Essen & Trinken in Berlin

Backkurse sind ein neuer Lifestyle-Event

Statt Club oder Bar gibt es die Show mit Schürze. Neuerdings trifft man sich mit Freunden beim Backkurs. ?So wird Cupcakes mixen und Schokolade dekorieren zum Ereignis

Backkurse

Es wird gewogen, gemixt und gesiebt, was das Zeug hält. Selbst als draußen eine Schar von Touristen die bunte Shop-Auslage mit den Cupcakes und Cake-Pops fotografiert, schaut kaum einer der hauptsächlich weiblichen Teilnehmer auf. Auch Stefan Kels ist hochkonzentriert, er eilt in seiner großen Backstube von einem Zweierteam zum nächsten. „Am besten, ihr teilt euch auf, eine gibt die Mehlmischung in den Mixer, während die andere gleichzeitig die Buttermilch unterrührt“, empfiehlt er zwei jungen Frauen, die mit ihren Zutaten kämpfen. „Aber zu Hause müssen wir es doch auch alleine schaffen„, wendet eine von ihnen ein. „Ja, aber jetzt könnt ihr ja noch auf die Gruppe setzen“, sagt Stefan Kels und grinst.
Genau darum scheint es den meisten Teilnehmern heute Abend im Backkurs von Tigertörtchen, dem Cupcake-Laden im Nikolaiviertel, auch zu gehen. Man ist nicht nur hier, um das perfekte Törtchen zu kreieren, sondern vielmehr, um ein gemeinsames Erlebnis zu zelebrieren. Da ist etwa Anna, die zusammen mit ihrem Mann vegane Nusstörtchen zubereitet, oder das Mutter-Tochter-Team, das sich an Schoko-Mini-Cupcakes versucht. „Gemeinsames Backen ist inzwischen definitiv zum Lifestyle-Event geworden“, sagt Stefan Kels. Der 35-Jährige ist eigentlich gelernter Architekt, vor drei Jahren aber machte er sein Hobby zum Beruf und eröffnete den Cupcake-Laden. Und weil die Kunden immer wieder nach Rezepten und Anleitungen fragten, beschloss Kels, die Back­kurse einfach in seiner Backstube anzubieten. Rund 55 Euro kostet der dreistündige Kurs pro Person, dafür sind nicht mehr als sechs Teilnehmer dabei. Besonders begehrt sind die Veranstaltungen als Junggesellinnenabschied, aber auch als Geburtstagsfeier – meist sind die Kurs­termine innerhalb weniger Tage ausgebucht.
Dass das Backen schon längst nichts mehr mit dem Klischeebild von Oma am Herd zu tun hat, ist spätestens seit Sendungen wie Enie van de Meiklokjes’ „Sweet & Easy“ oder der Sat.1-Show „Das große Backen“ klar. Und auch diese Shows sind nur Kopien der internationalen Vorreiter. Erst kam durch Jamie Oliver und Co das große Kochen, jetzt wird also gebacken. Oder was man dafür hält: Denn vielen Hobby­bäckern geht es nicht so sehr um die eigentlichen Teigwaren, sondern viel mehr um das Verzieren und Dekorieren, mit dem jeder seine ganz eigene Kreativität ausleben kann – was im Zweifel viel mehr Spaß macht als das schnöde Eieraufschlagen. Verführerisch pinke Läden wie etwa das CakeVille in Prenzlauer Berg, das Designer-Backformen, farbige Zuckerperlen und glitzernde Gels anbietet, oder Tolle Torten in Friedenau, deren Verkaufsräume ein bisschen wie das Barbiehaus auf Ecstasy wirken, tun ihr Übriges, um den Trend als hippes Hobby zu etablieren.

