Sehenswürdigkeiten

RAW-Gelände: Wissenswertes zu Berlins umstrittener Partymeile

Das Berliner RAW-Gelände polarisiert seit Jahren. Manche sehen darin einen Drogenumschlagplatz, einen Katalysator für Gewalt, andere ein Kulturzentrum, eine Feiermeile, eine Phalanx gegen Gentrifizierung. Wiederum andere wittern dort einen lukrativen Standort für Bürokomplexe und Hochpreiswohnungen. Für die Betreiber:innen der vielen soziokulturellen Einrichtungen vor Ort ist das großes Problem. Es ist der berlintypische Konflikt zwischen Kommerz und Kultur.

Wir fassen die Geschichte des RAW-Geländes für euch zusammen: Von den Anfängen im 19. Jahrhundert über die verschlafenen Jahre vor der Jahrtausendwende bis hin zur heutigen nicht ganz einfachen Übersicht der Eigentümer, Nutzer:innen und ihren Vorhaben.

Das RAW-Gelände: Feiermeile, aber auch Kulturzentrum:Das Foto: Imago/Steinach

1862–1933: Das RAW-Gelände entwickelt sich

Die Geschichte des RAW-Geländes ist wohl so vielseitig wie das soziokulturelle Angebot, das sich jetzt auf dem mehr als 70.000 Quadratmeter großen Areal im Berliner Ortsteil Friedrichshain findet. Seine Anfänge hat das Gelände im Jahr 1867 als „Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“, deren Aufbau in die Phase des Wirtschaftsaufschwungs zwischen den Jahren 1867 und 1873 fiel. Nordwestlich entstand 1867 der alte Ostbahnhof (inoffiziell Küstriner Bahnhof, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Ostbahnhof), von dem Züge bis nach Ostpreußen und an die russische Grenze verkehrten.

Um auch die 1882 eröffnete Berliner Stadtbahn in die Werkstatt aufzunehmen, vergrößerte man das Werk im selben Jahr. Auch die Anzahl der Mitarbeiter:innen stieg bis Ende des Ersten Weltkriegs auf insgesamt 1200.

Die Gedenktafeln für Franz Stenzer und Ernst Thälmann auf dem RAW-Gelände. Foto: Imago/Philip Schilf
Die Gedenktafeln für Franz Stenzer und Ernst Thälmann auf dem RAW-Gelände. Foto: Imago/Philip Schilf

1918 fiel der sperrige Name “Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II” weg. Das gesamte Areal wurde zum “Reichsbahnausbesserungswerk” – kurz RAW. Es hielt sich lang, überstand sogar fast den Zweiten Weltkrieg. Erst 1944 zerstörten Luftangriffe große Teile des Geländes. Zum hundertjährigen Bestehen im Jahr 1967 benannte die SED das Gelände zu Ehren des ermordeten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer in „Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Franz Stenzer“ um. Noch heute erinnert ein Gedenkstein im RAW-Gelände an den aus Bayern stammenden Kommunisten.

1995 und die Zeit nach dem Stillstand

Das Werk verlor allerdings nach und nach an Bedeutung, bis auf zwei Hallen legte die Deutsche Bahn das gesamte RAW-Gelände bis 1995 still. Lediglich das Talgo-Werk Berlin und deren etwa 110 Mitarbeiter:innen nutzten einige Hallen, um Züge und Loks instand zu halten. Der Rest verfiel zunehmend. 1998 belebte der neugegründete Verein “RAW-Tempel e.V.” das Gelände wieder, machten es jedoch zum Zuhause für Kunst- und Kulturschaffende. Die Gebäude – vom Beamtenwohnhaus bis zum Stoff- und Gerätelager – überließen die Besitzer:innen des Geländes dem Verein zur Zwischennutzung. Allerdings nicht allzu lang.

Der ehemalige Hochbunker ist als Kegel bekannt und vor allem bei Kletter:innen beliebt. Foto: Imago/YAY Images

Erst 2001 entschied sich der damalige Eigentümer, die Vivico Real Estate GmbH, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, das Areal bebauen zu lassen. Nur durch den Eingriff der Anwohner:innen und der Bezirkspolitik konnte verhindert werden, dass dem Verein RAW-Tempel e.V. fristlos gekündigt wurde.

