Bahnhöfe

Bahnhof Gesundbrunnen: Vom Mauerblümchen zum Nordkreuz

Der Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen ist der wichtigste Umsteige-Bahnhof im Norden Berlins. Dabei war er zwischenzeitlich fast zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Mit dem Mauerfall begann sein Wiederaufstieg zur großen Bedeutung für die Stadt. Nur dem Bahnhofsgebäude sieht man dies nicht wirklich an.

Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen: Empfangsgebäude mit kleiner Geste. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen: Die ersten Bahnsteige für Ring- und Vorort-Bahn

Geschichte Bevor es eine Haltestelle gab, dampfte bereits die Bahn durch Gesundbrunnen: Die Strecke zwischen Berlin und Stettin führte hier durch. Als der preußische König Wilhelm I. den Plan fasste, eine Ringbah zu bauen, dauerte es noch bis zum siegreichen Krieg gegen Österreich im Jahr 1866, ehe die Gelder dafür bewilligt wurden und der Bau im Jahr darauf begann. 1871 startete die erste Teilstrecke mit dem Güter-, 1871 dann auch mit dem Personenverkehr. Am 1. Januar 1871 ging daher auch der Bahnhof Gesundbrunnen für die Ringbahn in Betrieb. 1877 folgte, für die „Nordbahn“, der zweite Bahnsteig.

Der Bahnhof Gesundbrunnen mit der „Millionenbrücke“ im Hintergrund im Jahr 1911. Foto: Imago Images/Arkivi Wedding Gesundbrunnen Berlin Station and Million bridge

Als 1895 die Gleise der Nordbahn und der Stettiner Bahn zwischen den heutigen Bahnhöfen Humboldthain und Bornholmer Straße zusammengefasst wurden, entstanden auf dem Bahnhof Gesundbrunnen ab 1895 binnen kurzer Zeit drei neue Bahnsteige für Ring-, Vorort- und Fernbahn. Damit konnten Fahrgäste hier nun von der Vorort- in die Ringbahn umsteigen. Und der Architekt Armin Wegner entwarf ein Empfangsgebäude im neugotischen Stil, das um die Jahrhundertwende erbaut und im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde.

In den 1920er Jahren begann die Elektrifizierung der Bahn, 1924 hielten erstmals elektrische Vorortzüge vom Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) nach Bernau in Gesundbrunnen.

Gesundbrunnen im Wandelt: U-Bahn, Weltkrieg, Bunkerbau

Der Verkehrsknotenpunkt im Norden der Stadt erfuhr seine nächste Entwicklungsstufe mit der Eröffnung des U-Bahnhofs im Jahr 1930. Gesundbrunnen hatte schon in AEG-Plänen für eine U-Bahn von 1907 eine zentrale Rolle gespielt, doch dann entzog Berlin dem Konzern die Leitung des Projektes wieder.

Erst Mitte der 1920er Jahre gingen die Bauarbeiten an der damalige GN-Linie (Gesundbrunnen-Neukölln) weiter. Sie gehört heute zur U-Bahn-Linie 8. Die Gestaltung des neuen U-Bahn-Empfangsgebäudes an der Brunnen- Ecke Behmstraße sowie der unterirdischen Haltestelle verantwortete, wie bei vielen Berliner U-Bahnhöfen, der schwedische Architekt Alfred Grenander.

Kurz nachdem Hitlerdeutschland Polen überfallen und den Zweiten Weltkrieg entfesselt hatte, ignorierte ein Schnellzug-Lokführer am 8. Oktober 1939 mehrere Haltesignale und krachte auf einen im Bahnhof stehenden Personenzug. Bei dem Unglück starben mehr als 20 Menschen – eine von vielen Katastrophen in der Geschichte der Stadt: Einstürze, Brände, Flugzeugabstürze.

Im ehemaligen Luftschutzbunker Gesundbrunnen richtete der Verein Berliner Unterwelten ein Museum ein. Das Bild stammt aus dem Jahr 2007. Foto: imago images/David Heerde

Und dann wendete sich der Weltkrieg gegen das Land, von dem er ausging. Die Nationalsozialisten bauten die unterirdischen Werkstätten zu einem viergeschossigen Luftschutzbunker aus. Im April 1945, die Rote Armee rückte immer weiter vor, wurde der Bahnhofsbetrieb eingestellt, nach Kriegsende jedoch bereits im Sommer in mehreren Schritten wieder aufgenommen. Doch der Abstieg des Bahnhof Gesundbrunnen war nicht mehr aufzuhalten.

