Bahnhöfe

Berlin Hauptbahnhof: Das Herz des Hauptstadt-Fernverkehrs

Anders als andere Großstädte, hat das polyzentrische Berlin viele Herzen und Stadtzentren, in die sich große Nah- und Fernverkehrsbahnhöfe einbetten. Berlin Hauptbahnhof, im geografischen Zentrum der Stadt gelegen, gehört zum Ortsteil Moabit und ist Berlins größter und wichtigster Bahnhof.

Der Berliner Hauptbahnhof, der wichtigste Fernbahnhof der Hauptstadt. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter
Der Berliner Hauptbahnhof, der wichtigste Fernbahnhof der Hauptstadt. Foto: Imago Images/Jürgen Ritter

Der größte Turmbahnhof (Etagenbahnhof) Europas zählt täglich an die 330.000 Besucher*innen und mehr als 1200 Züge und gehört somit zu den am meisten frequentieren Bahnhöfen Deutschlands. Der Hauptbahnhof ist nicht nur Umsteigeort für den Nah- und Fernverkehr, sondern ein Paradebeispiel moderner Architektur. Auf drei Ebenen des verglasten Baus lässt sich umfangreich schlemmen und shoppen.

Vom Lehrter Bahnhof zum Hauptbahnhof

Geschichte Berlins Hauptbahnhof ist relativ jung. Nach elfjähriger Bauzeit wurde er mit etwas Verspätung 2006 auf dem Areal eröffnet, auf dem zuvor der Lehrter Bahnhof stand. Diese Haltestelle, im neoklassizistischen Stil des prunkvollen Historismus erbaut und somit als Bahnhofspalast bekannt, entstand bereits vor der deutschen Reichsgründung.

Der Lerther Bahnhof 1910. Dahinter verläuft die Bahnstrecke der Lerther Stadtbahn. Foto: Wikimedia Commons/Landesdenkmalamt Berlin

Er diente ab 1868 zunächst als Endpunkt der Strecke, die Hannover über Lehrte mit Berlin verband. Später wurde der Personenverkehr des Hamburger Bahnhofs mit Verbindungen in Richtung Hamburg, Nordwestdeutschland und Skandinavien zum Lehrter Bahnhof verlegt.

Zum Lerther Bahnhof für den Fern- und Regionalverkehr gesellte sich 1882 in unmittelbarer Nähe der Lehrter Stadtbahnhof hinzu, der von Lokomotiven der Berliner Stadtbahn angefahren wurde. Aufgrund von Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs wurden große Teile des Lehrter Bahnhofs zerstört, was nach Versuchen der Instandsetzung 1951 zur Stilllegung und 1958 zur Sprengung einiger Bahnhofsruinen führte.

Der ehemalige Lerther Stadtbahnhof 1988. Foto: Imago Images/Gerhard Leber

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde ein neues und modernes Verkehrskonzept für Berlin entwickelt, das die Anbindung an den Nah- und Fernverkehr in alle Himmelsrichtungen ermöglichen sollte. Das Hamburger Architekturbüro gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, das schon den Flughafen Tegel konzipiert hatte, gewann die Wettbewerbsausschreibung der Bundesregierung. 1995 wurde die erste Bauphase eingeläutet. Zwischen 1987 und 1998 war Berlins heutiger Ostbahnhof der Hauptbahnhof. Mehr zur Berliner Bahnhofsgeschichte: 12 verschwundene Bahnhöfe in Berlin: Abgerissen, zerstört und stillgelegt.

Berlin Hauptbahnhof: Moderne aus Glas und Stahl

Architektur Als größter Kreuzungsbahnhof Europas setzt der gläserne Hauptbahnhof einen krönenden Schlussstein für die Neukonzipierung des Berliner Verkehrsnetzes.

Im bewussten Gegensatz zur ornamentalen Historismus-Bauweise des Lehrter Bahnhofs konzipierte Meinhard von Gerkan einen modernen Bahnhofskomplex, der überwiegend aus den Materialien Glas, Beton und Stahl erbaut worden ist – die Stahlkonstruktion bleibt sichtbar, anstatt von einer schmückenden Fassade verhangen zu werden.

