Stadtpolitik

BER-Parkplätze – Nichts geht mehr

Am BER parken tausende VWs. Sie haben Abgastests noch nicht bestanden – und sollen nun Berlins größte Baustelle beleben. Besuch an einem Ort, der das Ende des Mythos von der deutschen Ingenieurs-Nation symbolisiert

imago/Bernd Friedel

Die Autobahn, die zum großen Stillstand führt, ist ausgestorben. Über ihren Asphalt spannt sich ein grauer Horizont, der von Zivilisations-Splittern unterlegt ist, von Empfangshallen und Terminals, von Lagerhäusern und Garagen. Die Fahrbahnen fächern sich in Zubringer zu den Bauten des BER auf, jenem Politikum, das ins Niemandsland zwischen Berlin-Schönefeld und brandenburgischen Dörfern wie Schulzendorf und Waltersdorf gestampft worden ist.

Neuerdings gibt es einen Grund, dieses gespenstische Entree zu passieren. Der Großflughafen, noch immer eine Baustelle, ist im 13. Jahr seit dem ersten Spatenstich ein Schauplatz für den Verkehr.

Auf dem Areal des Milliardengrabs: keine Boeing, die außerplanmäßig nach New York abhebt, auch kein Airbus, der Tokyo ansteuert. Nicht einmal eine Fokker, die nach Bad Oeynhausen fliegt. Stattdessen stehen dort Blechkisten aus Wolfsburg, etwa 8.000.
Die Autos symbolisieren die Dekadenzphase von VW. Sie parken dort, weil die Modelle noch nicht den neuen Abgastest bestanden haben, den die EU eingeführt hat, ein Verfahren namens ELPT. Die Techniker des Konzerns laborieren zu arg an den Folgen des Diesel-Skandals – sie müssen zum Beispiel zurückgerufenen Fahrzeugen eine Software verpassen, die nicht betrügerisch ist. Eine Akkordarbeit, die keine Zeit für weitere Öko-Maßnahmen zu erübrigen scheint.

Daher mehren sich die Flotten, die nicht zu Verkaufshäusern ausgeliefert werden dürfen – und Wagen, die in den VW-Werken keinen Platz mehr finden, werden in angemietete Depots auf dem BER-Gelände verfrachtet, jenem Freiluft-Theater, das Pleiten, Pech und Pannen aufführt.

Wer nach einer Zutrittserlaubnis fragt, wird in ein Ping-Pong-Spiel verwickelt – jedenfalls als Journalist. Der BER-Pressesprecher verweist zum Medienteam von VW. In deren Zentrale erteilen die Mitarbeiter den BER-Leuten die Zuständigkeit. „Comedy“, frotzelt in Berlin der Angestellte für Öffentlichkeitsarbeit.

Also schleicht man auf eigene Faust in die Parkhäuser. Das Security-Häuschen auf dem Vorplatz ist verwaist, an der Einfahrt kündet nur ein Plastiktisch von Sicherheitsleuten, darauf eine Wasserflasche und ein Rucksack. Mutig, zumal der Gegenwert der Ingenieursarbeit hinter der Pforte so hoch ist wie die Handelsbilanz eines Kleinstaats – auch wenn ihm noch die Gutachten fehlen.
Im Halbdunkel erblickt man sie, unzählige VWs, ob Otto- oder Dieselmotor. Von Polo bis Passat, von Golf bis Tijuan, jeweils umhüllt von Planen – in Parkhäusern, die einmal den SUVs der Fluggäste eine Bleibe bieten sollten. Mumien, deren Sarkophag ein dysfunktionaler Airport ist. An den Fensterscheiben kleben Seriennummern, dazu Einlieferungstermine.

Hinter einer Wand schießt nun doch ein Security-Mann hervor. „Was machen Sie hier?“, fragt er, ein Schatten in Funk­tions­jacke, der nur seinen Job macht. Er ruft Kollegen herbei, die irgendwo konspirierten, vielleicht auch nur Mittagspause gehalten haben, zum Beispiel in dem fensterlosen Wellblech-Container, dessen Umrisse sich zwischen den Stelen des Parkhauses abzeichnen. Einer telefoniert nun mit „der Sicherheitsabteilung von VW“, wie mitgeteilt wird. Schließlich ein kurzes Nicken, der Streifzug ist jetzt abgesegnet.

Der ermutigte Gast knipst ein paar Fotos mit dem Handy. Verwackelt und ohne Mitte, wie Arbeitsproben eines Wirtschaftsspions, der ein Betriebsgeheimnis festhalten und dabei keine Zeit verlieren wollte. Das Gewese eines Reporters, der trotz allem ein Abenteuer erleben möchte.

Als man später das Gelände verlässt, weht von der leblosen Ankunftshalle des Flughafens eine Lautsprecher-Stimme herüber: „Achtung, Achtung, wichtige Durchsage! Bitte verlassen Sie sofort das Gelände! Nutzen Sie die Fluchtwege!“ Das phonstarke Intermezzo: rätselhaft. Vielleicht eine Katastrophenübung ohne Probanden, vielleicht ein Klangtest.
Das Ergebnis ist eine Endzeitstimmung wie in einem Science-Fiction-Film, dessen Prophetien heute retro wirken, man denkt an „The Day After“ oder so etwas. Malereien einer Zukunft, die schon wieder vergangen ist. So wie der Flughafen, der zum Baudenkmal wurde, bevor dort je Jets starteten. Oder die Autos, deren Konstrukteure glaubten, aus chromblitzenden Auspuff-Rohren giftige Abgase strömen zu lassen, ohne Grenze, ohne Scham. Bis sie entlarvt waren. Und ihre Technologie zur Ausschuss-Ware geriet.

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