Geteiltes Berlin, geteilter Ring

Dass die S-Bahn von der Deutschen Reichsbahn aus der DDR betrieben wurde (hier ein Zug Anfang der 60er Jahre in Schmargendorf) bekam auch Gesundbrunnen zu spüren. Foto: imago images / ZUMA/Keystone

Nach der deutschen Teilung unterstand die Deutsche Reichsbahn, zu der auch die S-Bahn gehört, auch in West-Berlin der DDR. Eine konfliktreiche Konstruktion, die letztlich dazu führte, dass ab 1952 am Gesundbrunnen (und am Stettiner Bahnhof) keine Personenzüge mehr fuhren. Der Güterverkehr wurde 1961 eingestellt. Bis dahin war Gesundbrunnen ein Umschlagplatz zwischen Ost und West gewesen, mit Ladenzeilen, Wechselstuben und Grenzkinos.

Der Mauerbau am 13. August 1961 teilte nicht nur die Stadt, sondern auch den S-Bahn-Ring. 1980 streikten die West-Reichsbahner gegen den Sparkurs Ost-Berlins. Eine Folge war, dass der West-Teil des S-Bahnrings für 14 Jahre stillgelegt wurde, eine weitere, dass schließlich die West-Berliner BVG die Betriebsrechte der S-Bahn von der Deutschen Reichsbahn übernahm.

Gesundbrunnen war von drei Seiten von der Mauer umschlossen. Dies änderte sich erst nach dem 9. November 1989. Mit dem Mauerfall begann der Wiederaufstieg Gesundbrunnens zu einem der wichtigsten Umsteigebahnhöfe der Stadt. Die maroden S-Bahnhöfe wurden nach und nach erneuert.

Die Deutsche Bahn sortierte in den 1990er Jahren ihr Streckennetz nach dem so genannten Pilzkonzept – das Netz ähnelt auf der Karte einem Pilz –, der Bahnhof Gesundbrunnen wurde in mehreren Stufen zum Fernbahnhof ausgebaut.

So viele Führungskräfte am Steuer: der damalige Bahnchef Hartmut Mehdorn (vorne rechts), der Regierende Bürgermeiste Klaus Wowereit (ganz hinten mit Mütze) und Stadtentwicklungssenator Peter Strieder bei der Wiedereröffnung der Strecke zur Schönhauser Allee 2001. Foto: Imago Images / Thomas Lebie

2001 eröffneten der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (beide SPD) gemeinsam mit dem seinerzeitigen Bahnchef Hartmut Mehdorn nach 40 Jahren Pause wieder die S-Bahn-Strecke von Gesundbrunnen in Richtung Schönhauser Allee, im Jahr darauf nahm zwischen Gesundbrunnen und Wedding der letzte Ringbahn-Abschnitt den Betrieb wieder neu auf.

2006 schloss die Deutsche Bahn den 114 Millionen Euro teuren Umbau des Bahnhofs ab, das Projekt hieß „Nordkreuz“, zeitweilig erwog man gar die entsprechende Umbenennung des ganzen Bahnhofs.

Bahnhofsgebäude Während der Ausbau des Fernbahnhofs 2006 vollendet war, sah es oberhalb der Bahnsteige trüber aus. Auf dem zugigen Vorplatz, der 2006 nach der Hertha-BSC-Legende Hanne Sobek begannt wurde – Herthas früheres Stadion lag direkt hinter dem Bahnhof, heute steht dort ein Wohnblock – gab es keine Empfangshalle.

Geplant war zunächst eine großzügige Konstruktion von Ingrid Hentschel und Axel Oestreich: fünf Türme, ein weit ausholendes Glasdach, das die fünf Bahnsteige zur Hälfte überspannen sollte. Nach Sorgen um die Statik und die Wirtschaftlichkeit eines derart großen Gebäudes – 1997 war direkt neben dem Bahnhof das riesige Gesundbrunnen Center eröffnet worden, ein Jahr später auf der anderen Seite des Hanne-Sobek-Platzes ein weiteres Zentrum mit Kaufland als Hauptmieter – strich die Bahn das Gebäude auf zwei Stockwerke zusammen und schließlich ganz.

Letztlich baute die Bahn Deutsche Bahn für knapp zehn Millionen Euro ein herzlich nüchternes Empfangsgebäude auf dem Hanne-Sobek-Platz an die Treppen zu den darunter liegenden fünf Bahnsteigen heran.

Immerhin verlor der Bahnhof Gesundbrunnen damit ein eher zweifelhaftes Alleinstellungsmerkmal: Er war jahrelang der einzige deutsche ICE-Bahnhof ohne Empfangsgebäude gewesen. Die Geschichte des Bahnhofs Gesundbrunnen in 12 Fotos: Hertha, Bunker, Nordkreuz.

Eine Brücke macht Filmkarriere

Fun Fact Östlich der Bahnsteige überspannt die Swinemünder Brücke die Gleise. Die 228 Meter lange Stahl-Fachwerkkonstruktion, 1905 eröffnet, heißt im Volksmund „Millionenbrücke“, was möglicherweise auf ihre Baukosten, seinerzeit eine Million Mark zurückgeht – oder aber die Unmenge an Nieten, die dabei eingesetzt wurde.

