Zeitgenössisches Klavier

„Balladen sind mir zu schmusig“ – Gespräch mit dem Pianisten Hauschka

Volker Bertelmann alias Hauschka, Jahrgang 1966, mag es nicht, wenn man auf Nummer sicher geht. Er brach Medizin- und BWL-­Studium ab, um Musik zu machen. Berühmt wurde er Anfang des Jahrtausends mit dem präpariertem Klavier, einer Erfindung, die auf John Cage zurückgeht. Mit Tischtennisbällen und anderem Schabernak verfremdet Hauschka den Klang der Klaviersaiten, was deren perkussiven Sound forciert. Das Piano als Beat-Betreiber statt als Balladenkuschelkissen. 2017 war Hauschka mit seiner Filmmusik für „Lion“ für den Oscar nominiert. Warum spielt er jetzt mit Robotern?

Nina Ditscheid, MDR, Hauschka, Mum Jun

tip Herr Bertelmann, 1994 hatten Sie mit Ihrem Duo God’s Favorite Dog einen kleinen Hit: „Love and Pain“. Hip-Hop!
Hauschka Sobald ich Rap und Hip-Hop-Beats höre, hält mich kaum was auf dem Stuhl. Ich bin aber kein so großer Freund davon, wenn es die ganze Zeit nur um Ärsche geht. Oder um Statussymbole.

tip Welchen Hip-Hop haben Sie in den frühen 1990ern denn gehört?
Hauschka Arrested Development. Grandmaster Flash. Cypress Hill. Snoop Dogg habe ich immer ziemlich gern gehört. Auch wenn er ein so typischer Hater-Rapper ist und die Texte nicht immer die schlauesten sind. (lacht)

tip Eigentlich witzig, dass Sie, wie Piano-­Kollege Chilly Gonzales, vom Hip-Hop kommen.
Hauschka Ja, man macht ja nicht unbedingt die Musik, die man hört. Ich bin jemand, der sehr vielseitig Musik hört. Ich fühle mich da keiner Gruppe zugehörig. Es gibt ja so eine Gruppenzugehörigkeit bei den Jungs, die Heavy-Metal hören oder andere Stilistiken. Ich bin der Meinung, dass viel unterschiedliche Musik einem viele Dinge geben kann. Ich finde auch körperliche Musik super, auch gerne mal ein richtig krachiges Konzert.

tip Da Sie gerade von Gruppenzugehörigkeit sprachen: Von allen Künstlern, die langläufig in die Kiste „Neo-Klassik“ gepackt werden, kenne ich keinen, der sich damit korrekt verstanden fühlt.
Hauschka (lacht) Moment mal! Das hat vielleicht irgendwann mal angefangen, dass Leute sagten: „Ich habe keine Lust mehr, dazu zu gehören.“ Aber ich glaube schon, dass jeder dieser Musiker am Anfang… ich will nicht sagen „ganz geschmeichelt war“, aber, hm … Meiner Erkenntnis nach hat das 2000 so richtig angefangen, dass Menschen mit Klaviermusik in einem Independent-Zusammenhang Platten gemacht haben. Davor gab es nur ein paar wenige Bands, die das Etikett gar nicht hatten, aber auch schon tolle Musik gemacht hatten, wie zum Beispiel Rachel’s. Als ich 2001 anfing, waren da noch Max Richter und Jóhann Jóhannsson. Dustin O’Halloran und Sylvain Chauveau. Es gab ­vielleicht zehn Leute in der Welt, die Klavier­musik machten in einem Independent-­Zusammenhang.

tip Zehn Jahre später war das dann nicht mehr so richtig Indie.
Hauschka Irgendwann hat der „Guardian“ einen Artikel geschrieben, in dem der Begriff Neo-Klassik auftauchte. Da war dann quasi schon die nächste Generation dabei: Nils Frahm und Ólafur Arnalds. Da wurde das schon wesentlich kommerzieller. Da ging es in eine Richtung, die mir schon nicht mehr gefallen hat, weil mir das zu schmusig war. Zu viele Balladen! Da hatte ich schon gemerkt: Wenn das so weiter geht, mach’ ich das fünf Jahre und dann ist der Markt überschwemmt mit Klavierspielern, die alle auch noch irgendwie ein gewisses Aussehen haben und immer nur alles ganz toll finden. Das ist für mich nicht der Anspruch, den eine Platte haben sollte. Es geht doch darum, dass man immer weiter sucht – nach neuen Möglichkeiten, einem neuen Sound. Nach einer Art und Weise, sich auszudrücken, die auch eigenwillig ist. Ich glaube, daher kommt der Konflikt, dass die Gruppe, die da unter einen Deckmantel gepackt wird, nicht so homogen ist, dass man ihr wirklich einen Begriff geben könnte. Außerdem ist der Begriff auch noch falsch! Neo-Klassik gab es ja schon als Begriff…

tip …aus den 1920ern…
Hauschka Und dass man ihn dann noch mal nimmt, ist doch komisch. Ich bin dafür, das als zeitgenössische Klaviermusik zu betrachten.

tip Und die bekommt immer mehr Aufmerksamkeit in den letzten Jahren: Francesco Tristano, Martin Kohlstedt, Lambert, die Grandbrothers.
Hauschka Genau! Doch die Sie jetzt nennen, sind für mich welche, die versuchen, eine eigene Herangehensweise zu praktizieren. Ich bin schon der Meinung, dass ein Leben mit Musik und seinem Output auch erfordert, dass man mal ein Risiko eingeht; mit den Dingen bricht, die funktio­nieren. Eigentlich kann man immer eine schöne Piano-Ballade aufnehmen. Die Leute können sich immer wohlfühlen und einander im Arm liegen. Aber man muss auch mal mit den Dingen brechen.

