Kunstmesse

Berlin Art Week 2017 – Gespräch mit der Direktorin der Art Berlin Maike Cruse

„Der Kunsthandel im Internet hat wenig Zukunft“ – Die abc ist zur Art Berlin geworden – und Maike Cruse glücklicherweise Direktorin geblieben. Die neue Kunstmesse ist viel verkaufsorientierter, zur Gegenwartskunst kommt das 20. Jahrhundert

Foto: Glenn Glover

tip Maike Cruse, im Jahr 2015 hatten 105 Galerien an der abc teilgenommen, 2016 nur noch 63. Wie schlimm stand es um die abc?
Maike Cruse Bei der abc war es eigentlich jedes Jahr so, dass wir bis ins Frühjahr überlegt haben, ob und wie wir die Veranstaltung machen, ob wir die Halle mieten können, und wer mitmacht. Und dann haben wir alles in wenigen Monaten zusammengeschnürt. Wir hatten ja keine Grundförderung und sind eine private Unternehmung. Letztes Jahr haben wir uns aus qualitativen und finanziellen Gründen für eine Verkleinerung entschieden. So stand es nicht schlimm, aber nachhaltiges und langfristiges Arbeiten war nie möglich.

tip In diesem Jahr sind 110 Galerien dabei. Es scheint, dass der Neustart richtig war. Was hat am Konzept der abc nicht funktioniert?
Maike Cruse Die abc hatte vor neun Jahren als Parallelveranstaltung zu einer Kunstmesse angefangen, dem damaligen Art Forum, und verfolgte mehr einen Ausstellungs- als einen Messecharakter. Dann ist das Art Forum eingestellt worden und wir sollten die Hoffnungen auf eine große Berliner Kunstmesse erfüllen – aber ohne städtische Unterstützung und mit einem sehr kleinen Team. Das war natürlich auch im internationalen Vergleich nicht möglich. Wir haben trotzdem an unserem speziellen Ausstellungsmodell festgehalten, was inhaltlich sehr schön und wichtig war, aber kommerziell nicht die Erwartungen an eine Kunstmesse erfüllen konnte.

tip Die Verkaufserwartungen der Galeristen haben sich nicht erfüllt?
Maike Cruse Wir haben die abc immer vor allem inhaltlich gedacht. Es gab in den letzten Jahren immer mehr den Wunsch seitens der Galeristen, dass die abc sich weiter in Richtung Messe entwickeln soll und damit eben auch verkaufsorientierter wird. Ich habe im letzten Jahr mit den meisten unserer Galeristen intensiv über das Thema gesprochen. Uns war klar, das können wir nur machen, wenn die Stadt einsteigt oder ein großer Partner uns finanziellen und strukturellen Rückhalt bietet und uns eine langfristige Planung ermöglicht. Wir haben diesen Partner jetzt in der Kölnmesse gefunden, zu der weltweit 80 Messen und Veranstaltungen gehören, darunter die erfolgreiche Kunstmesse Art Cologne.

tip Die klassische Kunstmesse ist ja ein altmodisches Format. Warum hält es sich?
Maike Cruse Weil es gut funktioniert. Man hat auf einen Schlag einen breiten Überblick über das, was auf dem Markt gerade möglich ist. Und die großen etablierten Galerien ziehen die jungen mit. Wir werden jetzt 20 junge Galerien dabei haben, die teilweise das erste Mal auf einer Messe dabei sind und sich damit auch erstmalig einem breiteren Publikum präsentieren.

tip Bei der Art Berlin sind ungefähr 60 Galerien aus Berlin dabei, zudem viele aus anderen europäischen Ländern.
Maike Cruse Nach Berlin zu kommen, macht für viele Galerien Sinn, weil ihre Künstler hier leben und der Diskurs hier ist. Der Markt ist ja noch jung, aber viele Kuratoren und Kritiker leben hier.

tip Der Markt ist in Berlin noch jung – das hört man seit 15 Jahren. Wird er jemals stärker?
Maike Cruse Berlin hat keinen traditionellen Kunstmarkt, aber es ziehen in den letzten Jahren immer mehr internationale Großsammler nach Berlin. Ich spreche gerade mit einem internationalen Sammler, der außerordentlich große Räume angemietet hat, um seine Sammlung in Berlin zu zeigen. Es fangen auch immer mehr junge Leute an, Kunst zu kaufen. Und Berlin ist ein beliebtes Reiseziel bei internationalen Sammlern und Kuratoren, weil die Künstler und deren Galerien hier sind.

tip Es ist aber immer wieder vom Galeriensterben die Rede. Stimmt das?
Maike Cruse Berlin ist neben New York der wichtigste und größte Galerienstandort der Welt. Auch auf der Art Basel ist Berlin die zweitstärkste Stadt. Es gibt immer wieder Galerien, die neu aufmachen, viele davon präsentieren wir auf der Art Berlin. Es ist aber ein sehr schwieriger Beruf, für den man einen langen Atem braucht; und es gibt leider immer mal wieder Galerien, die schließen. Dabei ist die Galerie wichtig für die Künstler, denn die Galerie baut sie auf, ermöglicht Produktionen der Künstlern und vermittelt. Die Galerie zeigt die Künstler lange bevor sie in Kunstvereinen und Museen sichtbar werden. Eine Förderung von jungen Galerien durch die Stadt könnte also vor allem auch für die Künstler viel bewirken.

tip Kunst wird jetzt auch verstärkt übers Internet verkauft. Ist das eine Konkurrenz?
Maike Cruse Nicht wirklich. Die Sammler wollen sich die Kunst meistens real ansehen, es finden Gespräche statt, damit es zum Kauf kommt. Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig. Ich glaube, dass das Internet im ernsthaften, nachhaltig funktionierenden Kunstmarktbereich jenseits von Kommunikation und Information wenig Zukunft hat.

Art Berlin: Station Berlin Luckenwalder Str. 4, Schöneberg, 15.+16.9., 11–19 Uhr, 17.9. 11–16 Uhr, Eröffnung Do 16–20 Uhr

Positions Art Fair: Arena Berlin Eichenstr. 4, Treptow, 15.+16.9. 13–20 Uhr, 17.9 11–18 Uhr, Eröffnung Do 14.9., 18–22 Uhr

Weitere Termine und Informationen finden Sie im aktuellen tip und auf www.berlinartweek.de

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