Zudem gehört die Brücke zu Berlins geheimen Filmstars. Aufgrund ihres historischen Aussehens wurden an ihr einige Filme gedreht, in denen sie andere Brücken spielte. Zum Beispiel ist sie als Glienicker Brücke in Guy Hamiltons 1966er Spionage-Thriller „Finale in Berlin“ zu sehen. Oder auch als die unweit liegende Bösebrücke in den Mauerfall-Filmen „Das Wunder von Berlin“ (2008) und „Bornholmer Straße“ (2014). Die 100 Berlin-Filme, die man gesehen haben muss, findet ihr übrigens hier.

Heimlicher Filmstar: Die Swinemünder Brücke. Foto: Imago Images / Jürgen Ritter

Einkaufen am Bahnhof

Im Bahnhofsgebäude selbst gibt es ein paar Läden für den Reisedarf: Bäcker, Zeitschriften, Biomarkt, der zu den sonntags geöffneten Supermärkten Berlins gehört. Kein Vergleich zu den Einkaufszentren mit Bahnanschluss, zu dem sich die anderen großen Bahnhöfe entwickelt haben. Dass dieser Umstand nicht wesentlich stört, liegt am einem Kreuzfahrtschiff nachempfundenen Gesundbrunnen Center mit mehr als 100 Shops auf mehr als 25.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Und auf der anderen Seite der Gleise hat Kaufland eine große Dependence.

Wie ein sehr großes Schiff: das Gesundbrunnen Center. Foto: Imago Images/Schöning

Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen: Wichtige Infos für den Besuch

Anfahrt Am S- und U-Bahnhof Gesundbrunnen besteht Anschluss an die folgenden Linien des Nahverkehrs. S- und U-Bahn S1, 2, 26, 41 & 42. U-Bahn U8. Bus: Line 247 auf dem Bahnhofsvorplatz. Auto Es gibt rund 30 Parkplätze auf dem Hanne-Sobek-Platz (2 Stunden kostenlos) und rund 1000 Parkplätze im Gesundbrunnen-Center (drei Stunden kostenlos). Verbindung zum Flughafen BER Der Flughafen-Express FEX fährt zweimal pro Stunde zum BER, Fahrzeit: rund 25 Minuten.

In der Nähe Im ehemaligen Luftschutzbunker Gesundbrunnen hat der Verein Berliner Unterwelten e.V. das Berliner Unterwelten Museum aufgebaut. Der Verein erforscht und dokumentiert seit seiner Gründung 1997 die geschichtlichen Zusammenhänge des Berliner Untergrundes. Das Museum kann nur im Rahmen einer Tour besucht werden. Schwerpunkte der Ausstellungsstücke in der beklemmenden Atmosphäre sind Themen wie Bombenkrieg und Luftschutz. Es ist eine von mehreren Möglichkeiten, den Berliner Untergrund zu erforschen.

Auf der anderen Seite der Brunnenstraße beginnt der Volkspark Humboldthain: 29 Hektar Ruhe und Entspannung, unter anderem mit einem Rosengarten, einem Wassergarten und dem Sommerbad Humboldthain.

Was guckst du? Na, Berlin! Flakturm Humboldthain. Foto: Imago Images / Joko

Mit einer Tour bei den Berliner Unterwelten kann man auch den markanten Flakturm Humboldthain im Volkspark im Inneren ergründen: einen der Hochbunker, die jeweils paarweise an drei Orten Berlins 1940 bis 1942 zur Luftabwehr errichtet wurden, Tausenden Menschen Luftschutzplätze boten und nach dem Krieg von den Alliierten gesprengt wurden. Nur die Nordseite des Flakturms am Humboldthain blieb wegen der Nähe zur Ringbahn vom großen Knall verschont.

Wer den 85 Meter hohen Turm erklimmt, wird mit einer faszinierenden Aussicht über Berlin belohnt. Gehört übrigens auch zu unseren Lieblingsorten in Berlin für einen schönen Sonnenuntergang.

Nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, in der Behmstraße 13, lädt das Klingende Museum Kinder zum Ausprobieren aller möglichen Orchestermusikintrumente ein, nach dem Motto: „Musik zum Anfassen, Ausprobieren und Erleben!“


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Mehr zum Bahnhof Gesundbrunnen erzählen wir hier in 12 Bildern: Bunker, Hertha, Nordkreuz. Berlins Tor zum Osten hieß mal so und mal so: der Ostbahnhof. Vielleicht der berühmteste Berliner Bahnhof ist, zumindest für den Fernverkehr, jetzt aber auch der bedeutungsärmste: Aber der Bahnhof Zoo steckt voller Geschichten. Dagegen spielt jetzt ein anderer bei den Fernzügen in der ersten Liga: der Hauptbahnhof.