Kunst und Museen in Berlin

Berlin Art Week 2016: Projekträume

Experimentierfelder: project spaces sind der Motor einer lebendigen Kunstszene. Dort gibt es die Freiräume jenseits des Marktes, in denen neue künstlerische Positionen entstehen können. 20 der meist von Künstlern geführten Orte sind Teil der Berlin Art Week. Denn von der Zusammenarbeit der jungen Wilden und der etablierten Institutionen profitieren beide Seiten

Manière Noire
„Boxes“, Daniela Friebel, installation in Manière Noire, July 2016

Wagner, Alberich, die Rheintöchter und sehr viel Bauschutt treten in Madeline Stillwells Performance-Video „Prelude to never loving again“ auf. Die Rollen hat die amerikanische Künstlerin alle selbst übernommen. Während sie sich also auf einem Bildschirm in den Räumen des Neuköllner Projektraums Centrum in Schmutz und Schutt der Berliner Baustellen dreht, windet und suhlt,  trinkt man vor der Tür Bier und quatscht. Ständig kommen neue Gäste, andere gehen. Diese Mischung aus Kunst, Diskussion und vor allem der Leidenschaft für die Kunst jenseits von Marktstrukturen ist es, was alle Projektraummacher und das Publikum antreibt.

„Das Centrum wurde damals sozusagen vererbt“, scherzt Mareike Spendel. Sie hat den Projektraum 2014 von zwei englischen Künstlern übernommen und betreibt ihn momentan gemeinsam mit Valeska Hageney und Na­talie Weiland. Ein Ort mit interessanter Geschichte, die auch schon mal von Künstlern konzeptuell aufgegriffen wird. „Hier wurden mal Hunde gezüchtet, später waren die Räume Teil eines Bordells, seit 2009 werden Ausstellungen gemacht“, erklärt Mareike Spendel. „Im Moment wechseln wir uns mit der Realisierung der Projekte ab, auch wegen der zeitaufwendigen Organisation.“ Zur
Finanzierung (inzwischen wirklich ein zentraler Punkt in vielen Gesprächen mit Projektraumbetreibern) vermieten sie einen Raum als Atelier unter, in einem anderen Raum befindet sich ein kleiner Co-Working Space.

Berliner Projekträume wie das Centrum stehen nun schon seit ein paar Jahren verstärkt im Fokus, wenn es um Berlins Kunstszene geht. Erst entdeckte der Senat diese häufig auf Modellen der Selbstausbeutung fußenden Kunsträume jenseits von Markt und kommerziellen Interessen und schuf als eine Form der Förderung den „Preis für Projekträume und künstlerische Initiativen“, dann wurden Projekträume auch offiziell Teil der Berlin Art Week, erst in Form einer kuratierten Sektion, später mit den jeweiligen Preisträgern.
Hinzu kommt das in diesem Jahr zum dritten Mal ausgetragene Project Space Festival, das zur Vernetzung zwischen den Etablierten und den in Projekträumen Experimentierenden beiträgt. Und dann im Oktober der letzten Jahres der ganz große Knaller: Bonaventure Ndikung, der Gründer und künstlerische Leiter des Berliner Projektraums Savvy Contemporary und inzwischen auch international höchst umtriebiger Kurator, wurde von Adam Szymczyk zum „Curator at large“ der Documenta 14 berufen. Es scheint, als wären die früher ein wenig despektierlich „Off Spaces“ genannten Projekträume im Herzen der Kunstwelt angekommen.

Lange genug hat es auch gedauert, schaut man doch gerade in Berlin auf eine lange Tradition zurück, angefangen mit der 1964 gegründeten, legendären Produzentengalerie „Großgörschen 36“, zu der unter anderem Markus Lüpertz und Karl Horst Hödicke gehörten. Die 1990er, in denen der sich selbst erfüllende Mythos von Berlin als Kunststadt so richtig in die Gänge gekommen ist, werden heute oft ein wenig schwärmerisch verklärt. Und während es in den Nachwendejahren bis 2000 chaotisch und anarchisch zuging und es garantiert nicht ums Geld ging, agiert die aus dieser Zeit erwachsene Projektraumszene heute zumeist weitaus professioneller.
Gerade viele der Neugründungen der letzten Jahre – von Savvy über das ZK/U in Moabit bis zum beinahe schon bourgeoisen Import Projects – haben klare Konzepte, bringen schon Kontakte zur Kunstwelt mit in die Neugründungen hinein und haben die organisatorischen Voraussetzungen, auch komplexere Förder- und Finanzierungsstrategien zu verfolgen.

Natürlich hat das auch seine Schattenseiten. Die wilde Energie und das fast schon hemmungslose Experimentieren an den Schnittstellen von Kunst, Party, sozialem Raum und subkulturellen Kontexten nimmt im Umfeld steigender Mieten und häufig schwieriger Förderstrukturen deutlich ab. Dennoch bleiben die Projekträume mit ihren Freiheiten jenseits von Markt und Institutionen das Herzstück der Berliner Kunstlandschaft. In ihnen wird mit neuen Formaten experimentiert, hier werden Künstler entdeckt und teilweise in atemberaubender Geschwindigkeit hochwertige Ausstellungen produziert, um die man Berlin im nationalen wie internationalen Vergleich nur beneiden kann.