Kampf ums RAW-Gelände

Mehrmals versucht der RAW-Tempel-Verein, Gebäude von Vivico zu kaufen. Vergebens. 2007 verkaufte die Immobilienfirma das Gelände an die R.E.D. Berlin Development GmbH, die auf dem Gelände Wohnungen und Gewerbeansiedlungen planten. 2012 kauften isländischen Investoren einen Großteil des Geländes. Das RAW-Gelände war somit geteilt. 2015 meldete der RAW-Tempel e.V. Insolvenz an. infolgedessen gründete sich der Verein RAW//cc, der ähnliche Interessen verfolgt. Seit April 2015 ist die Göttinger Immobilienfirma Kurth Eigentümer der 52.000 Quadratmeter großen westlichen Fläche, die sich bis zur Warschauer Straße erstreckt.

Übersicht der Besitzverhältnisse des RAW-Geländes: Die Kurth-Gruppe besitzt den größeren westlichen Teil (52.000 Quadratmeter), während sich die International Campus AG und Mast & Trenkle insgesamt 21.000 Quadratmeter teilen. Foto: Die Anrainer/RAW Kultur L
Übersicht der Besitzverhältnisse des RAW-Geländes: Die Kurth-Gruppe besitzt den größeren westlichen Teil (52.000 Quadratmeter), während sich die International Campus AG und Mast und Trenkle insgesamt 21.000 Quadratmeter teilen. Foto: Die Anrainer/RAW Kultur L

Ebenfalls seit 2015 besitzt die International Campus AG auf der östlichen Seite einen 18.000 Quadratmeter großen Teil des Geländes. Geplant sind hier Studierendenwohnungen. Im nördlichen Teil des Areals belegt die Sewan Verwaltungs GmbH von Peter Mast und Frank Trenkle etwa 3000 Quadratmeter um das Badehaus.

Während dieser Jahre entwickelte sich die Dachorganisation RAW Kultur L e. G. Sie kümmert sich um die Sicherung und Weiterentwicklung des sogenannten “Soziokulturellen L”. Die mehr als 80 Akteur:innen sind in den Gebäuden an der Revaler Straße untergebracht: Sie erstrecken sich vom Beamtenwohnhaus über das Verwaltungsgebäude und dem Stoff- und Gerätelager bis hin zum Club Cassiopeia, dem Kegel und der Skatehalle.

Sowohl die Kurth-Gruppe um Geschäftsführer Lauritz Kurth als auch die International Campus AG planen umfassende Neubauten auf ihren jeweiligen Flächen des Geländes: bis zu 100 Meter hohe Bürogebäude, Gewerbequartiere mit Angeboten, die Besucher:innen auch tagsüber auf das Gelände locken sollen, und, natürlich, Wohnungen. Vorgeschlagene Baupläne für Wohnquartiere seien jedoch bisher aufgrund der erwarteten Konflikte der aktuellen und zukünftigen Nutzer:innen abgelehnt worden. Die Göttinger Kurth-Gruppe setze sich nach eigenen Aussagen für den Erhalt des “Soziokulturellen L” ein, müsse jedoch auch Geld mit dem Land verdienen, um den Kauf des Geländes rentabel zu machen.

Der Eingang zur Skatehalle. Zum Cassiopeia, dem Freiluftkino, dem Sommergarten und Burgeramt geht es nach links. Foto: Imago/Rolf Kremming
Der Eingang zur Skatehalle. Zum Cassiopeia, dem Freiluftkino, dem Sommergarten und Burgeramt geht es nach links. Foto: Imago/Rolf Kremming

Bei einer Versammlung der Nutzer:innen, Eigentümer:innen und Politik im Juni 2019 einigte man sich darauf, dass das gesamte Gebäudeensemble des “Soziokulturellen L” der landeseigenen Gesellschaft für Stadtentwicklung gemeinnützige GmbH (GSE) als Pächter unterstellt wird. Sie setzt sich für dauerhaft stabile und bezahlbare Mieten in den Gesprächen mit der Kurth-Gruppe ein.

Zwischen Drogen, Kriminalität und Lärmbelästigung

Viele Besitzerwechsel, die Teilung, Verhandlungen über die Nutzung: das RAW-Gelände polarisiert bis heute. Die Clubs und Bars ziehen seit Jahren Tourist:innen und feierwütige Berliner:innen an. Viele Investor:innen wittern in dem Gelände vergeudetes Potenzial: Sie wollen neue Eigentumswohnungen auf bauen und die Fläche für Gewerbe und Schulen nutzen, werden jedoch von unterschiedlichen Instanzen gestoppt und entmutigt. Einigen Anwohner:innen in den umliegenden Kiezen ist das Geländen ein Dorn im Auge, wiederum andere unterstützen den Erhalt der soziokulturellen Einrichtungen.