tip Sie arbeiten neuerdings, seit der 2017er Platte „What If“, auch mit so genannten Player-Pianos, automatischen Roboterklavieren.
Hauschka Damit hatte ich schon länger geliebäugelt. Ich hatte mich sehr für einen Komponisten interessiert, der damit in den 1940ern gearbeitet hat: Conlon Nancarrow.

tip Igor Strawinsky tat das sogar schon während des Ersten Weltkriegs.
Hauschka Genau, mit Lochstreifen-Karten. Da gab’s ja noch kein MIDI. Ich habe mir gewünscht, das als Fortsetzung des präparierten Klaviers zu benutzen, weil mir bei der Präparation oft Hände fehlen. Ich kann nicht an den Klaviersaiten präparieren und gleichzeitig spielen. Henrik Schwarz fragte mich dann, ob wir das bei einem Konzert in Holland mal ausprobieren wollten mit einem Player-Piano. Seitdem will ich die ­Player-Pianos als meine eigene Band einsetzen. Mittlerweile habe ich 15 solcher Konzerte gespielt mit zwei Player-Pianos. Das macht unglaublich viel Spaß, weil sie so mechanisch sind. Sie haben eine sehr präzise, repetitive Form des Spiels.

tip Wie programmen Sie diese Roboter eigentlich vorab?
Hauschka Wenn man ein MIDI-fiziertes Klavier hat, kann man sie darüber direkt ansteuern. Oder man arbeitet mit dem Programm Ableton Live. Über das iPad sage ich den beiden Roboterklavieren, was sie gerade spielen sollen. Ich arbeite mit einem akustischen Instrument wie mit einem DJ-Pult.

tip Ihre Konzerte leben stark von Improvisation. Sind die sturköpfigen Roboter keine Spielverderber?
Hauschka Für jedes Stück, das ich spiele, gibt es ein sehr offenes MIDI-Raster an verschiedenen Patterns. Ich kann mir beim Spielen überlegen, wie ich eingreife: Wann setze ich die Beats ein? Wann arbeite ich nur mir einem Player-Piano? Das kann ich alles spontan bestimmen. Ich fühle mich immer sehr lebendig, wenn ich improvisiere. Die Zuschauer sehen mich richtig beim Arbeiten – und beim Schwitzen, wenn ich in eine Sackgasse geraten bin. Dann können sie erleben, wie ich wieder rauskomme. Bei einem Repertoire mit festen Stücken hingegen habe ich mich früher nach zehn, zwanzig Konzerten wie auf Autopilot gefühlt. Das passiert mir jetzt nicht mehr.

tip Inhaltlich passen die Roboter zur Platte, weil es darauf um Science-Fiction geht. Kolonien auf dem Mars.
Hauschka Genau! Ich beschäftige mich darauf mit der Angst vor der Zukunft. Mit welchen Schwierigkeiten kann man eigentlich leben? Könnte ja sein, dass für Dinge, die wir jetzt als Probleme empfinden, sich eine Lösung findet, von der wir heute noch nichts ahnen. Meine Eltern hatten Angst vor Elektronik und Computern. Das war für sie der Untergang. Mittlerweile wissen wir: Teilweise hatten sie recht, aber teilweise hatten sie auch nicht recht. Mein Erfolg wäre ohne das Internet nicht möglich gewesen. Sonst wäre ich gar nicht woanders bekannt geworden. Für die Platte habe ich keine Thesen formuliert, die Weltuntergangsstimmung prophezeien. Eher Fragen: Was meinst du? What if? Was wäre, wenn wir kein Wasser mehr finden? Das hat etwas Dystopisches …

tip … aber Sie sind ja Optimist.
Hauschka Ich bin Optimist, ja. Das kann man so sagen. Absolut. (lacht)

tip Gab es da auch Filme oder Bücher, die Sie inspirierten?
Hauschka Von „Blade Runner“ zum Beispiel bin ich ein großer Fan. Weil der eine Verbindung zwischen Technologie und Menschlichkeit hergestellt hat. Ich bin kein Freund davon, mir einen Chip in den Schädel pflanzen zu lassen und damit ganz glücklich zu sein. Mir geht es nur darum, dass die Veränderungen der Welt das Leben nicht zwangsläufig unangenehmer machen. Ich bin jedenfalls ein großer Fan von Science-Fiction und würde auch sehr gerne mal Musik für einen solchen Film schreiben.

tip Sie haben mal gesagt, Filmmusiken sind Auftragsarbeiten.
Hauschka Ich werde nicht einfach angeheuert und dann gebe ich es ab, wie ich mir das denke. Es gibt Kontroversen. Das ist voll okay, aber das ist dann nicht rein meine Musik. Wenn man in einer Gruppe arbeitet, muss man zulassen, dass jemand sagt: „So wie du das gemacht hast, klingt das überhaupt nicht.“ Filmmusik ist funktional, unterstreicht bestimmte Szenen, muss sich aber auch manchmal zurücknehmen. Sie ist ganz vielen Gesetzmäßigkeiten unterlegen, die ich bei einer eigenen Platte nicht habe.

tip Wenn man also über Instrumentalmusik sagt „das klingt ja wie Filmmusik“ – ist das ein vergiftetes Lob?
Hauschka Ich finde das wertfrei. Es gibt Filmmusik, die unglaublich toll ist, und die man auch so gerne hört. Und es gibt Platten, die sind schlecht, obwohl sie aus einer Freiheit heraus entstanden sind. Vielleicht wird die beste Platte meines Lebens mal ein Soundtrack sein.

Mehr Informationen: www.hauschka-music.com

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