Auch außerhalb des doch recht engen Zirkels der Kunstszene ist die Sichtbarkeit der Projekträume in letzter Zeit deutlich gestiegen. Neben dem Projekträumepreis und der Berlin Art Week ist das bereits erwähnte Project Space Festival, das im August jeden Tag einem Projektraum eine Bühne geboten hatte und von dem auch Stillwells Performance-Video ein Teil war, kein unwichtiger Faktor. Neu war in diesem Jahr, dass auch Projekträume aus anderen Städten, wie Tokonoma aus Kassel, eingeladen wurden.  „Wir wollen den Dialog zwischen den Projekten auch in verschiedenen Städten fördern“, erklärt Heiko Pfreundt, der in diesem Jahr zusammen mit Marie-José Ourtilane die künstlerische Leitung des Festivals übernommen hat und selbst einer der Betreiber des Projektraumes Kreuzberg Pavillon ist. „Und wir tragen der Tatsache Rechnung, dass es immer mehr sozusagen nomadische Räume gibt, die nicht ortsgebunden funktionieren und auch städte- und länderübergreifend Projekte realisieren.“

Comedy Club 1 (Installationsansicht) Foto: Jens Einhorn Künstler (vlnr): Erik Larsson, Lin May Saeed, Sofia Restorp, Santiago Taccetti
Comedy Club 1 (Installationsansicht) Foto: Jens Einhorn Künstler (vlnr): Erik Larsson, Lin May Saeed, Sofia Restorp, Santiago Taccetti

Nomadisch, das ist so ein Modewort in der Projektraumszene. Meist wird es für Projekte genutzt, die konzeptuell auf einen eigenen Raum verzichten. Oft spielt aber auch die Abwägung von Kosten und Nutzen eines festen und also fest angemieteten Raumes mit hinein. Die Freiräume, auch in Berlin (von Hamburg oder München muss man gar nicht reden), werden immer beschränkter, und steigende Mieten lassen das Betreiben eines Projektraumes eben auch zu einer finanziell nicht immer ganz einfachen Angelegenheit werden. Andererseits bietet die nomadische Idee, also Ausstellungen in jeweils anderen Räumen zu entwickeln, auch Chancen.
Ein ganz neuer nomadischer „Raum“ ist der Comedy Club, der beim Project Space Festival gerade erst seine zweite Ausstellung realisiert hat. Die drei Initiatoren, Anne Fellner, Jens Einhorn und Bernhard Buschkow bezeichnen den Comedy Club dann auch eher als Initiative oder Ausstellungsreihe. „Die erste Ausstellung des Comedy Club war auf einem Dachboden“, erzählen Fellner und Buschkow. „Der Raum hat uns gerade wegen seiner Ungewöhnlichkeit gefallen. Da gab es kein elektrisches Licht, mit dem Wechseln des Wetters hat sich auch die Ausstellung komplett verändert, die schon vorhandenen Graffiti an den Wänden haben den Raum zudem zu so etwas wie einem Anti White Cube gemacht. Dieses Performative, auch an einem Raum selbst, finden wir besonders spannend.“  Vielleicht zieht bald schon das nächste Projekt nicht nur weg aus Berlin, sondern gleich nach Oslo.

Der zweite wichtige Faktor, der Aufmerksamkeit auf die Projektraumszene lenkt, ist der schon angesprochene Projektraumpreis, der zeitgleich zur Art Week vergeben wird. Die in diesem Jahr so ausgezeichneten 20 Räume, die sich über  je immerhin 30.000 Euro freuen dürfen, sind auch Teil des offiziellen Art Week Programms. Zentraler Tag ist der 16. September mit besonderen Veranstaltungen in fast allen ausgezeichneten Räumen und am Abend einer Podiumsdiskussion, der Preisverleihung samt anschließender Party in der Bar Babette unter dem Motto „Freedom of Space“.

Der Preis ist in der Projektraumszene allerdings höchst umstritten. Zum einen nimmt sich die Stadt so aus der Pflicht, über eine sinnvolle Grundförderung für Projekträume nachzudenken. Zum anderen stößt das Eventhafte und Leistungsbezogene, das bei einem „Preis“ definitiv mitschwingt, vielen der sich als egalitär verstehenden Projekte sauer auf. Aber auch die Zahlen zeigen das Problematische an dieser Form der Förderung, sind doch allein beim Netzwerk freier Projekträume und Initiativen, so etwas wie dem Lobbyverband der freien Kunstszene, 125 Projekte „offiziell“ gelistet. Dazu kommt die extreme Bandbreite der Projekte. Sind die Konzepte und Ideen hinter diesen doch mitunter derart unterschiedlich, dass man eigentlich kaum ein Bewertungssystem finden kann. Der mit Geld und einem Raum in prominentester Lage ausgestattete Schinkel Pavillon, der auch mal internationale Kunststars wie Isa Genzken ausstellt, lässt sich einfach schwer mit einem Projektraum wie „Stay Hungry“ in Neukölln vergleichen, der von zwei Künstlern im Nebenraum einer Wohnung betrieben wird und nicht einmal auf oben genannter Liste auftaucht.