Backkurse

Julia Humeniuk muss nichts mehr einkaufen – die helle Küche in ihrer Privatwohnung in Mitte, in der die Schokoladen-Desi­gnerin ihre Kurse veranstaltet, beherbergt alles, was das Konditor-Herz höher schlagen lässt: Auf riesigen Regalen türmen sich Kokosblüten-Zucker, winzige Marzipanrosen, essbarer Goldstaub, Rosenwasser, runde Kugeln aus geblasenem Zucker … „Die Menschen sind gerade dabei, die Sinnlichkeit wiederzuentdecken“, versucht Humeniuk den Back-Trend zu erklären. Beim Backen werde eben vor allem gerochen, gefühlt, geschmeckt. „So können die Leute gut entspannen.“ Oder feiern: Um ihren großen Küchentisch drängt sich eine Gruppe von Mädchen, Schülerin Rosalie zelebriert ihren 17. Geburtstag – mit einem Schokoladenkurs für sich und ihre Freundinnen, 30 Euro kostet der Spaß pro Kopf. Gerade lernen sie, wie man Schokolade temperiert, damit die Masse beim Abkühlen nicht ihre perfekte Konsistenz verliert. „Am besten tabliert ihr die heiße Schokolade auf einer kühlen Arbeitsfläche“, rät Julia Humeniuk, die früher als Sozialarbeiterin arbeitete und sich dann auf Confiserie-Kursen weitergebildet hat. Die Mädchen machen sich erstaunlich diszipliniert an die Arbeit. Am Ende lässt sich jede von ihnen stolz mit dem eigenen Schoko-Kunstwerk per Smartphone ablichten. Komasaufen und Facebook-Partys zum 17. Geburtstag? Von wegen – hier zeigt das Status-Update nur Schürzen und Schneebesen.
Doch es gibt auch Schattenseiten des neuen Selbst-Back-Booms, warnt Beeke Büker. Sie betreibt in Moabit die Backschule Fräulein Büker. „Meist geht es nur darum, dass alles schön glitzerbunt dekoriert wird, der Geschmack bleibt dann auf der Strecke“, klagt sie. Daher achtet die ehemalige Buchhändlerin und ausgebildete Konditorin bei ihren Tortendeko-Kursen darauf, dass nur nachhaltige und qualitativ hochwertige Zutaten verwendet werden – damit die Kunstwerke hinterher nicht nur gut aussehen, sondern auch gut schmecken. Und wenn zu Hause etwas schiefgeht, rettet Beeke Büker deshalb als Berlins wohl einziger Tortendoktor mit ihrem Notfall-Service, was noch zu retten ist. Denn bei all der Glitzerpaste und den Zuckerrosen vergisst manch eine Hobbybäckerin, dass nicht nur das Auge mitisst. In ihren Kursen will Büker deshalb weg vom Cupcake und hin zur traditionellen Backware, schließlich wisse heute kaum einer mehr, wie ein gutes Schweinsohr gemacht wird, sagt sie.
Im Tigertörchen-Cafй werden zwar keine Schweinsohren angeboten. Aber auch Stefan Kels will nicht jeden Back-Hype mitmachen, stattdessen setzt er lieber selbst Trends: Etwa mit seinen neuen Cuptails, wie er seine alkoholischen Cupcakes nennt. „Da mussten wir erst herumexperimentieren, denn der Alkohol verdampft beim Backen zu schnell.“ Nun sorgt eine kleine, mit Alkohol gefüllte Pipette dafür, dass das Mojito-Törtchen seinen Namen auch verdient: Kurz vor dem Verspeisen wird per Knopfdruck der Alkohol vom Kunden höchstpersönlich in den Teig geschleust. Schließlich liegt Selbermachen ja im Trend.

Text: Johanna Rüdiger

Foto oben: Johanna Rüdiger

Foto unten: Julia Humeniuk

 

Adressen:

Tigertörtchen Spandauer Straße 25, Mitte, Tel. 67 96 90 51,  3 Stunden 55 Euro,? www.tigertoertchen.de

Süsse werkstatt Julia Marienstraße 26, Mitte, Tel. 92 12 09 07, 30 Euro pro Person,? www.schokolade-julia.de

Fräulein Büker Stephanstraße 24, Moabit, ?Tel. 0176-48 17 31 33, 39 Euro pro Person Grundkurs, 2,5 Std., ?www.fraeulein-bueker.de

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