20 Uhr

Mein deutsches deutsches Land ?von Thomas Freyer, Staatsschauspiel ­Dresden, 17.6.,19.30 Uhr

Labyrinth von We Are Here Cooperative und Nicolas Stemann, Frascati Theater Amsterdam, 18.6., ab 17 Uhr

Am Beispiel der Butter ?von Ferdinand Schmalz, Burgtheater Wien, 18.+19.6., 20 Uhr

Die Lücke. Ein Stück Keupstraße Schauspiel Köln, 19.+ 20.6., 20 Uhr

Phosphoros von Nis-Momme Stockmann, Residenztheater München, 20.6., 19.30 Uhr

Container Paris von David Gieselmann, Schauspiel Frankfurt, 21.6., 19.30 Uhr

Die Schutzbefohlenen ?von Elfriede Jelinek, Burgtheater Wien, 22.6., 20 Uhr, 23.6., 19 Uhr

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