Debattenkultur

BDS, Weinstein & Co. – Berliner Boykott-Debatten

Die Boykott-Debatte um die Israel-kritische BDS-Kampagne treibt die Berliner Kulturszene um. In der Volksbühne wird sie jetzt weitergeführt. Zeit wird es. Denn auch der Weinstein-Skandal hat die Frage befeuert: Können Boykotte legitim sein?

Maxcam/ Fotolia/ flickr/ Public Domain

Es war einer der Aufreger in der Berliner Kulturszene in diesem Sommer: Der Boykott gegen das Pop-Kultur-Festival in der Kulturbrauerei. Insgesamt acht Acts, darunter arabische, finnische und britische Bands und Referentinnen, sagten Ende August ihre Auftritte ab. Das weltweit agierende Bündnis „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS), das den Staat Israel wirtschaftlich und politisch isolieren will, hatte alle teilnehmenden Künstler dazu aufgerufen, der Veranstaltung fernzubleiben – weil die israelische Botschaft Reisekostenzuschüsse in Höhe von insgesamt 500 Euro beisteuerte.

Die BDS-Aktivisten sind im kulturellen Sektor die Hardliner ihrer Art. Sie scheuen nicht davor zurück, Fake News – dem Pop-Kultur-Festival warfen sie vor, sich inhaltlich lenken zu lassen – oder historisch haarsträubende Vergleiche – Israel als Apartheidsregime – herbeizuziehen.

Die Causa Pop-Kultur sollte in Berlin noch eine Fortsetzung finden. Als Kate Tempest, die auch zu den Israelboykotteurinnen zählt, im Oktober auf der temporären Volksbühnen-Spielstätte am Tempelhofer Feld auftreten sollte, sagte sie ab – weil sie bedroht worden sei. Der Musikkurator der Volksbühne, Christian Morin, ist auch Teil des Pop-Kultur-Kuratorenteams.

„Boykott der Boykotteure?“ ist nun folgerichtig der Titel der Veranstaltung, bei der Morin mit Publikum und Gästen im Roten Salon über das ganze Schlamassel nachsinnen will. Eine Debatte, die überfällig ist. Denn Boykottaufrufe sind inzwischen fast an der Tagesordnung, wenn Themen stark polarisieren und in irgendeiner Weise die Kultur berühren.

Auch in anderen Zusammenhängen: So wurden zuletzt Forderungen laut, die Filme des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein und des Schauspielers Kevin Spacey zu boykottieren, nachdem die Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen sie an die Öffentlichkeit gekommen waren. Oder, ganz andere Baustelle: Die Rechtsrockband

Frei.Wild war 2014 für den Musikpreis Echo nominiert. Daraufhin boykottierte die linke Band Jennifer Rostock die Veranstaltung – ehe Frei.Wild ihrerseits absagten, weil sie im Vorjahr ausgeladen worden waren.
Der Vorteil, wenn an sich diese völlig unterschiedlich gelagerten Fälle anschaut: Man kann differenzieren. Es ist etwas anderes, wenn eine eigentlich rein politische Agenda auf das Feld des Kulturellen verschoben wird, wenn sich der Boykott gegen einzelne Akteure aus einer Kulturbranche richtet – oder wenn er kulturelle Inhalte direkt betrifft.

Im Fall der BDS-Kampagne geht es so gut wie nie – oder nur vorgeschoben – um kulturelle Inhalte. Um den Staat Israel für seine Besatzungs- und Siedlungspolitik abzustrafen, nutzt man verschiedene Felder – wirtschaftliche, politische, kulturelle.

BDS-Unterstützer wie Roger Waters und Brian Eno setzen regelmäßig andere Künstler wie zum Beispiel Radiohead oder Nick Cave unter Druck und fordern sie auf, ihre Auftritte in Israel abzusagen. Radiohead reagierten, indem sie im Juli in Tel Aviv mal eben den längsten Auftritt seit Jahren hinlegten. Auch Nick Cave trat kürzlich in der israelischen Metropole auf und sagte zuvor in einer Pressekonferenz: „Ich kann nicht akzeptieren, dass Künstler zensiert und mundtot gemacht werden.“

Wie legitim oder illegitim die BDS-Aufrufe sind? Nun, wenn man weiß, wie viele Aktivisten in deren Reihen das Existenzrecht Israels in Frage stellen oder ein entspanntes Verhältnis zu den Terroristen der Hamas pflegen; wenn man zudem weiß, dass im Namen dieses Bündnisses, wie im Juni an der Berliner Humboldt-Universität geschehen, eine Veranstaltung mit einer Holocaust-Überlebenden gestört wurde, dann delegitimiert sich BDS im Prinzip selbst. Dass die BDS-Kampagne in Berlin dauerhaft auf fruchtbaren Boden stoßen wird, ist unwahrscheinlich: Viele Konzertveranstalter finden die Methoden der Initiative unerträglich. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller kündigte ein zukünftig schärferes Vorgehen gegen BDS an.
Die Boykottaufrufe in Folge der #metoo-Debatte haben eine völlig andere Dimension. Hier geht es um das individuelle, strafrechtlich durchaus relevante Fehlverhalten Einzelner in ihrem Berufsfeld, das man sanktionieren will, indem man die Produkte, die mit ihrer Beteiligung entstanden sind, nicht kauft –Konsumboykott im klassischen Sinne. Stütze ich das System Weinstein, indem ich zum Beispiel den von ihm produzierten Film „Gangs of New York“ im Kino schaue? Will ich, dass Kevin Spacey Geld macht, indem ich „House Of Cards“-DVDs kaufe?

Richtig spannend wird es, wenn Boykotte kulturelle Inhalte selbst betreffen. Wenn es zum Beispiel um völkische Songinhalte von Frei.Wild oder um homophobe Textzeilen von Bushido geht. Als denkender Mensch boykottiert man sie rein wirtschaftlich vielleicht ohnehin, indem man nichts von ihnen kauft. Wann aber ist der Punkt erreicht, an dem Veranstalter, Radiostationen, Institutionen, Labels, Verleihe, Kulturakteure bestimmte Kulturprodukte boykottieren müssen?

Das sind Fragen, die die Kunstfreiheit betreffen und die weitaus schwerer zu beantworten sind. Die Qualität solcher Boykottaufrufe ist allein deshalb eine ganz andere, weil es in diesen Fällen darum geht, wie man künstlerische Inhalte – Fiktionen also – und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft bewerten muss.
Sich pauschal gegen Boykotte in der Kultur auszusprechen – zum Beispiel mit dem Argument, Kultur verbinde Menschen und baue Brücken – funktioniert nicht, weil Kultur – siehe Frei.Wild, siehe Bushido – auch oft genug Brücken abreißt und Menschen voneinander trennt. Wogegen Kultur sich verwehren sollte: Als Kampfplatz für Auseinandersetzungen herzuhalten, bei denen es keinen direkten Zusammenhang zu Produktionen und Inhalten gibt.

Boykott der Boykotteure? Diskussion im Rahmen der neuen Debattenreihe der Volksbühne, „Popkultur & Identität“, Roter Salon der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Di 5.12., 20 Uhr, Eintritt: 8 €

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