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Das RAW-Gelände: Geschichte, Wissenswertes und Besucherinfos

Das RAW-Gelände in Friedrichshain polarisiert seit Jahren und ist gleichzeitig fester Bestandteil der Berliner Geschichte. Hier treffen denkmalgeschützte Klinkerbauten auf Berliner Partymeile und kriminellen Hotspot. Das mit Graffiti übersprühte Gelände ist das Zuhause für soziokulturelle Einrichtungen, Bars, Clubs, und Restaurants, Zirkus- und Theatergruppen. Gleichzeitig wollen Eigentümer hier neue Wohnanlagen und Gewerbequartiere bauen. Wohl an kaum einem anderen Ort der Hauptstadt manifestiert sich der Konflikt zwischen Kultur und Kommerz so sehr wie hier.

Wir fassen die Geschichte des RAW-Geländes für euch zusammen: Von den Anfängen im 19. Jahrhundert über die verschlafenen Jahre vor der Jahrtausendwende bis hin zur heutigen nicht ganz einfachen Übersicht der Eigentümer, Nutzer*innen und Vorhaben.

Einblick in einen Teil des RAW-Geländes mit dem Badehaus und beliebtem Fotoautomaten. Foto: Imago/Tom Maelsa
Einblick in einen Teil des RAW-Geländes mit dem Badehaus und beliebtem Fotoautomaten. Früher rangierten hier die Bahnen der Reichsbahn und späteren Deutschen Bahn. Foto: Imago/Tom Maelsa

1862–1933: Das RAW-Gelände entwickelt sich

Geschichte Die Geschichte des RAW-Geländes ist wohl so vielseitig wie das kulturelle und soziale Angebot, das sich jetzt auf dem mehr als 70.000 Quadratmeter großen Areal im Berliner Ortsteil Friedrichshain befindet. Seine Anfänge hat das Gelände 1867, welches zu damaligen Zeiten „Königlich Preußische Eisenbahnwerkstatt Berlin II“ genannt wurde. Der Erbau der Eisenbahnwerkstatt lässt sich auf die Phase des Wirtschaftsaufschwungs in den Jahren 1867 bis 1873 zurückführen, den das Land zu der Zeit verzeichnete. Nordwestlich der Eisenbahnwerkstatt wurde 1867 der alte Ostbahnhof (inoffiziell Küstriner Bahnhof, nicht zu verwechseln mit dem heutigen Ostbahnhof) erbaut, von wo Züge bis nach Ostpreußen und an die russische Grenze verkehrten.

Um auch die 1882 eröffnete Berliner Stadtbahn in die Werkstatt aufzunehmen, wurde das Werk im selben Jahr vergrößert. Doch nicht nur das Areal wurde erweitert: Auch die Anzahl der Mitarbeiter*innen stieg bis Ende des Ersten Weltkriegs auf 1200 Personen.

Die Gedenktafeln für Franz Stenzer und Ernst Thälmann auf dem RAW-Gelände. Foto: Imago/Philip Schilf
Die Gedenktafeln für Franz Stenzer und Ernst Thälmann auf dem RAW-Gelände. Foto: Imago/Philip Schilf

Im Jahr 1918 wurde die Werkstatt in „Reichsbahnausbesserungswerk“ umbenannt – kurz RAW. Das gesamte Areal blieb bis zum Zweiten Weltkrieg bestehen, erst 1944 wurden große Teile des Geländes durch Luftangriffe zerstört. Nach dem Krieg wurden diese wieder aufgebaut. Zum hundertjährigen Bestehen wurde das Gelände 1967 zu Ehren des ermordeten kommunistischen Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer in „Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Franz Stenzer“ umbenannt. Noch heute erinnert ein Gedenkstein im RAW-Gelände an den aus Bayern stammenden Kommunisten.

1995 und die Zeit nach dem Stillstand

Das Werk verlor nach und nach an Bedeutung, und bis auf zwei Hallen wurde das gesamte RAW bis 1995 von der Deutschen Bahn stillgelegt. Lediglich das Talgo-Werk Berlin nutzte einige Hallen, um Züge und Loks mit um die 110 Mitarbeiter*innen instand zu halten. Der Rest verfiel zunehmend. Erst 1998 wurde es auf dem Gelände wieder lebendig: Der Verein RAW-Tempel e.V. wurde gegründet und somit zogen 1999 Kunst- und Kulturschaffende in eines der vier denkmalgeschützten Gebäude an der Revaler Straße ein. Diese Gebäude – vom Beamtenwohnhaus bis zum Stoff- und Gerätelager – wurden dem Verein für drei Jahre zur Zwischennutzung überlassen.

Der ehemalige Hochbunker ist als Kegel bekannt und vor allem bei Kletter*innen beliebt. Foto: Imago/Schöning
Der ehemalige Hochbunker ist als Kegel bekannt und vor allem bei Kletter*innen beliebt. Foto: Imago/Schöning

Erst 2001 entschied sich der damalige Eigentümer, die Vivico Real Estate GmbH, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, das Areal bebauen zu lassen. Nur durch den Eingriff der Anwohner*innen und der Bezirkspolitik konnte verhindert werden, dass dem Verein fristlos gekündigt wurde.