Hinzu kommt, dass der Projektraum Apartment in diesem Jahr den Preis zum zweiten Mal bekommen hat. An sich unproblematisch, sollte die Auszeichnung nicht zu einer Grundförderung für einige als besonders „wertvoll“ erachtete Räume mutieren.
Beim Netzwerk arbeitet man daher auch daran, neue Ideen für eine nachhaltige Förderstruktur zu entwickeln. Ein erster Erfolg ist der spartenübergreifende Projektmittelfonds aus der City Tax mit einem Budget von immerhin 2,7 Millionen Euro, mit dessen Geld auch Miet- und Personalkosten bezahlt werden dürfen und um dessen Aufstockung von Seiten der Freien Szene hart gerungen wird. Ein zweiter ist ein neu aufgelegtes Raumprogramm, durch das Räume in städtischen Immobilien mit subventionierten Mieten als Orte für Projekträume ausgeschrieben werden können.

Auf Phänomene und Trends in der Kunstwelt reagieren Projekträume mitunter sehr viel schneller – oder bilden gleich die Avantgarde. So macht sich seit einigen Jahren weltweit die Verbindung von bildender Kunst mit Wortkunst und Sprache im weitesten Sinne bemerkbar, dem sich in Berlin der in Moabit ansässige Raum Manière Noire und das Bureau BDP in Neukölln schon seit Jahren widmen. Manière Noire nimmt am 17. September konsequenterweise am Hoffest der Poesie in der dann frisch in „Haus für Poesie“ umbenannten Literaturwerkstatt teil – und schafft so eine interessante Kollaboration zwischen den meist nebeneinander her existierenden Welten von Kunst und Literatur.

Ausstellung: SCHALLMAUER, 2014 Credit photo courtesy of Paula G. Vidal
Ausstellung: LAGE EGAL – SCHALLMAUER, 2014 Credit photo courtesy of Paula G. Vidal

Das in den Verlagsräumen von Broken Dimanche Press ansässige Bureau BDP beschäftigt sich schon seit 2010 mit dem Ausstellen von Literatur und ist einer der diesjährigen Projektraum-Preisträger. „Wir waren überrascht und fühlen uns sehr geehrt. Wir haben wirklich nicht damit gerechnet“, sagt der amerikanische Schriftsteller John Holten, der gemeinsam mit Ida Bencke den Verlag leitet. Zur Art Week werden sie kreuz und quer durch die Stadt Poster mit kurzen Texten in mehreren Sprachen aufhängen, die sich zusammen zu einer kurzen Erzählung mit dem Titel „Und wenn die Panik ausbricht, wird dir die Stadt ihre Anteilnahme erweisen“ zusammenfinden.
Ein weiterer Preisträger ist der von Pierre Granoux betriebene Projektraum LAGE EGAL. Der wird zur Art Week in einen der ungewöhnlichsten Buchläden der Stadt verwandelt. Auch was Granoux mit dem Preisgeld anstellt, steht zum Teil schon fest: Es gibt einen Katalog zu sechs Jahren LAGE EGAL.

Für den Erstkontakt mit Projekträumen (es soll ja immer noch Berliner geben, die noch nie in einem waren) bietet sich der Kreuzberg Pavillon in der Naunynstraße 53 an. Beinahe schon in manischem Rhythmus gibt es dort an beinahe jedem Samstag des Jahres eine neue, flüchtige Ausstellungseröffnung – wird doch am Sonntag oder Montag gleich schon wieder alles abgebaut. Die Eröffnungen haben sich inzwischen auch zu einem angesagten sozialen Treffpunkt von Künstlern und Kuratoren entwickelt. Und so ist es machmal derart voll, dass man – fast – nicht mehr die Kunst betrachten kann.

Projekträume auf der Berlin Art Week:
20 ausgezeichnete Projekträume machen bei der Berlin Art Week 2016 mit, alle Orte und das Programm finden Sie im Kunst-Booklet, das auf dem tip-Titel klebt (S.12–14 im Innenteil).

Der Preis der Projekträume:
Er wird am Fr 16.9. ab 17.30 Uhr in der Bar Babette, Karl Marx-Allee 36, in Mitte vergeben (Podiumsdiskussion, Preisverleihung, Party)

Adressen

Bureau BDP Mareschstr. 1, Neukölln

Centrum Reuterstr. 7, Neukölln, www.centrumberlin.com

Kreuzberg Pavillon Naunynstr. 53, Kreuzberg www.kreuzbergpavillon.de

Comedy Club http://itsallcomedy.blogspot.de/

lage Egal Danziger Str. 145, Prenzlauer Berg www.lage-egal.de

Maniere Nori Waldenserstr. 7a, Moabit www.manierenoire.net

Savvy Contemporary Plantagenstr. 31, Wedding, www.savvy-contemporary.com

Kulturpalast Wedding Freienwalder Str. 20, Wedding www.kulturpalastwedding.com

ZK/U Siemensstr. 27, Moabit www.zku-berlin.org

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