Für viele Menschen der Umgebung hat das RAW-Gelände ein Drogenproblem. Der Handel habe sich demnach über Jahre gesteigert. Eine “Hausordnung” der Immobilienfirma Kurth konnte den Drogenhandel auf dem Gelände weitgehend stoppen. Dafür verlagerte sich das Problem in die umliegenden Straßen. Ebenso zählt das RAW-Gelände zu den Kriminalitäts-Hotspots Berlins. Klar wurde das einer breiteren Öffentlichkeit nach einer Messerattacke auf einen Begleiter und Freund der Sängerin Jennifer Weist (Jennifer Rostock). Der Ruf war hinüber, Ängste geschürt. Linderung brachten ein größeres Security-Team und Sicherheitskameras.

Sonntags ist auf dem RAW-Gelände Flohmarkt-Zeit. Hier werden Kleidung, Snacks, Taschen, Schmuck, Dekoration und mehr angeboten. Foto: imago/Christian Mang (Foto von 2015)
Flohmarkt-Zeit an einem Sonntag im Jahr 2015 auf dem RAW-Gelände. Hier werden Kleidung, Snacks, Taschen, Schmuck, Dekoration und mehr angeboten. Foto: Imago/Christian Mang

Was blieb, ist der Lärm. Für Anwohner:innen der umliegenden Kiez ein Störfaktor. Verantwortlich sind die ansässigen Clubs und die von dort ausströmenden, meist betrunkenen Feiergruppen, die sich nachts (manchmal auch früh morgens) den Weg durch das Kiez nach Hause bahnen. „Nächtlicher Lärm, Kriminalität, Drogenhandel, Müll und Verwahrlosung kennzeichnen unser als Partybezirk vermarktetes Wohnquartier“, heißt es von „Die Anrainer“, einer Initiative unter dem Dach des Stadtteilbüros Kooperationsnetz Friedrichshain e.V. Die Initiative möchte sich an der Diskussion zur Nutzung des RAW-Geländes beteiligen. Es geht ihr unter anderem um die Förderung sozialer Projekte.

Partys, Konzerte und Lesungen: das Astra Kulturhaus ist beliebte Veranstaltungs-Location. Foto: Imago/Christian Behring
Partys, Konzerte und Lesungen: Das Astra Kulturhaus ist beliebte Veranstaltungs-Location. Foto: Imago/Christian Behring

Hinzu kommt die Ungewissheit der Nutzer:innen des RAW-Geländes, was die Zukunft bringt. Mietverträge liefen zuletzt 2019 aus und konnten nur durch einen Kompromiss mit der Kurth-Gruppe auf einen 30-Jahres-Vertrag mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung gGmbH (GSE) verlängert werden.

Die Kurth-Gruppe stellte im Februar 2022 ihre Pläne für das RAW-Gelände vor. Die Kunst- und Kulturstätten Suicide Circus, Urban Spree, Astra Kulturhaus, Haubentaucher und Teile des Kletterturm-Ensembles sollen Gewerbegebäuden und einem 100-Meter-Hochhaus weichen. Die Freifläche soll ebenfalls bebaut werden. Das rotzige Kulturzentrum wird zum geleckten Industriegebiet, einem Mercedes-Benz-Platz 2.0. Über das Thema sprachen wir mit dem Stadtentwickler Carsten Joost, der dafür nicht viel Liebe hat.

Was gibt es auf dem RAW-Gelände zu sehen?

Noch könnt ihr eine Menge auf dem RAW-Gelände erleben. Ihr könnt im Astra Kulturhaus, im Weißen Hasen oder auch im Suicide feiern; euch im Crack Bellmer, Haubentaucher und Schmutzigen Hobby beschwipsen; im urban Spree Kunst genießen, eure Kinder im Zirkus Zack einen Zirkus gestalten lassen oder einfach klettern. Geht immer.

  • RAW-Gelände Revaler Straße 99, Friedrichshain, die Öffnungszeiten variieren je nach Location, weitere Infos hier

Mehr erleben in Berlin

Auch andere Bauwerke in Berlin sind immer einen Besuch wert: In unserem großen Guide erfahrt ihr alles zu Berlins Architektur. Noch mehr Ziele gefällig? Alle Sehenswürdigkeiten Berlins findet ihr gesammelt hier. Sollte das nicht reichen, dann schaut doch einfach in unsere Ausflugstipps.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad