Bahnhöfe

Bahnhof Südkreuz: Vom toten Winkel ins Rampenlicht

Die einen schleppen blaue Ikea-Taschen die Treppen hoch, die anderen ihr Gepäck für die Fahrt mit dem ICE. 50-50 ist das gefühlte Verhältnis am Südkreuz, seit der endgültigen Eröffnung 2006 einer der modernsten Fernbahnhöfe Berlins. Dabei ging es hier früher, als es Papestraße hieß, noch recht gemächlich zu, und die Teilung der Stadt hatte der Station zeitweise ganz den Stecker gezogen.

Der Bahnhof Berlin Südkreuz. In den Neubau integriert ist ein Rest vom historischen Bahnhof Papestraße. Foto: Imago Images/Joko
Der Bahnhof Berlin Südkreuz. In den Neubau integriert ist ein Rest vom historischen Bahnhof Papestraße. Foto: Imago Images/Joko

Heute Bahnhof Südkreuz, früher Papestraße

Geschichte Im 19. Jahrhundert existierte rund um das heutige Bahnhofsgelände herum eine Pferderennbahn, bevor das Militär das Areal in Besitz nahm. Seit Mitte des Jahrhunderts ratterten dann Lokomotiven Richtung Halle und Dresden über die Gleise, die später von der Ringbahn gekreuzt wurden: 1877 war der Kreis endlich rund, bis in die 1890er-Jahre wurde die Ringbahn fast auf ganzer Länge viergleisig ausgebaut. Ende des Jahrhunderts wurden die Strecken der Dresdner und Anhalter Bahn auch von Vorortzügen genutzt, eine Verbindung musste her.

1901 war der Bahnhof Papestraße fertig

Eine Karte von 1903 zeigt den Bahnhof Papestraße. Das Tempelhofer Feld war damals Exerzierplatz, und rund um den Bahnhof lagen Militäreinrichtungen. Foto: gemeinfrei
Eine Karte von 1903 zeigt den Bahnhof Papestraße. Das Tempelhofer Feld war damals Exerzierplatz, und rund um den Bahnhof lagen Militäreinrichtungen. Foto: gemeinfrei

Daher wurde ein neuer Bahnhof errichtet. An der nach einem preußischen Militär benannten General-Pape-Straße bauten Karl Cornelius und Waldemar Suadicani, zwei verdiente Eisenbahn-Architekten und die Verantwortlichen für die Normierung und Vereinheitlichung des preußischen Eisenbahnwesens, einen gelben Klinkerbau im spitzen Winkel zwischen die verschiedenen Bahnstrecken.

Am 1. Januar 1901 wurde der Bahnsteig für die Ringbahn eröffnet, doch die Berliner*innen brauchten Geduld: Erst im Dezember ging die Station der Vorortbahn ans Netz und strapazierte die Nerven noch mehr. Vom einen zum anderen Gleis gelangte man nur durch ein Geflecht von Tunneln, das Umsteigen zog sich hin.

Am Bahnhof Südkreuz erinnern Tafeln an den früheren Bahnhof Papestraße. Gelb hervorgehoben ist der Uhrturm der Ringbahnstation. Foto: Wikimedia/OTFW, Berlin/CC BY-SA 3.0
Am Bahnhof Südkreuz erinnern Tafeln an den früheren Bahnhof Papestraße. Gelb hervorgehoben ist der Uhrturm der Ringbahnstation. Foto: Wikimedia/OTFW, Berlin/CC BY-SA 3.0

1903 verabschiedete man sich an der Papestraße versuchsweise von Kohletendern, der Probebetrieb zur Elektrifizierung der Strecke lief an. Endgültig unter Strom stand die Ringbahn allerdings erst 1928.

An das heutige Südkreuz war zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken. Zwar entstanden unter der Herrschaft Hitlers Pläne für einen Südbahnhof an der noch zu schaffenden Nord-Süd-Achse durch die „Welthauptstadt Germania“. Das Vorhaben war megalomanisch – der Südbahnhof sollte die New Yorker Central Station an Größe übertreffen – wurde aber nie umgesetzt, bloß ein paar Bahnsteige wurden verbreitert.

