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Behemoth-Sänger und Black-Metal-Superstar Nergal: „Polen braucht mich“

Die polnische Black-Metal-Formation Behemoth zählt weltweit zu den wichtigsten Bands des Genres. Ein Gespräch mit Frontmann Nergal über die katholische Kirche, politische Zensur, Ironie, finanzielle Unabhängigkeit und – natürlich – den guten alten Kumpel Satan

Behemoth, Foto: Grzegorz Gołębiowski

tip Nergal, Ihre Band Behemoth ist seit bald 30 Jahren nicht aus der Black-Metal-­Szene wegzudenken. Wie erklären Sie einem Laien, was Black Metal ist?
Nergal Black Metal ist eine der extremsten Formen des Rock’n’Roll, ­inhaltlich geht es dabei um ernste, düstere Themen. Dinge wie Eschatologie, Magie, ­Okkultismus und ­Horror.

tip Wie sind Sie dazu gekommen?
Nergal Bevor es mit Behemoth losging, habe ich in den 1980er-Jahren eine relativ normale musikalische Sozialisation durchgemacht. Es ging mit Rock los, dann hat mir mein älterer Bruder die ersten Hard-Rock- und Heavy-Metal-Platten vorgespielt und von da an ging es weiter. Ich wollte es immer lauter, schneller, härter, bis ich beim Black Metal angekommen bin.

tip Wie hat sich Black Metal stilistisch ent­wickelt?
Nergal Es gibt eine zweispurige Entwicklung. Auf der einen Seite wollen die Puristen, dass sich überhaupt nichts verändert. Daran ist nichts Falsches, es ist ehrlich und gut und hat ­seine Berechtigung. Auf der anderen Seite sind die experimentierfreudigen Bands, die über Genregrenzen schauen und Death Metal mit Jazz oder Elektronik verschmelzen. Ich muss zum Beispiel an das Schweizer Musikprojekt Zeal & Ardor denken, bei dem Death Metal und Gospel zusammenkommen.

tip Auf welcher Seite stehen Sie?
Nergal Mit Behemoth eher auf der progressiven, suchenden Seite, aber wir bleiben zugleich dem Kanon treu. Wir haben eine eigene Formel, wagen uns aber auch auf ziemlich bizarre Abwege. So hält es sich die Waage.

tip Reflektieren Sie diese musikalischen Entwicklungen auf ihrem neuen Album „I ­Loved You At Your Darkest“?
Nergal Schon der Titel kann in der Szene kontrovers aufgefasst werden. Weil er sich auf die Bibel und Jesus Christus bezieht (Römer 5.8). Musikalisch schöpfen wir stellenweise aus Punk, Gothic und Progressive Rock. Obwohl ich kein großer Fan dieser Stilrichtungen bin, finden sie sich doch bei uns wieder. Das ist ein Auffrischungsprozess.

tip Welche Themen haben Sie inhaltlich interessiert?
Nergal Mich hat schon immer die conditio humana interessiert, vor allem die dunklen Aspekte des Menschseins. Weil die Dunkelheit einfach interessanter ist. Ich erkenne in ihr archetypische Bilder, die von der Tradition aus der ich herkomme, also dem Christentum, verdrängt werden. Ich denke an Luzifer, an Satan. Wobei mich diese Figuren auf eine miltonsche Art faszinieren. John Milton hat in seinem Epos „Das verlorene Paradies“ den Teufel auf eine sehr metaphorische, literarische Art beschrieben. Das ist mein Leitmotiv. Indem ich mich mit dem Satan auseinandersetze, erkenne ich die Verbindungen zum Menschen. Diese dämonisierten Archetypen sind nur Spiegelungen unserer eigenen dunklen Leidenschaften und keine Teufel. Wenn es überhaupt Dämonen gibt dann sind sie in uns drin.