Blick aus dem Hauptbahnhof in Berlin auf den Washingtonplatz und das Regierungsviertel. Foto: Imago Images/Dirk Sattler

Die mehr als 300 Meter lange verglaste Halle der in Ost-West-Richtung verlaufenden S-Bahn wird von der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Bahnhofshalle des Fernverkehrs gekreuzt, zwei Bügelbauten flankieren die große Halle der Breite nach, wodurch der Kreuzungsbahnhof architektonisch versinnbildlicht wird.

Die 46 Meter hohen Gebäudescheiben werden durch das sichtbare Stahltragwerk in symmetrische Module eingeteilt. Die gläsernen Hallen des Hauptbahnhofs werden von einem filigranen Glasdach mit stählerner Netzstruktur überspannt, wobei die gewölbte Schalenkonstruktion des Daches den bogenförmigen Gleisverlauf symmetrisch abschließt und das einfallende Tageslicht sogar die unteren Geschosse erreicht.

Das filigrane, gewölbte Glasdach des Berliner Hauptbahnhofs. Foto: Imago Images/imagebroker
Das filigrane, gewölbte Glasdach des Berliner Hauptbahnhofs. Foto: Imago Images/imagebroker

Die fünf Ebenen des Etagengebäudes gliedern sich in zwei Ebenen für den Bahnverkehr sowie in drei Verbindungs- und Einkaufsebenen. Die Etagen werden über Treppen, 54 Rolltreppen und 34 Aufzüge (sechs davon sind gläserne Panoramaaufzüge) miteinander verbunden. Die Züge befahren auf 14 Gleisen die unterste sowie die oberste Ebene des Bahnhofs. In den Zwischengeschossen ist auf 15.000 Quadratmetern ein Einkaufszentrum mit 80 Geschäften angesiedelt.

Treppen, Rolltreppen und Aufzüge verbinden die Ebenen des Berliner Hauptbahnhofs miteinander. Foto: Imago Images/imagebroker
Treppen, Rolltreppen und Aufzüge verbinden die Ebenen des Berliner Hauptbahnhofs miteinander. Foto: Imago Images/imagebroker

Fun Facts In das Bahnhofsneubauprojekt flossen zwischen 700 Millionen und einer Milliarde Euro. Neben einer halben Million Kubikmetern Beton wurden 85.000 Tonnen Stahl und über 150.000 verschiedene Glasscheiben verbaut. Das Dach besteht aus 8.500 Einzelteilen und wurde mit Photovoltaikmodulen besetzt, sodass der Hauptbahnhof fünf Prozent seines Stromverbrauchs durch eigene Solarzellen generiert.

Shopping am Berliner Hauptbahnhof

Einkaufsmöglichkeiten Hungrige, gelangweilte oder shoppingaffine Reisende können in den mehr als 80 Geschäften des Berliner Hauptbahnhofs ihre Wartezeit totschlagen. Am Häufigsten sind gastronomische Läden vertreten. Wie überall in Berlin bietet auch der Hauptbahnhof internationalen Imbissschmaus von französischen Backwaren über Döner bis Sushi und Burger.

Berlin Hauptbahnhof: eine Shopping-Meile auf mehreren Etagen. Foto: Imago Images/Schöning
Berlin Hauptbahnhof: eine Shopping-Meile auf mehreren Etagen. Foto: Imago Images/Schöning

Neben typischen Bahnhofsshops wie Tabak- und Zeitungsläden, Drogerien, Supermärkten und Souvenirläden weist der Berliner Hauptbahnhof zahlreiche Bekleidungs-, Schuh-, Deko- und Mobilfunkgeschäfte sowie einen Media Markt auf. Viele der Geschäfte sind auch sonntags geöffnet, die Apotheke rund um die Uhr. Außerdem gibt es bahnhofstypische Dienstleistungen wie Autovermietungen und Schließfächer.