An Albert Speers Umbau der Stadt erinnert in der Nähe allenfalls der sogenannte Schwerbelastungskörper aus Beton, mit dem geprüft werden sollte, ob der karge Berliner Boden die nationalsozialistische Monumentalarchitektur überhaupt ertragen würde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es ruhig auf den Schienen

Der Zweite Weltkrieg unterbrach den Bahnverkehr nur kurzzeitig. Die Teilung der Stadt hingegen bedeutete Stillstand am Bahnhof Papestraße.

Mit dem Bau der Mauer sank das Fahrgastaufkommen: Die DDR hatte die Reichsbahn geerbt und betrieb die S-Bahnen in ganz Berlin. Im Westen verzichtete man zähneknirschend auf die Fahrt mit den gelb-roten Zügen, die BVG ersetzte S-Bahnen wenn möglich durch Busse. Die praktische Brücke am Bahnhof Papestraße war auch längst abgebrannt, die Station also wieder unbequem.

Der stillgelegte Bahnhof Papestraße im Jahr 1986. An einen Fernbahnhof wie das Südkreuz dachte damals niemand. Foto: Wikimedia/Roehrensee/CC BY-SA 3.0
Der stillgelegte Bahnhof Papestraße im Jahr 1986. An einen Fernbahnhof wie das Südkreuz dachte damals niemand. Foto: Wikimedia/Roehrensee/CC BY-SA 3.0

Mit dem Reichsbahnstreik 1980 verfiel der Bahnhof dann in einen langen Schlaf: Die Vorortzüge fuhren zwar bald darauf wieder, die Ringbahnstation hingegen wurde stillgelegt, die Wiederaufnahme war frühestens in den 1990ern geplant. Der Bahnhof Papestraße war 13 Jahre lang ein toter Winkel.

Neue große Pläne

Die Deutsche Bahn küsste den schlafenden Bahnhof wach. Das sogenannte Pilzkonzept, 1992 beschlossen, sah Fernbahnhöfe an zentralen Punkten in Berlin vor, auf dem Stadtplan entsteht so ein stilisierter Pilz: Zoo, Westkreuz, Gesundbrunnen und Ostbahnhof bilden den Hut, die als Verkehrsknotenpunkt und Fernbahnhof vorgesehene Station Papestraße den Stiel.

Montage des geplanten Fernbahnhofs, der noch Papestraße hieß. Und der Hildegard-Knef-Platz vor dem Bau war auch noch namenlos. Foto: Sven Lambert
Montage des geplanten Fernbahnhofs, der noch Papestraße hieß. Und der Hildegard-Knef-Platz vor dem Bau war auch noch namenlos. Foto: Sven Lambert

Bis aus der Papestraße das Südkreuz werden sollte, verging jedoch noch viel Zeit. Nach der Wende wurden zunächst die S-Bahnen reaktiviert und hielten an provisorischen Bahnsteigen, die – Berlin ist immer noch Berlin – zum Dauerzustand wurden.

Der Baubeginn des Bahnhofs Südkreuz war für 1995, die Fertigstellung für 2002 vorgesehen. 1996 hatte man immerhin schon die weltweit größte aus einem Stück gegossene Betonplatte über die Stadtautobahn gelegt, ohne die genaue Position der Schienen zu kennen.