tip Sie sagen, es ist die Kultur, aus der Sie kommen, die diese Figuren dämonisiert. Also das katholische Polen. Ist Ihr Werk eine Kritik der katholischen Kirche in Ihrer Heimat?
Nergal Natürlich! Wobei nicht nur der polnischen –auch wenn die Kirche dort besonders unangenehm und korrumpiert ist. Ich kann ja sogar einer Person wie Papst Franziskus Positives abgewinnen, man muss ja nicht alles in die Tonne hauen. Aber die katholische Kirche ­Polens ist wirklich widerlich, was die Tatsache nicht ausschließt, dass es auch dort kluge ­Köpfe gibt. Der Priester Adam Boniecki hat mich zum Beispiel verteidigt und wird dafür zensiert. In Polen bin ich für die Kirche so etwas wie der Feind Nummer Eins.

tip-Autor Jacek Slaski und der ungeschminkte Nergal

tip Wie gehen Sie damit um?
Nergal Das stört mich nicht. Ich schlafe gut. Ich verberge auch nicht, dass ich diese Tatsache monetarisiere. Es gibt Leute, die sagen: „Ohne die Kirche würdest du nicht existieren.“ Das stimmt, nur ohne die Kirche würden wir Wein saufen und Orgien feiern und fröhlich im Hellenismus leben. Die wahre europäische Tradition begann schließlich im antiken Griechenland und nicht im verfickten Rom. Aber weil es nun einmal das Christentum gibt und ich in Polen geboren wurde, beschäftige ich mich damit. Es ist in mir drin, ich habe es mir nicht ausgesucht.

tip Das nationalkonservative PiS-Regime hat eine unheilige Allianz mit der Kirche geschmiedet. Nicht nur die Kirche, sondern auch die Politik dürfte sie kritisch sehen. Ist es in Polen mittlerweile nicht zu gefährlich für Sie persönlich?
Nergal Ich stehe im Visier. Wir dürfen regelmäßig irgendwo nicht auftreten, weil wir angeblich den Satanismus verbreiten. Ständig muss ich mich verantworten, habe mehrere Gerichtsverfahren am laufen. Zwei große konnte ich glücklicherweise gewinnen. Seit die PiS an der Macht ist, haben sich die Probleme verstärkt. Die Situation ist absurd, ein totaler Rückschritt.

tip Haben Sie daran gedacht, das Land zu verlassen?
Nergal Auf keinen Fall für immer. Jetzt wohne ich in Warschau und in Sopot, aber vielleicht suche ich mir mal einen weiteren Wohnsitz irgendwo im Warmen, wo niemand was von Jesus gehört hat. Dennoch bin ich Pole und will in Polen leben. Das mag jetzt arrogant klingen, aber ich glaube, Polen braucht mich. Vor allem das heutige Polen. Idioten, die nicht nachdenken, gibt es dort genug. Leute, die nachdenken, die für ihre Meinung aufstehen, sind eher selten. Irgendwann wird aber auch dieses Regime vorübergehen und dann wird es politisch wieder sonniger aussehen. Ich bin erst 41 Jahre alt, ich habe Zeit.

tip Nergal ist ein Optimist?
Nergal Absolut. Ein unverbesserlicher Optimist! Und nicht nur das, ich bin auch ein sehr positiver Mensch.

tip Interessant. Weil Death Metal sehr angespannt und ernst daherkommt. Spielen für Sie Humor und Ironie eine Rolle?
Nergal Für mich persönlich ja. Total. Ich kann mich auch wie ein Narr oder ein Idiot verhalten, weil das Teil meiner Freiheit ist. Ich will kein ­Sklave eines eigenen Selbstbildes sein und immer düster dreinschauen müssen. Wenn ich aber in meinen Tempel hineingehe, also auf die Bühne, dann ist das ein Ritual. Für manche ist das Unterhaltung, aber für uns sind die Konzerte eine sehr ernste Angelegenheit. Jenseits der Bühne erlaube ich mir dafür sehr viel Lockerheit. Niemand hat nur ein Gesicht.

tip Oder nur einen Job. Stimmt es, dass Sie in Polen einige Frisörsalons betreiben?
Nergal Barber Shops! Vier sind es, drei in Warschau und einer in Danzig. Eine Freundin hat mich auf die Idee gebracht, und es ist eine Gold­grube. Mir ist eigentlich egal, wieviel ich mit Behemoth verdiene. Obwohl es da auch ganz ordentlich läuft. Aber durch die Barber Shops bin ich finanziell unabhängig und die Musik wird dadurch nicht von Geldfragen bestimmt. Das ist Freiheit.

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