Bahnhöfe

Bahnhof Ostkreuz in 12 Bildern: Vom Rostkreuz zum Rekordbahnhof

Der Bahnhof Ostkreuz ist einer dieser Knotenpunkte, die eigentlich kaum Beachtung finden. Lange konnte man der Bahnhofsanlage beim Verfall zusehen, sie galt als Schandfleck. Liebhaber*innen hingegen beweinen den Verlust des morbiden Charmes zugunsten des technokratischen Neubaus, der aus der Dauerbaustelle ragt. Nebenbei hat sich die Station klammheimlich zum geschäftigstem Bahnhof in Berlins S-Bahn-Netz gemausert: Nirgendwo steigen täglich mehr Menschen ein, aus und um.

In 12 Bildern zeigen Historie und Details des Transitorts: Zeugnisse von Verfall, nicht enden wollenden Bauphasen und etwas Wurst.


Historischer Bahnhof Ostkreuz: 100 Jahre unverändert

Der Ringbahnsteig im Jahr 1986, im Vordergrund ein Zeitungsverkäufer. Foto: Imago Images/Christian Thiel

1903 entstand der Bahnhof, damals noch unter dem Namen Stralau-Rummelsburg, dessen Gestalt bis ins 21. Jahrhundert weitestgehend unverändert blieb. Manch eine*r vermisst den Charakter der bestenfalls als historisch zu bezeichnenden Station, auch wenn sie längst nicht mehr für das Fahrgastaufkommen ausgelegt war. Das einzige, was hin und wieder modernisiert wurde, waren die Züge.


Spuren des Verfalls

Zeichen des Verfalls: Mitte der 2000er Jahre waren nicht nur Anzeigetafeln am Ostkreuz beschädigt. Foto: Imago Images/Rolf Zöllner

Der Spitzname „Rostkreuz“ war Programm: An allen Ecken und Enden war der zunehmende Verfall des Bahnhofs sichtbar. Zugänge wurden zum Risiko, Anzeigen und Uhren waren zerbrochen, Pfeiler rosteten. Die DDR-Regierung hatte sich stets vor den Kosten einer Generalüberholung gescheut, dies blieb nun an der Deutschen Bahn als Betreiberorganisation der Berliner S-Bahn hängen.


Aus der Zeit gefallen

Der Wasserturm ist längst nur noch Optik: Auch 2007 fuhren noch Bahnen vom alten Ringbahnsteig. Foto: Imago Images/Steinach

Zugegeben, einen gewissen Charme kann man der Optik nicht verhehlen. Und auch etwas Ironie liegt dem Motiv inne, wenn sich nur Farbfilm und Bahn ändern. 2006 begann letztlich der Umbau, historische Relikte wie der Wasserturm brauchten keine Anbindung mehr. Die Bahn schickte sich nunmehr an, dem Bahnhof ein modernes Gesicht zu geben.


Beginn einer Dauerbaustelle: Umbau im laufenden Betrieb

Die Baustelle am Ostkreuz, Stand 2010. Foto: Imago Images/Hohlfeld

2006 begann der Umbau des wichtigen Knotenpunktes, dabei lief die meiste Zeit uneingeschränkt der Bahnhofsbetrieb weiter. Das Ostkreuz wird zur Dauerbaustelle, sämtliche Gleisanlagen werden saniert, umgebaut, Brücken werden abgetragen, alle Bahnsteige nach und nach umstrukturiert und erneuert. Die Ringbahn verkehrt vom Neubau des Regionalbahnsteiges, die moderne Halle samt Ringbahnsteigen wird ab 2011 errichtet.


Es geht voran: Der Bahnhof Ostkreuz in neuem Gewand

Der Neubau nimmt Gestalt an: 2011 steht das Gerüst des Neubaus. Foto: Imago Images/Pemax

Anfang der 2010er Jahre zeichnet sich langsam das zukünftige Bild des Bahnhofs ab – im Hintergrund thront weiter der Wasserturm als Zeichen einer vergangenen Ära, während ab 2011 die neue Abfahrtshalle langsam Gestalt annimmt. Die typische Glas- und Metallstruktur kommt nicht von ungefähr: Das zuständige Architekturbüro Gdp ist auch für den Neubau des Bahnhof Südkreuz zuständig.


Auch die Umgebung wandelt sich: Die Jugendherberge am Bahnhof Ostkreuz

Die Umgebung im Wandel: das ehemalige Schulgebäude bekommt wieder Leben. Foto: Imago Images/Schöning

Nicht nur der Bahnhof, auch die Umgebung des Ostkreuz befindet sich im Wandel. Während aufseiten der Sonntagstraße/Revaler Straße zunehmend Neubauten die Sichtlinie prägen, eröffnete auf der Lichtenberger Seite 2016 die modernste Jugendherberge Deutschlands. Die ist optisch allerdings keine große Veränderung: Das grundsanierte Gebäude ist ein altes Schulgebäude mit Klinkerfassade, in dem zuletzt die DDR-Fachhochschule für Technik residierte.