Kampf ums RAW-Gelände

Mehrmals versucht der RAW-Tempel-Verein, Gebäude von Vivico zu kaufen, alle Versuche scheiterten jedoch. 2007 verkaufte die Immobilienfirma das Gelände an die R.E.D. Berlin Development GmbH, die auf dem Gelände Wohnungen und Gewerbeansiedlungen vorsah. 2012 kauften isländischen Investoren einen Großteil des Geländes. Das RAW-Gelände war somit geteilt. 2015 meldete der RAW-Tempel e.V. Insolvenz an, infolgedessen gründete sich der Verein RAW//cc, der ähnliche Interessen verfolgt. Seit April 2015 ist die Göttinger Immobilienfirma Kurth Eigentümer der 52.000 Quadratmeter großen westlichen Fläche, die sich bis zur Warschauer Straße erstreckt.

Übersicht der Besitzverhältnisse des RAW-Geländes: Die Kurth-Gruppe besitzt den größeren westlichen Teil (52.000 Quadratmeter), während sich die International Campus AG und Mast & Trenkle insgesamt 21.000 Quadratmeter teilen. Foto: Die Anrainer/RAW Kultur L
Übersicht der Besitzverhältnisse des RAW-Geländes: Die Kurth-Gruppe besitzt den größeren westlichen Teil (52.000 Quadratmeter), während sich die International Campus AG und Mast und Trenkle insgesamt 21.000 Quadratmeter teilen. Foto: Die Anrainer/RAW Kultur L

Ebenfalls seit 2015 besitzt die International Campus AG auf der östlichen Seite einen 18.000 Quadratmeter großen Teil des Geländes. Geplant sind hier Studentenwohnungen. Im nördlichen Teil des Areals belegt die Sewan Verwaltungs GmbH von Peter Mast und Frank Trenkle etwa 3000 Quadratmeter um das Badehaus herum.

Inmitten der Jahre entwickelte sich die Dachorganisation RAW Kultur L e. G. Sie kümmert sich um die Sicherung und Weiterentwicklung des sogenannten „Soziokulturellen L“, ein Ensemble, das aus der Luft an ein L erinnert. Die mehr als 80 Akteure sind in den Gebäuden an der Revaler Straße untergebracht: sie erstrecken sich vom Beamtenwohnhaus über das Verwaltungsgebäude und dem Stoff- und Gerätelager bis hin zum Club Cassiopeia, dem Kegel und der Skatehalle.

Sowohl die Kurth-Gruppe um Geschäftsführer Lauritz Kurth als auch die International Campus AG planen umfassende Neubauten auf ihren jeweiligen Flächen des Geländes: bis zu 100 Meter hohe Bürogebäude, Gewerbequartiere mit Angeboten, die Besucher*innen auch tagsüber auf das Gelände locken sollen, aber auch Wohnungen. Vorgeschlagene Baupläne für Wohnquartiere seien jedoch bisher aufgrund der erwarteten Konflikte der aktuellen und zukünftigen Nutzer*innen abgelehnt worden. Die Göttinger Kurth-Gruppe setze sich zudem für den Erhalt des „Soziokulturellen L“ ein, müsse jedoch auch Geld mit dem Land verdienen, um den Kauf rentabel zu machen.

Der Eingang zur Skatehalle. Zum Cassiopeia, dem Freiluftkino, dem Sommergarten und Burgeramt geht es nach links. Foto: Imago/Rolf Kremming
Der Eingang zur Skatehalle. Zum Cassiopeia, dem Freiluftkino, dem Sommergarten und Burgeramt geht es nach links. Foto: Imago/Rolf Kremming

Bei einer Versammlung der Nutzer*innen, Eigentümer und Politik im Juni 2019 einigte man sich darauf, dass das gesamte Gebäudeensemble des „Soziokulturellen L“ der landeseigenen Gesellschaft für Stadtentwicklung gemeinnützige GmbH (GSE) als Pächter unterstellt wird. Sie setzt sich für dauerhaft stabile und bezahlbare Mieten in den Gesprächen mit der Kurth-Gruppe ein.

Zwischen Drogen, Kriminalität und Lärmbelästigung

Heute Das RAW-Gelände polarisiert. Die Clubs und Bars ziehen seit Jahren Touristen und feierwütige Berliner*innen an, die gerne die ganze Nacht durchmachen. Das Gelände an sich spiegelt für viele Investor*innen vergeudetes Potenzial wider: Sie wollen neue Eigentumswohnungen auf dem Gelände bauen und die Fläche für Gewerbe und Schulen nutzen, werden jedoch von unterschiedlichen Instanzen gestoppt und entmutigt. Das Gelände ist einigen Anwohner*innen in den umliegenden Kiezen ein Dorn im Auge, wiederum andere unterstützen den Erhalt der soziokulturellen Einrichtungen auf dem RAW-Gelände.

