Internetradio

Frequenzlos glücklich: Berlin Community Radio

Musik zum Frühstück, im Auto und zur Afterhour: Immer noch hören sie Millionen Menschen regelmäßig übers Radio. Nur einen Kunststoffkasten, den braucht es dafür nicht mehr. Viele schalten lieber ihr Handy ein und hören Sender wie das Berlin Community Radio einfach online. Das Internetradio verknüpft seit 2013 die städtische Musikszene. Ein Besuch

Moderatorin Dreea bei Berlin Community Radio/ Foto: Andreea Pavel

Es gibt sie noch, die Ecken in Mitte, die nicht komplett durchgestylt sind. Der Hinterhof auf der Veteranenstraße, in dem sich auch der Club Acud befindet, gehört dazu. Über ein vollgestickertes Treppenhaus erreicht man zwei Stockwerke weiter oben das Herz des Berlin Community Radio. ­Kleine Gruppen modisch gekleideter Mittzwanziger stehen herum. Alle sprechen Englisch und tragen abgeranzte Sportkleidung, die Ende der 80er-Jahre einmal cool gewesen sein könnte.

Andreea Pavel begrüßt die meisten von ihnen mit einer Umarmung und führt kurzen Smalltalk. Dreea nennt sich die 33-Jährige, wenn sie Musik auflegt. Beim Berlin Community Radio hat sie seit mehreren Jahren eine Sendung, in der sie vor allem Hip-Hop spielt. Getroffen haben wir uns in einer kleinen ­Küche neben dem Radiostudio und müssen warten. Gerade wird dort noch aufgenommen: Noise-Musik ist aus dem Raum nebenan zu hören, die immer wieder von Drums ­untersetzt zu Techno-Stücken mutiert.

Im September 2013 wurde das Berlin Community Radio von Anastasia ­Filipovna und Sarah Miles gegründet und sendet seitdem 24 Stunden am Tag hauptsächlich elektronische Musik. Beide Gründerinnen lebten in London, bevor sie nach Berlin ­zogen. In Großbritannien gibt es sogenannte ­Social Clubs, in denen sich alle Generationen treffen, spielen und trinken. Oft sind auch DJs oder Live-Bands da. So, bloß in digitaler Form, gestaltet sich auch das Community Radio. Menschen aus China, Russland oder den USA kommen in Berlin zusammen und verbinden ihre Musikgeschmäcker in dem kleinen Raum in Mitte. Weit über 20 Sendungen laufen mittlerweile, einige gehostet von zumindest in der elektronischen Musikszene großen Namen wie Laurel Halo oder Carla Dal Forno.

Damit erreicht das Berlin Community Radio ein Publikum, das keine Lust mehr auf den Einheitsbrei hat, der im Tagesprogramm in vielen Radiostationen abgespielt wird. Während bei „fritz“ oder „Energy“ Max-Giesinger-Songs zu hören sind, spielt das Berlin Community Radio abseitige ­Ambient-Sendungen oder unbekanntere Genres aus Afrika. Währenddessen können die Hörer miteinander chatten. Alle, die mitmachen, durften zeitweise auf einer monatlichen Party auflegen. So wurde die Online-Welt zur körperlichen Erfahrung.

Auch Andreeas erster Kontakt mit dem Sender war online. „Eine Zeit lang habe ich regelmäßig in Paris aufgelegt“, sagt sie. „Das hat Anastasia wohl mitbekommen, mich per Nachricht gefragt, ob ich Lust auf eine Sendung habe. Dann ging’s los.“ Thematisch ist Andreea völlig frei. Oft spielt sie Rapmusik aus den USA, manchmal lädt sie sich auch Gast-DJs oder feministische ­Aktivistinnen ein. „Beschnitten werde ich hier nicht“, sagt sie. „Es gibt zwar kein Geld, aber dafür kann ich machen, was ich will.“ Durch ­Stipendien wird die Arbeit des Community Radio weitgehend finanziert, denn störende Werbejingles laufen nicht. Ein Stück weit Selbstausbeutung von Enthusiasten sind die Sendungen, aber das stört keinen.

Endlich dürfen wir ins Studio. Dylan Travis hat uns gerufen, einer von sieben Studioassistenten, die jeweils einen Tag die Sendungsmacher betreuen und die Technik am Laufen halten. Das Studio ist ein kleiner Raum, zwölf Quadratmeter groß, länglich geschnitten. Gemütlich ist es dort, ein großes Mischpult ist zu sehen. Ein Gemisch aus Schweiß und Bier liegt in der Luft. Manchmal, da entwickeln sich die Sendungen zu kleinen Partys. Gerade würden 45 Leute zuhören, sagt Dylan. „Aber es können auch mal weit über 500 werden.“ So wie damals, als Andreea eine Sendung ausschließlich mit Manele-Sounds füllte. „Das ist Pop-Musik, die Roma in den Clubs hören.“ Danach hätten ihr Roma aus der ganzen Welt geschrieben und sich bedankt. Über 60.000 Klicks hatte der Mix schließlich auf Soundcloud.

Künftig will Andreea mehr Gäste einladen, wenn sie ab August wieder monatlich on air ist, vielleicht sogar Freestyle-Sessions mit Rappern einberufen. Sendungen auf BBC One Xtra sind die Vorbilder. Und Dylan Travis? Der will eigentlich das Studio abschließen und sagt im Gehen noch: „Ich komme aus Kalifornien, kannte in Berlin niemanden.“ Mittlerweile ist er Teil der Community. Manchmal hört man ihn im zweiten Obergeschoss eines Hinterhofhauses in Mitte elektronische Musik auflegen.

Mehr unter: www.berlincommunityradio.com

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