Altes Wahrzeichen, unverändert: Der Wasserturm

Weithin sichtbar, aber ohne Nutzen: Der alte WasserturmFoto: Imago Images/Pemax

Stünde er nicht unter Denkmalschutz, wäre wahrscheinlich auch der alte Wasserturm am Ostkreuz den Bauarbeiten zum Opfer gefallen. Zusammen mit den beiden ehemaligen Beamtenwohnhäusern fristet er heute ein eher trauriges Dasein, mitten im Nirgendwo. Im Gegensatz zu den Wohnhäusern gibt es zumindest für den Turm einen theoretischen Plan: Hier soll einmal Eventgastronomie stattfinden. Nur wie der Turm erreicht werden kann, wirkt bislang eher ungeklärt.


Das wahre Wahrzeichen: Der Würstelstand

Nicht wegzudenken: Das Wurstland. Foto: Imago Images/BRIGANI-ART/Bartillax

Immer mal wieder woanders, aber stets da: Der Imbisswagen namens Wurstland. Seit mehr als 20 Jahren gibt es hier vom Schnitzel bis zu verschiedene Wurstwaren Fleischhaltiges für hungrige Pendler*innen. Und natürlich Ketwurst, den DDR-Klassiker. Die Bude hat mittlerweile längst Kultstatus erlangt und verleiht dem ansonsten schmucklosen Transitort etwas Charakter. Mit Ketchup.


Ein bisschen wie damals: Empfangsgebäude und Fußgängerbrücke

Fast wie heute: 2006 Stand noch das alte Eingangsgebäude, 14 Jahre später eröffnete an gleicher Stelle der historisierte Neubau. Sogar mit Toilette. Foto: Imago Images/Bernd Friedel

Während die Haupthalle des Ostkreuz so modern wie langweilig daherkommt, orientieren sich zumindest das neue alte Empfangsgebäude sowie die Fußgänger*innenbrücke an ihren historischen Vorbildern – die Brücke hat sogar Teile der ehemals ziemlich rostigen Vorgängerin verbaut. Das Gebäude, mittlerweile eröffnet, bietet unter anderem einen Biomarkt, der auch Sonntags geöffnet hat – und, nach mehr als zehn Jahren oft schmerzlichen Fehlens: eine öffentliche Toilette.


Noch weit entfernt: Die Tram-Anbindung

Streitpunkt Sonntagstraße: Hier soll einmal die Tram fahren. Foto: Imago Images/Bernd Friedel

Eigentlich ist auch eine Tram-Anbindung fürs Ostkreuz vorgesehen. In der Sonntagstraße drängen sich Bars, Bistros und Autos, nicht aber die Bahn. Die Linie 21, die momentan noch durch die Boxhagener Straße verkehrt, soll direkt am Ostkreuz entlang führen. Sehr zum Unmut der Anwohner*innen: Die sehen sich um Ruhe in ihrer lebhaften Straße gebracht. Und ihre Parkplätze.


Hohes Verkehrsaufkommen: Deutschlands geschäftigster Bahnhof

Am Gedränge hat sich nichts geändert: Am Ostkreuz steigen täglich Hunderttausende um. Foto: Imago Images/Jürgen Heinrich

Nicht nur die Baufälligkeit war ein Grund für den kompletten Neubau des Bahnhofs. Das Ostkreuz ist täglich voll – beim Neubau plante man mit täglich etwa 123.000 Fahrgästen. Die Prognose wurde von der Realität weit überholt, heute steigen bei ca. 1500 täglichen Zughalten etwa 250.000 Menschen hier in und aus Zügen – einer der betriebsamsten Bahnhöfe in Deutschland. Inzwischen gibt es zwar mehr Platz, eng wird es dennoch hin und wieder.


Fernwirkung gegeben: Der neue Bahnhof Ostkreuz

Noch ist hier Baustelle, aber aus der Ferne macht es was her: Das neue Ostkreuz. Foto: Imago Images/Peter Sandbiller

Mit der neuen Bahnhofshalle reiht sich das Ostkreuz gewissermaßen in die Charakterlosigkeit vieler moderner, technokratisch anmutender Bahnhofskonstruktionen ein. Aber die Fernwirkung ist dem Bau gewiss. Und mit etwas Abstand übersieht man auch schnell die Baustelle, die sicher noch einige Zeit weiterlaufen wird – die Tramanbindung ist nach wie vor ungewiss. Damit ist der Bahnhof länger im Bau als der Flughafen BER.


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Welche Bahnen fahren eigentlich am Ostkreuz, und was gibt es noch darüber zu wissen – hier gibt es alles Wissenswerte zum Ostkreuz. Wie sich Berlins Bahnhöfe bei Internetrezensionen schlagen, könnt ihr hier erfahren – das Feedback ist durchwachsen. In gewisser Weise lässt sich auch das Ostkreuz hinzu zählen – hier erfahrt ihr, welche Berliner Bahnhöfe mit der Zeit verschwunden sind. Diese 12 Stationen gibt es in Berlin zum Glück noch: Ein Besuch dieser Bahnhöfe lohnt sich allein schon wegen ihrer Gestaltung.