Kontroversen und Kritik am Berliner Hauptbahnhof

Niemandsland Die Gegend um den Berliner Hauptbahnhof schien für viele zunächst geisterhaft und ausgestorben, da keine Wohn- und Geschäftsviertel anschlossen. Berliner*innen setzen nach wie vor gewöhnlich keinen Fuß in Richtung Hauptbahnhof, es sei denn, sie wollen umsteigen, verreisen oder im Vabali Spa saunieren. Schon im 19. Jahrhundert wurde der Lehrter Bahnhof in einer Zeitung verspottet, was 2006 kurz vor der Eröffnung erneut aufgegriffen wurde: „So weit das Auge reicht, nirgends ein Gebäude, dessen Insassen diese Haltestelle benutzen könnten.“ Subtext: Die einzigen Anwohner*innen sind Häftlinge. (Die JVA Moabit liegt in unmittelbarer Nähe; bis 1958 bestand das Zellengefängnis Lehrter Sraße.)

Der Streit ums Dach 1996 war eine Dachlänge von 430 Metern geplant. Die entsprechenden Stahlträger, Streben und Glas wurden bereits angefertigt. Entgegen der Planungen wurden 2001 im Zuge der Bauarbeiten Dachsegmente weggelassen, sodass das Dach lediglich 321 Meter aufwies. Begründet wurde diese Entscheidung mit der Fußball-WM 2006 – die zuvor geplante Dachlänge würde die Inbetriebnahme des Bahnhofs verunmöglichen, außerdem würden Kosten eingespart. Das Land Berlin klagte gegen die Dachverkürzung, unter anderem wegen der Lärmbelastung für geplante Wohnsiedlungen. Die Klage wurde abgewiesen, die Stahlträger und Streben wurden verschrottet.

Die Namensdebatte Die langanhaltenden Diskussionen um die Benennung des neuen Bahnhofs mündeten 2002 in der Befragung der Bevölkerung. Der Arbeitstitel des Bauprojekts lautete zunächst Lehrter Bahnhof. Die Deutsche Bahn empfand den Namen als verwirrend und unzulänglich für den neuen, großen Hauptbahnhof.

Der Name des ehemaligen Bahnhofs ist nur noch auf einigen Schildern zu finden – eine Erinnerung an den Vorgänger vom heutigen Berliner Hauptbahnhof. Foto: Imago Images/Andreas Gora
Der Name des ehemaligen Bahnhofs ist nur noch auf einigen Schildern zu finden – eine Erinnerung an den Vorgänger vom heutigen Berliner Hauptbahnhof. Foto: Imago Images/Andreas Gora

Eine Mehrheit von 70 Prozent stimmte für die Beibehaltung des Namens Lehrter Bahnhof. Die Landesregierung und die Verwaltung der Deutschen Bahn einigten sich hingegen auf den Doppelnamen Hauptbahnhof – Lerther Bahnhof. Der Doppelname wurde kurz vor der vier Jahre verspäteten Eröffnung abgelegt und ist nur noch auf den Stationsschildern markiert.

Andrang und Zeitersparnis Entgegen der Sorge und Kritik entwickelte sich Berlin Hauptbahnhof zum viel frequentieren Umsteigepunkt des Nah- und Fernverkehrs. Angela Merkel reiste für die Eröffnungsfeier 2006 mit dem Zug aus Leipzig an, der Bahnhof wurde durch Konzerte und Lichtshows feierlich eröffnet.

Die Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs fand am 26. Mai 2006 statt.
Die Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs fand am 26. Mai 2006 statt. Foto: Imago Images/imagebroker

Groß war also die Freude, dass entgegen der Erwartungen, Millionen Besucher*innen in den neuen Hauptbahnhof strömten. Mit dem neuen Schienenkreuz in Berlin änderten sich die deutschen Fahrpläne, die Fahrzeiten in zahlreiche deutsche Städte verkürzten sich.

