Geschichte

„Berlin 1937. Im Schatten von Morgen“ im Märkischen Museum

Im Schatten des Schreckens: Das Märkische Museum zeigt mit „Berlin 1937. Im Schatten von Morgen“ den Alltag in der NS-Diktatur

© Stiftung Stadtmuseum Berlin/ Oliver Ziebe

Ein Park in Berlin, die Sonne scheint und Menschen machen dort im Jahr 1937, was sie bis heute noch immer dort machen: Mit ihren Kindern spielen, in der Sonne liegen, picknicken. Allerdings waren diese Alltagsvergnügen nicht mehr jedem Berliner möglich. Der Begleittext dieser Filmsequenz zu Beginn der Ausstellung „Berlin 1937. Im Schatten von Morgen“ macht klar, dass die Nazis in dieser Zeit begonnen hatten, in den Parks Bänke und einzelne Wiesen mit „Für Juden verboten“-Schildern zu markieren.

Waren diese Schilder im Strandbad Wannsee wegen der Olympischen Spiele und der zu erwartenden internationalen Besucher 1936 wieder entfernt worden, sickerte jetzt, ein Jahr später, langsam aber unaufhaltsam der in Verordnungen gegossene Hass des Regimes gegen die jüdischen Mitbürger in viele Lebensbereiche ein. Dass parallel dazu viele Berliner einen relativ normalen Alltag weiterleben konnten und dies auch taten, mit Besuchen von Avus-Autorennen, beim Weinabend im Haus Vaterland oder eben bei erholsamen Parkbesuchen, ist eine dieser schwer zu erfassenden Gleichzeitigkeiten in der Geschichte.

„Doppelgesichtigkeit des Alltags“ nennt Gernot Schaulinski, Kurator der Ausstellung, diese Phase, und zeigt genau das anhand von 50 Alltagsgegenständen in einem klug konzipierten Rundgang, den er in Bereiche wie Stadtbilder, Lebensbereiche, Schauflächen, Angsträume und Geschichtsfelder unterteilt hat.

Unter den Exponaten sind sehr eindeutige, wie SA-Hemden oder auch der große historische ,„Stürmer“-Schaukasten, der geballt die ganze Perfidie des Hetzblattes präsentiert. Und die Olympia-Schreibmaschine deren „5“-Taste zusätzlich mit einer SS-Rune belegt wurde. Etwas subtiler, aber wahrscheinlich damals noch wirkungsvoller, ist der Lautsprecher, die perfekte Nazi-Propaganda–Maschine dieser Zeit. In weiten Teilen der Stadt aufgestellt, vor allem entlang der großen Versammlungsorte, schepperten die Lautsprecher die Propaganda unaufhörlich in die Ohren der Bevölkerung.

Aber es gibt in dieser Ausstellung auch in harmlosen Dingen wie der normalen Werbung viel zu entdecken, vor allem wenn diese ausschließlich von Frauen des „nordisch-germanischen Typs“ präsentiert wird. Dass die ­Damen immer öfter sogenannte Kunstseide aus heimischer Produktion anpreisen mussten, weil die Devisen für ausländische Rohstoffe in der Rüstung gebraucht wurden, waren nur die ersten harmlosen Vorboten auf das, was der ganzen Bevölkerung kurze Zeit später an Mangel bevorstehen sollte. Andere, direktere Vorboten dieses Unheils, wie eine große Luftschutzübung, sind in sensationell guten Filmaufnahmen zu sehen. Überhaupt sind alle gezeigten historischen Filme aus dem Berliner Alltag so erschreckend real, dass sich der Besucher schon mal verlieren kann, wenn er fast live in der Tram zum ­Alexanderplatz mitfährt.

Dass das Märkische Museum dem Besucher einfach mal zutraut, nicht in diesen Bildern abzutauchen, sondern selbstständig hinter der gelebten Großstadtnormalität die Abgründe zu sehen und zu finden, ist dabei völlig richtig. Man merkt dieser Ausstellung an, dass Direktor Paul Spies das Profil des Hauses in Richtung zeitgemäßes Museum geschärft hat.

Berlin 1937. Im Schatten von Morgen Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte, Di–So 10–18 Uhr, verlängert bis 25.2.

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