Kino & Film in Berlin

Bären-Gewinner: „Mutter & Sohn“ im Kino

Mutter & Sohn

Wie eine Spinne, die sich ins Innere ihres Netzes zurückgezogen hat, steht Cornelia (Luminita Gheorghiu) in ihrer Bukarester Küche zwischen Einbauschränken. Um nachzudenken, zu sortieren, den nächsten Angriff zu planen. Eine sehnige Frau mittleren Alters, schwarze Kleidung, große Frisur, dünne Zigarette, angespannt, kampfbereit. Auch ein bisschen hilflos. Cornelias Welt ist binnen weniger Sekunden aus den Fugen geraten. Der familiäre Machtbereich, den sie bis dato ohne allzu spürbare Rebellion regierte, wird plötzlich von einer anderen Größe empfindlich gestört – dem rumänischen Rechtssystem. Grund ist Barbu (Bogdan Dumitrache), ihr 32-jähriger Sohn, der während eines Überholmanövers einen Jungen erfasst hat – ein Unfall mit fatalem Ausgang. Der Junge ist tot und Barbu gezwungen, sich zu verantworten. Dass aber gerade dieser einzige und über alle Maßen geliebte Sohn sich nun auf einer Polizeiwache befinden soll, reißt Cornelia nicht nur aus einem vergnüglichen Abend inmitten der rumänischen High Society mit Champagner und Operettengesang.
Die Festnahme des Sohnes ist ein Schock. Einer, der Cornelia zu sofortiger Reaktion zwingt. Auf mehreren Leitungen gleichzeitig wird mit Anwälten und vermeintlichen Experten telefoniert, Gelder werden freigesetzt und Strategien analysiert. Mit Barbu selbst ist noch kein einziges Wort gewechselt. Die Handlungskette läuft ab, und bis auf das Etikett „Sohn“ hat Barbu wenig zu vermelden. Was ihm möglicherweise auch ganz recht ist. Nach Cornelias Auffassung scheint der Sachverhalt indessen eindeutig: Wer sonst könnte für das Wohl des geschundenen Filius sorgen? Ein zwanghafter Reflex, der nach Auffassung von Regisseur Calin Peter Netzer weit über die rumänischen Landesgrenzen ausstrahlt: „Die Geschichte von Barbu und Cornelia, ihre Beziehung zueinander, dieses Besitzergreifende und Kontrollierende – es gibt da eine universelle Essenz, die über den zeitlichen und gesellschaftlichen Bezugsrahmen hinausgeht. Solche Verhältnisse zwischen Mutter und Sohn findet man schon in der griechischen Tragödie. Es ist lesbar und unmissverständlich und könnte so auch in Deutschland oder Italien stattfinden.“
Mutter & SohnBar jeder Spielregel wird ein klarer Tatbestand fortan verwässert, Schmiergelder fließen, Zeugenaussagen werden manipuliert. Das ausgemachte Ziel, Barbu aus den Fängen der Justiz zu befreien, entfesselt Energien, die sowohl auf Mikro- als auch Makroebene eine Emphase enthüllen, die einen immer wieder fassungslos zurücklässt, die krankhaft und gleichsam beeindruckend ist. Dabei setzt Netzer nicht auf Sensation, baut keine skurrilen Szenerien um des Effektes Willen. „Mutter & Sohn“ ist eine fast nüchterne Abfolge ineinander greifender Unternehmungen, ein Reden und Zerren und Schmieren. Dass Netzer in Zusammenarbeit mit Rвzvan Rвdulescu bei der diesjährigen 63. Berlinale mit „Mutter & Sohn“ den Goldenen Bären gewinnen konnte, ist dabei so überraschend wie naheliegend.
Der erst dritte Langfilm des rumänischen Regisseurs transkribiert komplexe Beziehungsgeflechte in eine Sprache, so präzise und eindringlich, dass man beinahe erschrickt, wie wenig Verästelungen es eigentlich braucht, um eine vielschichtige Bestandsaufnahme zu transportieren. Netzer und Rвdulescu wagen dabei einen Dreh, der sich schon im rumänischen Kino älteren Datums als nützlich erwiesen hat: Sie verlagern die Erzählperspektive auf einen Charakter, der sich nicht im direkten Zentrum des Geschehens befindet. „Mutter & Sohn“ ist nicht auf das Innenleben Barbus fixiert, konzentriert sich nicht auf seine eventuellen Schuldgefühle und Konflikte. Man nähert sich anhand einer zweiten Person, der Mutter, die durch ihre eigene Befindlichkeit die Dimension des Verkehrsunfalls auf natürliche wie konzeptuell raffinierte Weise entscheidend erweitert.
Dass „Mutter & Sohn“ nicht zuletzt in der rumänischen Oberschicht angesiedelt ist, wo Glanz und Gloria nebst Untergrund und Filz blühen, macht den Blick dabei fast spielend frei für eine Dynamik ganz anderen Ausmaßes. Und es ist gerade diese Verquickung intimer Pathologie und dem Porträt einer postkommunistischen Gesellschaft, die „Mutter & Sohn“ diesen Nachdruck verleiht, den man im Kino gerne einmal vermisst.
Ein Verdienst, dessen Ursache womöglich Netzers eigener Triebfeder entspringt: „Ich kenne Rumänien, und die gezeigten Zustände sind real. Außerdem bin ich selbst Sohn einer Mutter. Der fiktionale Moment in ‚Mutter & Sohn‘ ist wesentlich kleiner als der persönliche. Anders könnte ich keine Filme drehen.“

Text: Carolin Weidner

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte & Zeiten: „Mutter & Sohn“ im Kino in Berlin

Mutter & Sohn (Pozitia Copilului), Rumänien 2013; Regie: Calin Peter Netzer; Darsteller: Luminita Gheorghiu (Cornelia), Bogdan Dumitrache (Barbu), Ilinca Goia (Carmen); 112 Minuten; FSK 12

Kinostart: 23. Mai

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