Zu den Problem des RAW-Geländes zählt der Drogenhandel, der sich über die Jahre hinweg gesteigert hat. Erst seit der Erstellung einer „Hausordnung“ durch die Immobilienfirma Kurth konnte der Drogenhandel auf dem Gelände weitgehend gestoppt werden. Dafür verlagerte sich das Problem in die umliegenden Straßen. Ebenso zählt das RAW-Gelände zu den Kriminalitäts-Hotspots Berlins. Erst 2015 erreichte die Kriminalität ihren Höhepunkt, als ein Begleiter und Freund der Sängerin Jennifer Weist (Jennifer Rostock) mit einem Messer schwer verletzt wurde. Seitdem gilt das Reichsbahnausbesserungswerk als sehr gefährlich. Durch den Einsatz eines größeren Security-Teams sowie der Installierung von Sicherheitskameras auf dem Gelände ging die Gewalt etwas zurück.

Sonntags ist auf dem RAW-Gelände Flohmarkt-Zeit. Hier werden Kleidung, Snacks, Taschen, Schmuck, Dekoration und mehr angeboten. Foto: imago/Christian Mang (Foto von 2015)
Flohmarkt-Zeit an einem Sonntag im Jahr 2015 auf dem RAW-Gelände. Hier werden Kleidung, Snacks, Taschen, Schmuck, Dekoration und mehr angeboten. Foto: Imago/Christian Mang

Aber auch die allgemeine Lärmbelästigung der auf dem Gelände ansässigen Clubs und der von dort ausströmenden, meist betrunkenen Feiergruppen, die sich mitten in der Nacht den Weg durch das Kiez nach Hause bahnen, stört manche Anwohner*innen im umliegenden Kiez. „Nächtlicher Lärm, Kriminalität, Drogenhandel, Müll und Verwahrlosung kennzeichnen unser als Partybezirk vermarktetes Wohnquartier“, heißt es von „Die Anrainer“, einer Initiative unter dem Dach des Stadtteilbüros Kooperationsnetz Friedrichshain e.V. Die Initiative möchte sich an der Diskussion zur Nutzung des RAW-Geländes beteiligen. Es geht ihr unter anderem um die Förderung sozialer Projekte, die zudem die gewachsene Vielfalt erhält.

Partys, Konzerte und Lesungen: das Astra Kulturhaus ist beliebte Veranstaltungs-Location. Foto: Imago/Christian Behring
Partys, Konzerte und Lesungen: Das Astra Kulturhaus ist beliebte Veranstaltungs-Location. Foto: Imago/Christian Behring

Hinzu kommt die Ungewissheit der Nutzer*innen des RAW-Geländes, was die Zukunft bringt. Mietverträge liefen zuletzt 2019 aus und konnten nur durch einen Kompromiss mit der Kurth-Gruppe auf einen 30-Jahres-Vertrag mit der Gesellschaft für Stadtentwicklung gGmbH (GSE) verlängert werden. Was bewegt die Menschen, welche Lösungen schlagen sie für die Probleme auf dem RAW-Gelände in Berlin vor? Lest ihr hier.

Wichtige Informationen für den Besuch des RAW-Geländes

Öffnungszeiten Die Öffnungszeiten variieren je nachdem, was ihr besuchen wollt. Aktuelle Informationen findet ihr bei den jeweiligen Clubs, Restaurants und Veranstaltungslocations.

Anfahrt Das RAW-Gelände liegt direkt am S-Bahnhof Warschauer Straße. Innerhalb weniger Gehminuten in Richtung Stadtgrenze erreicht ihr von dort das große Areal, das an der Warschauer Straße/Revaler Straße liegt. Mit der Tram M10 und M13 könnt ihr bis Revaler Straße oder Warschauer Straße fahren und den Rest laufen. Die U-Bahn U1 und U3 hält ebenfalls an der Warschauer Straße, von hier sind es circa fünf Minuten Gehweg. Mit den Bussen 300 und 347 sowie dem Nachtbus N1 könnt ihr bis zur Station S+U Warschauer Straße fahren. Mit dem Auto könnt ihr in den umliegenden Straßen parken, solltet ihr einen freien Platz finden; ein Parkhaus befindet sich an der East Side Mall circa zehn Minuten entfernt.

In der Nähe In der unmittelbaren Umgebung befindet sich das Einkaufszentrum East Side Mall sowie die East Side Gallery, das längste erhaltene Stück der Berliner Mauer. Hinter dem Einkaufszentrum erstreckt sich der Mercedes-Platz, der die Konzerthalle Mercedes-Benz-Arena umgibt. Das kleinere Äquivalent zur Arena steht direkt gegenüber: Die Verti Music Hall. Auch die berühmte Oberbaumbrücke – das wichtigste Verbindungsstück zwischen Kreuzberg und Friedrichshain – ist innerhalb weniger Minuten erreichbar.

Wichtige Adressen

  • RAW-Gelände Revaler Str. 99, Friedrichshain

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