Bauarbeiten am zukünftigen Bahnhof Südkreuz im Frühsommer 2005. Der neue Name stand da noch nicht fest. Foto: Imago Images/Jürgen Heinrich
Bauarbeiten am zukünftigen Bahnhof Südkreuz im Frühsommer 2005. Foto: Imago Images/Jürgen Heinrich

1999 war der Siegerentwurf für das neue Bahnhofsgebäude ausgewählt. Und nach zahlreichen Verzögerungen durch Anwohnerklagen, Missmanagement und Finanzierungsprobleme war der neue Bahnhof Südkreuz fertig: Am 4. April 2005 wurde die Ringbahnhalle teils, am 13. Juni vollständig in Betrieb genommen. Und ein Jahr später, Ende Mai 2006, hielten die ersten Regional- und Fernzüge – nicht mehr an der Papestraße, sondern endlich am Bahnhot mit dem neuen Namen Südkreuz. Die Geschichte des Südkreuz in Bildern – schläfrige Vergangenheit und Schnellzüge.

Glas, Stahl, Beton: Architektur am Südkreuz

Bahnhofsgebäude Den Siegerentwurf der Ausschreibung reichte der Berliner Architekt Max Dudler ein: Weil die Deutsche Bahn das Südkreuz zum zweitwichtigsten Bahnhof Berlins machen und dabei besonderen Fokus auf das Automobil legen wollte, fand sich in seinem Konzept ein gigantisches Park-Hochhaus wieder. Dudler schuf in Berlin das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, eine der schönsten Bibliotheken der Stadt, sowie die U5-Station Museumsinsel mit Schinkels Nachthimmel als Decke.

Regionalbahn am Südkreuz, dem zweitwichtigsten Fernbahnhof Berlins. Foto: Imago Images/Schöning
Regionalbahn am Südkreuz, dem zweitwichtigsten Fernbahnhof Berlins. Foto: Imago Images/Schöning

Den endgültigen Plan lieferte dann allerdings das Architekturbüro JSK, das zusammen mit gmp zeitweise auch den Flughafen BER verantwortete.

Das Südkreuz ist wie der Berliner Hauptbahnhof ein Turmbahnhof. Die Bahnsteige der Ringbahn liegen in einer Halle auf einer höheren Ebene, unterhalb verlaufen die Fern- und Regionalbahngleise sowie die Nord-Süd-Trasse der Berliner S-Bahn.

Die Ringbahnhalle ist 47 Meter breit und 183 Meter lang. Fast 25.000 Kubikmeter Beton, 3700 Quadratmeter Glasscheiben und 2400 Tonnen Stahl sind für die schlichte Konstruktion verbaut worden, deren Kosten sich auf 115 Millionen Euro belaufen. Im Osten und Westen der Ringbahnsteige befinden sich jeweils Eingangshallen mit Raum für Geschäfte.

Der Bahnhof Südkreuz ist ein kompletter Neubau, bloß der Klinker-Uhrturm der alten Station Papestraße wurde in die Glas-Stahl-Beton-Konstruktion integriert. Auf der unteren Ebene liegen drei Fernbahnsteige, jeweils 405 Meter lang, sowie ein kürzerer Bahnsteig für die S-Bahn.

Blick auf den Bahnhof Südkreuz am Abend. Foto: Imago Images/Andreas Gora
Blick auf den Bahnhof Südkreuz am Abend. Foto: Imago Images/Andreas Gora

Aus dem Hochhaus für Autos ist nichts geworden, die tatsächlichen Parkdecks sind viel kleiner. Weil der Bahnhof Südkreuz günstig am Autobahnkreuz Schöneberg liegt, sahen die ursprünglichen Pläne noch 2500 Parkplätze vor, aber die Investor*innen-Suche war bislang nicht von Erfolg gekrönt.

Besonderheiten Der Bahnhof Südkreuz ist ein designierter „Zukunftsbahnhof“. Hier erprobt die Deutsche Bahn neue Konzepte in Sachen Mobilität, Information und Energie. Dazu zählen neben einfacher Farbgestaltung zur Orientierung der Fahrgäste auch elektronische Wagenstandsanzeiger – und der Versuch, nachhaltiger zu sein: Der Bahnhof Südkreuz produziert Solarstrom und Windenergie.