Berlin Hauptbahnhof – Besonderheiten

Kunst Der Europaplatz am nördlichen Ausgang bietet Umsteigemöglichkeiten zum öffentlichen Nahverkehr von Bus und Tram. Hier befindet sich die Skulptur „Rolling Horse“ des Künstlers Jürgen Goertz, die wir für eins der hässlichsten Kunstwerke im öffentlichen Raum halten. Hässlichkeit ist zwar keineswegs eine zufriedenstellende Kategorie bei der Betrachtung von Kunst, doch die einzige Besonderheit der sich krümmenden, aus Aluminium, Stahl, Kunststoff, Glas und Stein gefertigten Pferdeskulptur scheint darin zu liegen, dass sie im Sockel Versatzstücke des ehemaligen Lehrter Bahnhofs aufweist, die durch vier Bullaugen betrachtet werden können.

Das moderne Bürogebäude Cube Berlin auf dem Washingtonplatz. Der Berliner Hauptbahnhof spiegelt sich in der Glasfassade. Foto: Imago Images/Peter Schickert
Das moderne Bürogebäude Cube Berlin auf dem Washingtonplatz. Der Berliner Hauptbahnhof spiegelt sich in der Glasfassade. Foto: Imago Images/Peter Schickert

Cube Berlin Ein verglastes, würfelförmiges Gebäude ziert seit 2020 die südliche Seite des Hauptbahnhofs am Washingtonplatz an der Spree. Der Luxusbürokubus wirkt wie eine überdimensionierte Stadtskulptur, in dessen verglasten, nach innen gefalteten Fassaden sich die Umgebung spiegelt und neue Raumdimensionen erschafft. Cube Berlin ist so futuristisch wie seine Fassade – das 42 Meter hohe Gebäude ist mit 3.800 Sensoren versehen und ermöglicht Mieter*innen durch eine App beispielsweise die individuelle Einstellung von Licht und Temperatur oder die Buchung von Arbeitsplätzen.

Berlin Hauptbahnhof: Wichtige Infos für den Besuch

Anfahrt Am Berliner Hauptbahnhof besteht Anschluss an die folgenden Linien des Nahverkehrs: S- und U-Bahn: S5, S7, S75, U5 Bus: 120, 123, 142, 147, 245, M41, M85, N20, N40 Tram: M5, M8, M10. Wer mit dem eigenen PKW kommt, kann direkt in der Tiefgarage des Bahnhofsgebäudes im Parkhaus Berlin Hauptbahnhof (2,70€/h; 25€/Tag) oder in der Tiefgarage Luisenstraße (1,70€/h; 20€/Tag) parken.

In der Nähe Der Berliner Hauptbahnhof befindet sich in direkter Nähe zum Regierungsviertel. Den Reichstag und weitere Bundestag-Einrichtungen wie das Paul-Löbe-Haus oder das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus sollten sich Architekturbegeisterte nicht entgehen lassen. Auch das Bundeskanzleramt findet ihr hier. Letzteres ist besonders schön an der Spree gelegen – dieser kann man Richtung Westen an der schwangeren Auster (Haus der Kulturen der Welt) vorbei, über den Tiergarten bis zum Hansa-Viertel mit seiner modernen Architektur der 1950er Jahre folgen, oder in östliche Richtung über die Friedrichstraße zur Museumsinsel flanieren und einen Abstecher zum Hackeschen Markt unternehmen.


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Berlins Hauptbahnhof ist nur eines unter zahlreichen architektonischen Juwelen der Stadt: Viel mehr zeigen wir euch in unserem großen Berlin-Architektur-Guide. Ihr seid zu Besuch in der Stadt? Die wichtigsten Berliner Sehenswürdigkeiten auf einen Blick hier. Nicht alle stoßen auf Begeisterung. „Schandfleck“: So schneiden Berlins Sehenswürdigkeiten auf Google ab. Seit Dezember 2020 ist die unterirdische Linie verlängert: Die U5 vom Hauptbahnhof bis Hönow, Station für Station. Alle, die Berlin kurzzeitig satt haben und sich nach Idylle und Tapetenwechsel sehnen, sollten einen Blick in unsere Ausflugstipps werfen.