Mit Kamera und ohne: Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung am Südkreuz, Aufnahme von 2017. Foto: Imago Images/Bernd Friedel
Mit Kamera und ohne: Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung am Südkreuz, Aufnahme von 2017. Foto: Imago Images/Bernd Friedel

Einen weniger erfreulichen Blick in die Zukunft hat die Bundespolizei hier unternommen: Von August 2017 bis Januar 2018 liefen drei Kameras in einem von Datenschutzinitiativen heftig kritisierten Pilotprojekt zur automatischen Gesichtserkennung. Nach Plänen des Bundesinnenministeriums soll das Südkreuz als „Sicherheitsbahnhof“ weiterhin Labor für Videoüberwachungstechnologien sein.

Einkaufen am Bahnhof Südkreuz

In der Ringbahnhalle gibt es ein kleines Imbiss-Angebot, in den Empfangshallen darüber hinaus Schnellrestaurants, Bäcker, eine Drogerie und eine Bahnhofsbuchhandlung. Im Bahnhof findet ihr zudem eine Edeka-Filiale, der Supermarkt ist auch sonntags geöffnet.

Blick in die Westhalle des Bahnhofs. Foto: Imago Images/Frank Sorge
Blick in die Westhalle des Bahnhofs. Foto: Imago Images/Frank Sorge

Bahnhof Berlin-Südkreuz: Wichtige Infos für den Besuch

Anfahrt Am Bahnhof Südkreuz besteht Anschluss an die folgenden Linien des Nahverkehrs: S-Bahn S2, 25, S26, S45, S46, Ringbahn S41 und S42. Bus Linien 106, 184, 204, 248, M46, außerdem Fernbusse (Flixbus, Railjet). Auto Rund 200 Parkplätze auf dem Parkdeck an der Südseite des Bahnhofs, Lotte-Laserstein-Straße (2 €/Std., 20 €/Tag).

In der Nähe Nicht zu übersehen ist, wie viele Menschen das Südkreuz üblicherweise schwer bepackt betreten. Sie schleppen große Zimmerpflanzen, verpackte Einrichtungsgegenstände und jede Menge Kleinkram mit sich. Denn die schwedische Einrichtungskette Ikea hat hier in Tempelhof eine Filiale unweit des Bahnhofs am Sachsendamm 47.

Ausrangierte Lokomotive im Naturopark Schöneberger Südgelände. Foto: Imago Images/Schöning
Ausrangierte Lokomotive im Naturopark Schöneberger Südgelände. Foto: Imago Images/Schöning

Wer lieber Naturerfahrungen sucht, begibt sich ein Stück weit nach Südwesten. Dort, auf dem Gelände des längst ausrangierten Güterbahnhofs Tempelhof, ist ein Naturschutzgebiet entstanden. Gottesanbeterinnen, Eulen, Wildbienen und viel wild wucherndes Grün findet ihr im Natur-Park Schöneberger Südgelände. Und für ein bisschen Eisenbahnromantik sind rostende Lokomotiven übrig.

Gedenkort nahe dem Bahnhof Südkreuz

Das Gelände rund um den heutigen Bahnhof Südkreuz war im 19. Jahrhundert im Besitz des Militärs, die preußische Armee hatte hier Eisenbahnregimenter in eigens errichteten Kasernen untergebracht. Von März bis Dezember 1933 unterhielt die SA in einem dieser Gebäude eins der frühesten Konzentrationslager. Heute ist das SA-Gefängnis Papestraße am Werner-Voß-Damm 54A ein Gedenkort. Weitere Denkmäler für die Opfer des Nationalsozialismus findet ihr in Berlin hier.

An den Gleisen der Ringbahn und in unmittelbarer Nähe der Autobahn findet man ansonsten nicht viel pulsierendes Leben, sondern eher Gewerbegebiete statt Wohnsiedlungen. Vom Bahnhof Südkreuz habt ihr es aber nicht mehr weit, um etwa zum schönen Kiez Rote Insel im Norden zu gelangen. Noch mehr Tipps für Schöneberg haben wir hier für euch.


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